Neckermann-Pleite Die Kannibalisierung der Onlineshops

Schlecker&Co.
Diese Traditions-Unternehmen sind pleite
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Juliane ZiegengeistVon news.de-Redakteurin
Konsum-Mekka Internet: Dorthin verlagert sich der Preiskampf im Einzelhandel mehr und mehr. Alles ist zu bekommen und jederzeit vergleichbar. Eine Herausforderung, an der zuletzt einst florierende Traditionsunternehmen kläglich scheiterten.

Quelle, Schlecker, Neckermann - große Namen des Einzelhandels, vormals Symbole des Wirtschaftswunders, die in den vergangenen Jahren pleite gingen oder gerade ein Insolvenzverfahren durchlaufen. Umsatzeinbußen, Stellenabbau, eine letzte Neuausrichtung waren Stationen, die den Niedergang aller drei Traditionsunternehmen kennzeichneten. Zuletzt versuchte Neckermann sich zu berappeln, indem das eingestaubte Kataloggeschäft auf Eis gelegt und auf den Onlinehandel fokussiert wurde - vergebens. Der Eigentümer drehte den Geldhahn zu, im Juli musste der Konzern Insolvenz anmelden.

Ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch am Einzelhandel, insbesondere am Versandhandel, der Zahn der Zeit nagt. Kundenbedürfnisse verändern sich, der Markt ist in ständiger Bewegung, neue Händler kommen hinzu. Vor allem im Internet floriert das Geschäft. Allein 2012 wird der Umsatz des Internethandels in Deutschland um 13 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro Umsatz steigen, so eine Schätzung des Handelsverbandes Deutschland. Neben genuinen Onlinehändlern wie Amazon drängen auch klassische Händler ins Netz mit dem Ziel, über das zweite Standbein mehr Kunden abzuschöpfen.

Marktplätze im Internet
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Denn im Vergleich zum Ladenhandel holt das Internetgeschäft kontinuierlich auf. Im Non-Food-Bereich liegt der Marktanteil bei knapp 14 Prozent, in einzelnen Warengruppen noch deutlich höher. So wird jedes fünfte Buch bereits online gekauft. Prognosen des Statistischen Bundesamtes gehen für 2020 davon aus, dass 20 Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel online erwirtschaftet werden. Neckermann wird nur dann mitmischen können, wenn sich ein neuer Investor findet, der die Trendwende forciert. Vorbild kann Versandhandel-Konkurrent Otto sein, der anders als Quelle und Neckermann den Anschluss seit Jahren hält.

Früh investierte das Unternehmen in Internettechnik, stattete seinen Onlineshop mit dreidimensionalen Ansichten bestimmter Artikel aus und lockte damit ein internetaffines und kaufkräftiges Klientel an. Von der Beteiligung an dem Start-up Project A Ventures verspricht sich der Versandriese weitere Impulse. Es berät Konzerne im Bereich «Internet, Mobile & Technology» und baut Sparten-Onlineshops auf. Über ein Kaufinteresse Ottos an Internetaufsteiger Zalando wird in der Branche schon länger gemunkelt, doch der Versand-Oldie dementiert.

Amazon mit Milliardenumsatz Marktführer

Dabei wäre Zalando nicht der schlechteste Deal. Der Onlinehändler für Schuhe und Mode hat sich seit seiner Gründung 2008 dank offensiver Werbekampagnen («Schrei vor Glück») zu einer ernstzunehmenden Größe in der Branche entwickelt. Während andere Stellen strichen, wuchs der Mitarbeiterpool auf mittlerweile über 1000. Von 2010 auf 2011 verdreifachte sich der Umsatz: Aus 150 wurden 510 Millionen Euro. Auch wenn wegen der hohen Retourenquote - Zalando bietet kostenlose Zu- und Rücksendung - das Geschäftsmodell von Experten oft in Frage gestellt wird, hat der Händler gezeigt, wie wichtig es ist, im Web modern, schnell und günstig zu sein.

Unschlagbar ist da immer noch Amazon. Im zweiten Quartal dieses Jahres erzielte der Brachenriese 12,83 Milliarden Dollar Umsatz, 29 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Der weltgrößte Onlinehändler wird bei Kunden für sein faires Preis-Leistungs-Verhältnis geschätzt, vermittelt nicht mehr nur Angebote anderer Händler und kassiert dafür Provision, sondern geht auch mit eigenen Geräten wie dem E-Book Kindle an den Markt 2.0. Mut, der vielen etablierten Firmen im Netz noch fehlt. Und die Luft wird immer dünner, denn mehr und mehr Traditionsunternehmen springen auf den Onlinezug auf.

So soll die 2008 insolvent gegangene Warenhauskette Hertie im Internet neu entstehen. Nach dem Vorbild von Amazon und Otto ist ab Ende 2012 ein Online-Kaufhaus für die ganze Familie geplant - kostenlose Telefonberatung inklusive. Zwei Osnabrücker Unternehmer wollen den noch immer hohen Markenwert nutzen. Eine Insolvenz muss also noch lange nicht das Ende sein. Vielleicht gilt das ja auch für Neckermann. Zuletzt machte der gestrauchelte Versandhändler mit Galgenhumor auf sich aufmerksam und warb mit Slogans wie «Insolvent! Na und?» auf seiner Website. Mit der richtigen Strategie könnte bald ein alter Werbespruch wieder aktuell werden: «Neckermann macht's möglich!»

jag/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Pazifiko
  • Kommentar 3
  • 13.08.2012 19:30

Auch bei Online-Versandhäusern hat man längst erkannt, dass die Menschen einfach nicht mehr konsumieren können als sie wirklich an Geld frei verfügbar haben. Und das wird bei stetig steigenden Ausgaben für Grundbedürfnisse wie Energie, Lebensmittel, Miete etc. tendenziell eher weniger als mehr. Und da die Spirale aktuell nur eine Richtung kennt, nämlich Abwärts, ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis überhaupt nichts mehr geht. Nur was kommt dann?

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  • Dan Brown
  • Kommentar 2
  • 13.08.2012 16:10

Na mal schauen wie das mit Hertie funktiniert. Die Marke alleine ist doch nicht mehr viel wert. An Quelle beisst sich der Investor Otto derzeit auch die Zähne aus. Der Laden läuft nicht. Bei Neckermann ist die frage ob sie ein wirklich tragfähiges Konzept auf die Reihe bekommen. Deren Glück ist, dass die Medien sie bis dato nicht wie bei der Karstadt/Quelle-, Schlecker-, ... Insolvenz zerrissen hat.

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  • Doc Evil
  • Kommentar 1
  • 09.08.2012 15:59

Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt.

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