Finanzkrise Börsen brechen wieder ein

Fulminant startete die deutsche Wirtschaft ins Jahr. Doch der Optimismus ist dahin. Rezessionsangst geht um. Die Finanzmärkte rauschen weiter in die Tiefe. Kanzlerin Merkel steht eine schwere Woche voller Debatten bevor. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht Parallelen zur Finanzkrise 2008.

Börsen-Absturz (Foto)
Die europäischen Aktienmärkte brechen wieder ein.  Bild: dpa

Die Nerven in der Finanzwelt liegen blank: Deutschlands mächtigster Banker Josef Ackermann fühlt sich bereits an den Herbst 2008 erinnert. Vor beinahe genau drei Jahren hatte die US-Bank Lehman Brothers Insolvenz angemeldet. Nach dem Kollaps stürzte die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession, deren Spätfolgen noch immer auf klammen Staaten bleischwer lasten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will sich trotz der brisanten Euro-Schuldenkrise weiter für einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone und die Stärkung des Euro-Rettungsschirms EFSF einsetzen.

Zwar schränkte der Chef der Deutschen Bank die Parallelen zur jüngst überwunden geglaubten Finanzkrise umgehend selbst ein, aber die Warnung traf am Montag den Nerv der Märkte. Der deutsche Leitindex brach ein. Der Dax sackte auf den tiefsten Stand seit September 2009 und verlor zwischenzeitlich bis zu 5,8 Prozent. Auch die übrigen europäischen gingen auf Talfahrt.

Auf der Handelsblatt-Tagung «Banken im Umbruch» rechnete Ackermann in Frankfurt vor, dass der jüngste Einbruch der Aktienmärkte weltweit 5 Billionen Euro ausgemacht habe. Der deutsche Aktienmarkt habe mehr als ein Fünftel seines vorherigen Börsenwertes verloren. «Seit Jahresbeginn haben manche europäische Banken sogar ein Drittel und mehr ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt», sagte der Deutsche-Bank-Chef.

Ins Bild passe, dass die Märkte für Staatsanleihen stark schwankten, auch in Deutschland und den USA. Selbst der Aufwärtstrend des Goldpreises verlaufe nicht stetig. «All dies erinnert an den Herbst 2008, obwohl der europäische Bankensektor im Vergleich zu damals heute deutlich besser kapitalisiert und weniger von kurzfristiger Liquidität abhängig ist», sagte Ackermann. Zudem hätten die Banken weniger Giftpapiere in ihren Bilanzen als damals, und das Risikomanagement habe sich verbessert.

Trotz Banken-Stresstests und strengeren Eigenkapitalvorschriften: Um einen erneuten Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, sind nach Ackermanns Überzeugung weitere Anstrengungen nötig. Damit sprach der Schweizer die Politik in Europa sowie in den konjunkturschwachen aber hoch verschuldeten Ländern USA und Japan an, aber auch die Banken. Sie seien von den Auswirkungen der Schuldenkrise in vielfältiger Weise betroffen, etwa durch ihr Engagement in den Schuldenländern. Die Aussichten für Europas Banken seien in ihren Heimatregionen nicht gerade rosig.

Wie nach der Lehman-Pleite scheinen sich die Finanzinstitute wieder gegenseitig nicht über den Weg zu trauen. Denn statt sich untereinander Geld zu leihen, horten die Geschäftsbanken soviel über Nacht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) wie zuletzt im August 2010. Auch für die Deutsche Bank schloss Ackermann ein Sparpaket nicht aus, sollten die Turbulenzen an den Finanzmärkten anhalten: «Wenn es ganz negativ weitergeht wie im August, werden wir solche Maßnahmen ins Auge fassen müssen.»

IWF-Chefin Lagarde warnt vor Rezession

Am Wochenende hatten bereits die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) Alarm geschlagen. Weltbank-Präsident Robert Zoellick hatte angesichts von Schuldenkrise und abflauender Konjunktur erklärt, es bestehe das Risiko, «in diesem Herbst in eine neue Gefahrenzone» zu rutschen. IWF-Chefin Christine Lagarde warnte gar vor einem Rückfall in die Rezession. Deshalb müssten etwa wachstumsfördernde Maßnahmen ergriffen werden, «um eine drohende Abwärtsspirale abzuwenden».

Einen Anlass, die Zukunft des Euro und der Europäischen Union infrage zu stellen, sieht Ackermann aber trotz der milliardenschweren Rettungspakete nicht. Im Gegenteil: «Die Kosten der Unterstützung schwacher Mitgliedstaaten sind auch und gerade aus der Sicht Deutschlands geringer als die Kosten der Desintegration.»

In diesem Punkt kann sich Ackermann mit Kanzlerin Merkel auf einer Linie sehen. Denn auch sie plädiert dafür, Euro-Schuldensünder nicht fallen zu lassen. Forderungen auch aus den eigenen Reihen nach einem Ausschluss Griechenlands wies sie klar zurück. «Ich glaube, dass wir damit einen Domino-Effekt einleiten könnten, der außerordentlich gefährlich für unser Währungssystem ist.» Es sei aber wichtig, dass Griechenland seine Reformzusagen als Gegenleistung für die Notkredite auch umsetze und einhalte. Athen löste Ängste an den Märkten aus, weil die nächste Auszahlung aus dem ersten Hilfspaket offen ist.

Die Kanzlerin rechnet weiter mit einer Mehrheit der schwarz-gelben Koalition bei der Abstimmung des Bundestages über die Stärkung des Euro-Rettungsschirms EFSF Ende des Monats. «Wir brauchen eine eigene Mehrheit», sagte die CDU-Chefin. «Ich bin zuversichtlich, dass wir die auch bekommen.»

Die Euro-Hilfen und die Griechenland-Probleme beherrschen auch die an diesem Dienstag beginnenden Haushaltsberatungen des Bundestages. Zusätzliche Brisanz ist zu erwarten, wenn am Mittwoch das Bundesverfassungsgericht über die bisherigen Griechenland- und Euro-Hilfen entscheidet. Es wird damit gerechnet, dass die Karlsruher Richter weitere Vorgaben zur Parlamentsbeteiligung machen.

Die geplante EFSF-Erweiterung soll dem Rettungsfonds ein effektives Kreditvergabevolumen von 440 Milliarden Euro ermöglichen. Das dürfte nach Expertenansicht aber längst nicht reichen, sollten Italien und Spanien noch tiefer in Turbulenzen stürzen. Nötig könnten dann bis zu 4 Billionen Euro werden, schätzt Ansgar Belke, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), wie er im Wirtschaftsmagazin des Bayerischen Fernsehens «Geld und Leben» vorrechnete.

Das Misstrauen der Deutschen angesichts der Euro-Rettungsaktionen wächst weiter, wie jüngste Umfragen zeigen. Mit immer größten Rettungsschirmen könne die Schuldenkrise nicht gelöst werden, meinen 90 Prozent der Bürger. Das berichtet die Welt beruhend auf einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Jungen Unternehmer.

cvd/news.de/dpa

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