Gesundheit

Problemfall Mann: Aggression in der Depression

Depressive Männer neigen im Vergleich zu Frauen deutlich häufiger zu Wutausbrüchen. Und gestehen sich ihre Erkrankung viel zu spät ein. Bild: news.de/ iStockphoto (Montage)

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«Oftmals treten betroffene Männer geradezu feindselig und aggressiv auf und haben eine nach außen gerichtete Vorwurfshaltung sowie eine niedrige Stresstoleranz», erläutert Professor Mathias Berger von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. Das aggressive Auftreten werde bei ihnen auch in riskanten Verhaltensweisen wie beispielsweise waghalsigem Autofahren oder antisozialem Benehmen sichtbar.

Selbst bei Kleinigkeiten könnten sie ausrasten und würden von regelrechten Zornattacken übermannt, so der Professor. Im Nachhinein empfänden sie ihr Verhalten zumeist selbst als unpassend oder übertrieben und bedauerten ihren Wutausbruch. Doch lernen sie daraus, in Zukunft daran zu arbeiten? «Das hängt eher von Persönlichkeitsfaktoren und von der Schwere des Leidens ab. Ein manisch Depressiver kann es aufgrund seiner Depression nicht mehr», erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Berufsverband deutscher Psychiater. Denn allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst und dem eigenen Verhalten seien wiederum typisch für Depressionen bei Männern.

Der Grund für die Aggressivität bei Männern liegt in den Hormonen. Schon im Mutterleib komme es durch das männliche Geschlechtshormon Testosteron zu einer anderen Netzstruktur und Binnen-Organisation in der Gehirnentwicklung, die sich dann fortsetze, so Roth-Sackenheim. Die Wahrnehmung wird später anders verarbeitet, bei Männern emotionaler und impulsiver.

Stress als Ausrede

Das Hauptproblem der Männer: Sie führen nach Bergers Angaben ihre Befindlichkeitsstörungen häufig auf Stress und berufliche Belastungen zurück und schließen eine psychische Erkrankung eher aus. «Auch trägt das männliche Rollenbild, das von Unabhängigkeit und Selbstsicherheit gekennzeichnet ist, dazu bei, dass sie erst sehr spät Hilfsangebote aufsuchen oder sich selbst nur schwer eine mögliche Erkrankung eingestehen», betont der Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Freiburger Universität. Das soziale Stigma psychischer Erkrankungen mache es Betroffenen zusätzlich schwer, eine Diagnose zu akzeptieren.

Die klassischen Depressionssymptome wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Erschöpfung und Schlaflosigkeit sind laut Berger oft im Hintergrund bereits vorhanden. Sie werden aber erst zu einem späteren Zeitpunkt der Erkrankung deutlich. «Die Depression bei Männern scheint dramatisch unterdiagnostiziert zu sein», bekräftigt Roth-Sackenheim. Aufgrund des Gesamtbildes sei die männliche Depression auf den ersten Blick schwer zu erkennen, weil sie nicht in die übliche Schablone passe.

Vermehrter Alkoholkonsum könne ebenso ein Anzeichen einer nahenden oder bestehenden Depression sein, sagt Berger. Denn gerade beim starken Geschlecht geht einer Depression oftmals eine Abhängigkeit voraus. Einer Studie zufolge hatten bis zu 30 Prozent der depressiven Männer vor ihrer Erkrankung tatsächlich ein Suchtproblem. Ebenso versuchen viele, ihre Erkrankung mit Drogen zu «therapieren». Ein fataler Teufelskreis: Denn die Depression führt dazu, dass noch mehr Drogen konsumiert werden, die Substanzen hingegen stürzen den Betroffenen noch weiter in die seelische Krise.

Eine Depression sei eine lebensgefährliche Erkrankung, die unbehandelt im schlimmsten Fall zum Tode führen könne, warnt der Professor. Etwa vier Prozent der Betroffenen nehmen sich nach seinen Angaben das Leben. «Obwohl Suizidversuche unter beiden Geschlechtern gleich häufig vorkommen, ist der Anteil der tatsächlichen Selbsttötungen bei Männern doppelt so hoch», betont Berger. Das zeige sich auch in der Methode. Denn sie neigten auch eher zu brutaleren und damit gefährlicheren Suizidversuchen als Frauen. 

kat/reu/news.de/ap