Boeing nach den Abstürzen: Dem Flugzeughersteller droht eine massive Klagewelle

Auf den US-Luftfahrtriesen Boeing kommen nach zwei Flugzeugabstürzen große juristische Risiken zu. Die rechtliche Lage ist brisant, nicht nur wegen der Schadenersatzklagen von Angehörigen der Todesopfer. Auch für deutsche Reise-Unternehmen haben die Boeing-Probleme Konsequenzen.

Flugzeughersteller Boeing könnte eine massive Klagewelle ins Haus stehen. Bild: picture alliance/Ted S. Warren/AP/dpa

Nach den Abstürzen zweier Boeing-Maschinen in Indonesien und Äthiopien steht der Flugzeughersteller bereits massiv unter Druck - doch der Stresspegel dürfte für den US-Konzern rasch weiter ansteigen. Denn nun schlägt die Stunde der Anwälte - und das bedeutet im US-Rechtssystem, wo Sammelklagen gang und gäbe sind, für Unternehmen in der Regel großen Ärger. Es drohen etliche Rechtsstreitigkeiten verschiedener Art, einige Klagen liegen bereits vor.

Flugzeughersteller Boeing droht nach Abstürzen in Äthiopien und Indonesien massive Klagewelle

Der erste Rechtsstreit im Namen Angehöriger eines Todesopfers der am 10. März in Äthiopien abgestürzten Boeing 737 Max 8 wurde am Donnerstag (Ortszeit) im US-Bundesstaat Illinois eröffnet. Laut Klageschrift wird von Boeing Schadenersatz wegen eines angeblichen Defekts der Unglücksmaschine gefordert. Zudem werfen die Kläger dem US-Luftfahrtriesen vor, nicht ausreichend vor den Risiken des Flugzeugs gewarnt und so Menschenleben gefährdet zu haben.

Eine Boeing-Sprecherin sagte auf Nachfrage, der Konzern könne sich zu dem Rechtsstreit nicht äußern. "Wir sprechen den Angehörigen derer, die an Bord des Flugs 302 von Ethiopian Airlines waren, unser tiefstes Mitgefühl aus." Boeing unterstütze weiter die Ermittlungen zur Unfallursache und arbeite mit den zuständigen Behörden zusammen. Ende Oktober 2018 war bereits eine baugleiche und ebenfalls fast nagelneue 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt, hier folgten bereits etliche ähnliche Klagen.

Boeings neue Steuersoftware könnte an beiden Abstürzen maßgeblich Schuld sein

Boeing steht nach den Abstürzen, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, heftig in der Kritik. Laut Unfallermittlern spielte eine für die neue Baureihe entwickelte Steuerungssoftware eine entscheidende Rolle beim Crash in Indonesien. Auch beim Unglück in Äthiopien gilt sie als mögliche Ursache.

Das MCAS genannte Programm soll dazu geführt haben, dass die Piloten des Lion-Air-Flugs in Indonesien die Kontrolle über die Maschine verloren. Der Bordcomputer soll die Nase des Jets automatisch immer wieder nach unten gedrückt haben, während die Crew vergeblich versuchte gegenzusteuern. Boeing weist Vorwürfe, wonach die MCAS-Software ein Risiko war, über das Airlines nicht ausreichend informiert wurden, zwar zurück. Doch der Konzern will rasch ein Update für das Programm liefern, um die Sicherheit zu erhöhen.

Aufklärung der tatsächlichen Unfallursachen läuft noch

Die Aufklärung der Unfallursachen läuft noch, doch rechtlich gesehen scheint die Angelegenheit für Boeing auch so schon heikel genug. Die Schadenersatzverfahren der Hinterbliebenen, wie die nun in Illinois eingereichte Klage, dürften einen wesentlichen Teil des juristischen Nachspiels ausmachen. So etwas ist bei Unfällen mit Todesopfern stets eine empfindliche Angelegenheit, denn letztlich feilschen Anwälte beider Seiten hier darum, wie Menschenleben finanziell abzugelten sind. Boeing könnte dabei aber noch größere Probleme bekommen.

Viele Risiken machen die anrollende Klagewelle zum uneinschätzbaren Problem für Boeing

Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass eine hausgemachte fehlerhafte Software der entscheidende Faktor bei den Abstürzen war, so bekäme der Fall rechtlich eine ganz andere Dimension. Dann könnten US-Gerichte eine viel weitreichendere Haftung feststellen und sogenannten Strafschadenersatz verhängen, mit dem im US-Recht besonders schwerwiegende Fälle über den erlittenen Schaden hinaus sanktioniert werden. Bei Unternehmen ist dieses Instrument gefürchtet, auch aus versicherungstechnischen Gründen.

Boeing drohen aber noch weitere Prozessrisiken. So trommeln schon seit Wochen US-Kanzleien, die sich auf Sammelklagen spezialisiert haben, Mandanten zusammen, die nach den Abstürzen Kursverluste mit Boeing-Aktien erlitten haben. Darunter sind bekannte Anwaltsfirmen wie Hagens Berman - eine Großkanzlei, die schon Volkswagen in der "Dieselgate"-Affäre oder General Motors im Skandal um defekte Zündschlösser zu schaffen machte. Ohne Boeings "unglaubliches Versagen" bei der Sicherheit hätten die Abstürze womöglich verhindert werden können, meint Hagens-Berman-Partner Reed Kathrein.

Hat Boeing bei der Zulassung der Maschinen sogar Informationen zurückgehalten?

Darüber hinaus muss Boeing trotz seines traditionell engen Drahts zur US-Regierung auch die staatlichen Strafverfolger fürchten. Der Konzern wird verdächtigt, bei der Zulassung der Unglücksflieger Informationen unterschlagen zu haben, was die Angelegenheit zum Kriminalfall machen würde. Laut US-Medien hat sich die Bundespolizei FBI auch schon in die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Zertifizierung der 737 Max eingeschaltet. An deren Spitze soll die strafrechtliche Abteilung des Justizministeriums stehen, die immer wieder mit hohen Strafen für Unternehmen von sich reden macht.

Reisekonzern Tui kappt Gewinnprognose wegenFlugverboten für Boeing-Jets

Die Flugverbote für Boeings Mittelstreckenjet 737 Max durchkreuzen die bereits gekappten Gewinnpläne des weltgrößten Reisekonzerns Tui. Weil das Unternehmen Ersatzflugzeuge mieten muss, rechnet Tui-Chef Fritz Joussen für das laufende Geschäftsjahr bis Ende September mit deutlichen Gewinneinbußen. Sollten die Max-Jets bis Mitte Juli wieder fliegen dürfen, werde dies den operativen Gewinn (bereinigtes Ebita) voraussichtlich mit rund 200 Millionen Euro belasten, teilte das Unternehmen am Freitag in Hannover mit. Sollten die Flugverbote länger gelten, kämen weitere 100 Millionen Euro an Kosten hinzu. Die Tui-Aktien brachen zum Handelsstart in London um rund 10 Prozent ein.

Tui hat 15 Maschinen von Boeings 737-Max-Reihe in der Flotte, die nach zwei Abstürzen von Flugzeugen des gleichen Typs von Lion Air und Ethiopian Airlines am Boden bleiben müssen. Bis Ende Mai wollte der Reisekonzern eigentlich acht weitere Maschinen der Reihe in seine Flotte aufnehmen - auch bei seiner deutschen Tochter Tuifly, die bisher noch keinen Flieger des Typs besitzt. Die Auslieferungen sind derzeit gestoppt. Bislang seien keine Termine bekannt, wann Anpassungen des Herstellers an dem Flugzeugmodell erfolgen und wann mit einer Freigabe durch die Aufsichtsbehörden FAA und EASA zu rechnen sei, hieß es. Deshalb habe Tui für die Zeit bis Mitte Juli Vorkehrungen getroffen.

 

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pap/news.de/dpa

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