Solarbranche Das große Sterben beginnt

Die Solarbranche galt als goldene Zukunft des Industriestandorts Deutschland. Nun scheint die Zukunft vorbei, bevor sie begonnen hat. Ein Unternehmen nach dem anderen schlittert in die roten Zahlen, 100.000 Jobs sind in Gefahr. Schuld daran ist ausgerechnet der Wirtschaftsminister.

Vertreter der Solarindustrie demonstrieren gegen Rösler (Foto)
Mehr als 11.000 Demonstranten versammelten sich Anfang März in Berlin um gegen Röslers Subventionskürzungen zu protestieren. Bild: dapd

Sie galten als Zukunftstechlologien. Mit den erneuerbaren Energien wollte Deutschland seine Stellung als Exportnation und Industriestandort in ein neues Zeitalter retten. Die Branche sollte das Technologieland Deutschland am Leben erhalten, falls die heutigen Industriemotoren nicht mehr funktionieren - zum Beispiel die Automobilbranche.

Das war die Vision. Doch nun bröckelt sie, denn der «Grünen Branche» scheint die Luft auszugehen.

Dabei sah alles so gut aus. Lange Jahre galt Deutschland als Vorreiter auf dem Gebiet der ökologischen Energiegewinnung. 20 Prozent des deutschen Stroms kamen 2011 aus Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse und Wasserkraft - in keinem Industriestaat ist der Anteil der alternativen Energien so hoch, in kaum einem Land der Welt wird in so großer Geschwindigkeit an erneuerbaren Energien getüftelt.

Zukunft der Energie: Umweltschutz oder Umweltschmutz

Die Deutschen und die erneuerbaren Energien, das ist ein Erfolgsmodell. Kein Wunder, die Skepsis gegenüber der Atomkraft ist hierzulande traditionell groß, ebenso die Umwelt- und Klimaschutzbewegung. Die Deutschen haben sich früh Gedanken gemacht, woher in Zukunft der Strom kommen soll, und zwar auf allen Ebenen: Erfinder erfanden, Gründer gründeten, Bürger investierten und die Politik unterstützte die Zukunftstechnologie mit Subventionen in Milliardenhöhe. Alles arbeiteten zusammen am großen Ziel, Strom nur noch aus den Kräften der Natur zu gewinnen.

Die Pleitewelle rollt bereits

Aber in letzter Zeit häufen sich die Schreckensmeldungen. Vor allem die Solarbranche ist seit dem Rekordjahr 2010 arg gebeutelt: Der Branchenführer Solarworld aus Bonn schreibt rote Zahlen, ebenso der einstige Börsenliebling Q-Cells aus Bitterfeld-Wolfen. Andere Firmen wie die Berliner Solon oder Solar Millenium aus Erlangen meldeten bereits Insolvenz an. Aktuell arbeiten allein in der Solarbranche 108.000 Deutsche, nun bangen sie um ihre Jobs. Stirbt hier eine Branche aus, bevor die Zukunft begonnen hat?

Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband Solarwirtschaft (BSW), warnt. «Eine größere Insolvenzwelle und irreparabler Schaden droht, wenn weltweite
Überkapazitäten bei Solarmodulen nicht abgebaut werden und die Photovoltaik-Nachfrage einbrechen sollte. Deshalb darf Deutschland den Ausbau der Solarstromnutzung und die Solarförderung jetzt nicht so stark reduzieren. Auch wenn verlässliche politischen Rahmenbedingungen und fairen Wettbewerbsbedingungen gesichert wären wird man Übernahmen und Marktaustritte allerdings nicht ganz verhindern können. Diese gibt es in jedem jungen Industriezweig. Beispiel Automobilindustrie: Dort sind Traditionsunternehmen wie Horch oder Borgward verschwunden. Trotzdem ist Deutschland im Automobilmarkt heute international führend.»

AKW-Alternativen: Wenn aus Reaktoren Freizeitparks werden

Die Solarbranche erlebt derzeit eine einmalige Konkurrenzsituation. Hersteller aus Fernost, besonders aus China, machen den deutschen Unternehmen Druck. Sie sind billiger in der Produktion und haben in Sachen Technologie rasant aufgeholt. Die Situation sei «knallhart», äußern Vertreter der Branche immer wieder. Aber sie ist letztlich normal, die Branche wird erwachsen, der Markt sortiert sich. Klar, dass es dabei Opfer gibt, aber sie sind notwendig, damit langfristig Stabilität entstehen kann.

Röslers Todesstoß

Doch nun greift die Politik in das Geschehen ein und sorgt damit für einen Sturm der Entrüstung. Denn Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) und sein Kollege Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sorgen nicht etwa durch Hilfsmaßnahmen dafür, dass die Solarbranche sicher durch die aktuelle, schwierige Marktphase kommt, sondern im Gegenteil: Sie wollen mitten in der Krise Subventionen kürzen.

Viele glauben, dass Rösler der Branche damit den Todesstoß versetzt. Frank Asbeck, der Chef von Solarworld, kündigte im Handelsblatt eine «Pleitewelle» an. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin wirft der schwarz-gelben Regierung einen geplanten Angriff auf die Erneuerbaren Energien vor. Das Argument, dass Subventionskosten gekürzt werden müssten, hält er für vorgetäuscht. «Das hat alles mit Kostensenkungen gar nichts zutun», sagte Trittin am Freitag im ZDF-Morgenmagazin. «Hier soll schlicht und ergreifend der Ausbau erneuerbarer Energien ausgebremst werden.»

Ähnlich äußert sich auch Carsten Körnig vom BSW. «Die Einsparungen durch die Gesetzesänderungen sind für den Normalbürger äußerst gering, da geht es um Centbeträge im Jahr. Aber für die Energiewende und die Solarwirtschaft hätte das Gesetz fatale Folgen, zehntausende Arbeitsplätze sind in Gefahr, wenn es nicht in zentralen Punkten nachgebessert wird.» Immer offener wird spekuliert, warum Rösler so offensiv gegen die Solarwirtschaft vorgeht. Handelt der FDP-Vorsitzende etwa im Sinne der Atomlobby?

Keine langfristige Planung möglich

Der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger, äußert die Sorge, dass der im vergangenen Jahr beschlossene Atomausstieg revidiert werden könnte. «Der Druck wächst, den AKW-Abschalt-Zeitplan wieder zu strecken», sagte er der Frankfurter Rundschau. Viele vermuten deshalb, dass Lobbyismus der großen Stromkonzerne hinter Röslers Kürzungsplänen steckt. Denn die würden von einer Verzögerung der Energiewende profitieren.

Röslers Pläne sind auch aus einem weiteren Grund problematisch - die Gesetzesnovelle soll äußerst kurzfristig kommen. Ursprünglich wollte Rösler schon zum 9. März die Subventionen kürzen, erst die lauten Proteste der Solarindustrie ließen ihn von seinem Plan abweichen. Nun ist der 1. April als Stichtag geplant.

Die Verschiebung um drei Wochen hilft der Branche jedoch kaum weiter. Investoren springen reihenweise ab. Sie berechnen ihre Projekte auf Basis der aktuellen Gesetze, werden diese kurzfristig geändert, stimmen die Berechnungen nicht mehr. Die Branche ist alarmiert. «Für die überzogenen Förderkürzungen gibt es weder technische noch finanzielle Gründe. Einzig die Energiekonzerne könnten von einem gebremsten Solarausbau profitieren. Wir fordern die Mitglieder des Bundestags auf, sich für die Interessen der Bürger einzusetzen und nicht für Eon, RWE & Co. Die Solarbranche braucht verlässliche Rahmenbedingungen und nicht alle paar Monate neue gesetzliche Rahmenbedingungen.», sagt Körnig. Bisher sei eine langfristige Planung beim Aufbau von Sonnenenergie kaum möglich gewesen.

iwi/news.de/dpa/dapd

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Leserkommentare (10) Jetzt Artikel kommentieren
  • JR
  • Kommentar 10
  • 11.03.2012 23:06
Antwort auf Kommentar 1

„ Diese Technik kann man für einen Sommercampingplatz nutzen ... .“ – Leider ist nicht einmal das möglich. Das Problem der Speicherung ist im großen Stil nicht lösbar und die Sonnestrrahlung steht auch nicht ununterbrochen zu Verfügung. Außerdem ist der Wirkungsgrad im Verhältnis zum Ertrag und Kosten, miserabel! Die Subventionierung zu Lasten der großen Allgemeinheit, hat nur ein paar Wenigen eine goldene Nase beschert. Das muss endlich ein Ende haben. Nur ca. 2% der Solar-Stromgewinnung verschlingen Milliarden an Subventionen! Die Grünen betreiben nichts als Lobbyismus und belügen uns!

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  • Werner999
  • Kommentar 9
  • 11.03.2012 20:59

Warum werden in den Bildern der vermeintlich schmutzigen und umweltschädigenden Kohle- und Kernkraftwerke immer nur die Kühltürme, aus denen nur sauberer Wasserdampf aus dem Kondensationsprozess des Betriebsmittels Wasser (Wasserdampf) zu sehen ist, gezeigt? Aus den Schloten der Anlagen ist ja wegen umfangreicher Filterung oder bei Kernkraftwerken eben nur Luft zu sehen. Das ist eine riesige Irreführung der Bevölkerungskreise, die nicht so unmittelbar mit der Energiegewinnung in Kraftwerken vertraut sind. Auf gut deutsch ist daß medialer und politischer Beschiß der Bevölkerung.

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  • Irmtraut
  • Kommentar 8
  • 11.03.2012 18:55

Seit ca. einem Jahr nutze ich eine Solarleuchte aus Glas auf der Südseite meiner Loggia. Gekauft bei Aldi für 10 Euro. Abends schraube ich sie ab und stelle sie in mein Badezimmer, wo sie mir ein kostenloses ausreichendes Nachtlicht bis morgens abgibt. Wieviele Hausdächer von grossen Mietshäusern haben ein Solarpaneel? Die milliardenschweren Interessen grosser Stromkonzerne und der Atomlobby stehen gegen unsere Bedürfnisse nach einer nachhaltigen, intelligenten und naturgerechten Lösung der Energiefrage. Wir sollten alles tun, damit dieses Gesetz nicht verabschiedet wird.

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