Wirtschaft in Großbritannien: Brexit-Entscheidung treibt Investoren nach Deutschland

Das Brexit-Votum und die in der Folge befürchteten Auswirkungen auf den Freihandel erhöhen die Attraktivität Deutschlands für Investoren. In Großbritannien hingegen sind die Auswirkungen spürbar: Höhere Lebenshaltungskosten und geringere Gewinnmargen für Unternehmer. Trotzdem wollen die Briten den europäischen Binnenmarkt nach wie vor verlassen.

Die britische Regierungschefin hatte kürzlich in einer Grundsatzrede zum Brexit angekündigt, dass Großbritannien den europäischen Binnenmarkt verlassen wird. Bild: picture alliance / Niall Carson/PA Wire/dpa

In einer Umfrage sehen 40 Prozent der ausländischen Firmen Deutschland als attraktiven Investitionsstandort, das sind zwei Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr, wie aus einer Untersuchung der Unternehmensberatung Ernst &Young (EY) hervorgeht. Für mehr als die Hälfte (54 Prozent)der Firmen, die bislang in Großbritannien aktiv waren, wäre Deutschland ein bevorzugtes Ziel außerhalb des Vereinigten Königreichs.

Nach dem Brexit: Deutschland interessant für Investoren

Allerdings warnt EY-Deutschlandchef Hubert Barth: "So erfreulich die steigende Attraktivität des Investitionsstandortes Deutschland ist - dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU viele deutsche Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen wird." Für die Automobilindustrie beispielsweise stehe viel auf dem Spiel. Neue Handelshemmnisse über Zölle oder Vorschriften seien für viele Unternehmen eine Belastung.

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Die Auswirkungen des Brexit-Votums spüren bereits knapp drei Viertel (71 Prozent) der Unternehmen, obwohl Großbritannien frühestens in zwei Jahren aus der Europäischen Union austreten wird. Bei etwa 28 Prozent sind die Gewinnmargen, also das, was vom Umsatz übrig bleibt, geschrumpft, da Importe wegen des niedrigen Pfunds-Kurses teurer geworden sind. 29 Prozent klagen über höhere Einkaufspreise vor Ort.

Premierministerin May in Dublin über Irland: "Wir wollen keine Rückkehr zur Grenze"

Die britische Premierministerin Theresa May und der irische Regierungschef Enda Kenny wollen auch nach dem Brexit eine befestigte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland vermeiden. Das machten sie am Montag (30.10.2017) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz deutlich. May war zu Gesprächen mit ihrem irischen Kollegen nach Dublin gereist. Die britische Regierungschefin hatte kürzlich in einer Grundsatzrede zum Brexit angekündigt, dass Großbritannien den europäischen Binnenmarkt definitiv verlassen wird. Auch der Zollunion will das Land in der derzeitigen Form nicht mehr angehören.

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Das hatte Ängste, zwischen dem britischen Nordirland und der zur EU gehörenden Republik Irland könnten Grenzkontrollen eingeführt werden, geschürt. Politiker in Nordirland sehen deshalb sogar den Friedensprozess zwischen Katholiken und Protestanten in der Region gefährdet. Nordirland steckt seit Wochen in einer politischen Krise. Am 2. März soll dort eine neues Regionalparlament gewählt werden. May und Kenny zeigten sich am Montag zuversichtlich, dass ein Abkommen zwischen den beiden Ländern geschlossen werden kann, um eine befestigte Grenze zu vermeiden.

Theresa Mays Kuschelkurs mit Donald Trump sorgt für Unbehagen in Europa

Der Antrittsbesuch von Theresa May bei US-Präsident Donald Trump sorgt auch in Großbritannien für Zwiespalt: Die USA werden zu einem der wichtigsten Handelspartner für die Briten für den Fall, dass sie den europäischen Binnemarkt verlassen wollen. Das sieht die EU natürlich nicht gerne und befürchtet eine vergiftete Stimmung aufgrund einer britischen Trump-Nähe. Gerade im Hinblick auf die neu erlassenen amerikanischen Dekrete und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen. Guy Verhofstadt, Chefunterhändler der EU, machte deutlich, dass der Kuschelkurs Großbritanniens in Europa nicht gern gesehen ist. Auch Mario Giro, stellvertretender italienischer Außenminister warnte vor einem "ökonomischen Kalten Krieg".

Heute geht der berüchtigte Artikel 50 in die zweite Lesung. Theresa May muss nun bis zum 8. Februar das Gesetz zum EU-Austritt durch Ober- und Unterhaus bringen, ehe die tatsächlichen Verhandlungen beginnen können. Die Zeit tickt also.

Wichtige Etappen auf dem Weg zum EU-Referendum in Großbritannien
Brexit 2016
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koj/lid/news.de/dpa

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