Energiewende «Die fetten Jahre sind vorbei» 

Offshore Windpark Baltic 1 geht ans Netz (Foto)
Baltic 1, einer der Offshore-Windparks von EnBW, hat Anfang Mai seinen Betrieb aufgenommen. Bild: dapd

Von news.de-Volontärin Annika Einsle
Die Atomwende kommt. Doch die deutschen Energieriesen sind in Sachen erneuerbare Energien bisher sehr zurückhaltend: Neue Techniken werfen nicht nur weniger Gewinne ab, sondern sind auch riskanter. Bei ihrem Ausbau haben die Konzerne Nachholbedarf.

Strompreise im EU-Vergleich
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Die Rotoren im Offshore-Windpark Alpha Ventus haben eine Lebensdauer von 20 Jahren. Doch nach nicht einmal einem Jahr musste schon die Hälfte von ihnen erneuert werden. Alpha Ventus ist ein Testfeld in der Nordsee, das wichtige Erkenntnisse bringen und die Zukunft der erneuerbaren Energie in Deutschland sichern soll. 50.000 Haushalte können mit dem von Alpha Ventus produzierten Strom versorgt werden. Ein Anfang, und es sollen mehr werden. Viel mehr.

Die Zukunft der Stromerzeugung liegt - da sind sich Experten sicher - in der Windkraft. Wie Pilze sprießen immer neue Windparks aus dem Boden. Vor allem ins Offshore-Geschäft - Strom, der wie bei Alpha Ventus vom Meer kommt - werden große Hoffnungen gesetzt. Doch die Technik ist neu und birgt Risiken. Die großen Energiekonzerne sind deshalb sehr zögerlich mit Investitionen in diesem Bereich.

Zukunft der Energie
Umweltschutz oder Umweltschmutz

Kritik an Investitionen der Konzerne

Bis 2020, so das Bestreben der Bundesregierung, sollen 35 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft lag der Anteil im Jahr 2010 bei 17 Prozent. 23 Prozent kamen von Kernkraftwerken, weitere 23 von der Braun- und 18 Prozent von der Steinkohle. Erdgas lieferte 14 Prozent Strom, Heizöl, Pumpspeicher und sonstige 5 Prozent.

Unlängst standen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall - die großen Vier in Deutschland - in der Kritik, die Energiewende verschlafen zu haben. Die Konzerne selbst stritten das vehement ab. Eon gehöre bereits zur Spitze der Unternehmen bei erneuerbaren Energien, sei einer der größten Wasserkraftwerksbetreiber und baue Windkraftanlagen an Land und im Meer, wehrte sich beispielsweise Vorstandschef Johannes Teyssen. 2011 investiere der Konzern 1,8 Milliarden Euro in erneuerbare Energien. «Das ist uns nicht nach Fukushima eingefallen.»

Laut einer 2009 von Greenpeace erstellten Studie (dort siehe Seite 111) beträgt der Anteil der geplanten Eon-Investitionen in erneuerbare Energien - gemessen an den Gesamtinvestitionen - gerade mal zehn Prozent. Bei den anderen drei Anbietern liegt der prozentuale Anteil zwar etwas höher. Insgesamt betragen sie bei RWE und EnBW jedoch auch nur je eine Milliarde Euro jährlich, Vattenfall kündigte Ausgaben von 600 Millionen Euro pro Jahr im Bereich der Erneuerbaren an.

Die Profitgier der Energieriesen

Ronald Heinemann vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) möchte den Konzernen nicht vorwerfen, nichts getan zu haben. Aber auch er sagt ganz klar: «Es besteht Nachholbedarf.» Zu sehr hätten sich die großen Vier darauf verlassen, dass der im Jahr 2000 unterzeichnete Vertrag zum Atomausstieg wieder rückgängig gemacht wird. Doch nach Fukushima sei die Welt der Kernenergie aus den Fugen geraten. «Jetzt zeigt sich, dass sie die Investitionen in den vergangenen Jahren versäumt haben», sagt Heinemann zu news.de.

Rohstoff Sonne
Die Kraft von oben

Deren schleppende Bereitschaft zur Erforschung regenerativer Stromerzeugung lasse sich nicht verkennen. Zu bequem und zu leicht ließen sich in den vergangenen Jahren mit der Kernenergie Gewinne erwirtschaften. Hohe Gewinne, die erneuerbare Energieträger voraussichtlich nicht abwerfen werden. «Kernkraft ist nun mal eine enorm profitable Energieform», zeigt sich auch Tim Mennel überzeugt. «Die fetten Jahre sind wohl erst einmal vorbei», sagt der Energieexperte vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Gespräch mit news.de.

Schon jetzt zeigen sich die Auswirkungen: Eon erwirtschaftete im zweiten Quartal 2011 ein Minus von 382 Millionen Euro und schrieb damit erstmals in seiner Geschichte rote Zahlen. Die nächste Hiobsbotschaft folgte sofort: Bis zu 11.000 Stellen will der Konzern streichen, allein in Deutschland könnten 6000 Mitarbeiter betroffen sein. Auch RWE und EnBW tüfteln Sparprogramme aus - angeblich, um verstärkt in erneuerbare Energien investieren zu können.

EnBW gilt mit einem Atomkraftanteil von 51 Prozent am Energiemix als der Konzern, der bislang am stärksten auf die Kernkraft setzt. Dementsprechend hart wird auch die Umstellung sein. Konzernchef Hans-Peter Villis kündigte bereits an, bis 2013 mindestens 600 Millionen Euro einzusparen. «Bei so einem Volumen wird es erfahrungsgemäß einen Beitrag im Bereich Personal geben», sagte ein EnBW-Sprecher.

Aktiv im Ausland

Mennel vom ZEW geht davon aus, dass sich die Konzerne ohnehin nicht komplett von der Kernkraft verabschieden werden. «Eon und RWE sind sehr stark im Ausland aktiv. Es ist denkbar, dass sie dort nach wie vor sehr viel Geld verdienen werden.» Schließlich sei die Energiewende ein rein deutsches Phänomen.

Aber auch bei den erneuerbaren Energien sind Unternehmen im Ausland aktiver als hierzulande. Grund: «Dort sind die Renditen häufig höher und es herrschen einfachere Standortbedingungen», sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW), zu news.de.

In Deutschland sind Offshore-Windparks beispielsweise deutlich teurer in der Entwicklung als in anderen Ländern, sind sich die Experten einig. Denn Offshore-Windparks dürfen hierzulande nur weit vor der Küste gebaut werden. Ein aufwendiges Vorhaben, schließlich müssen Material und Technik auf hohe See geschafft und die Windparks mit dem Festland vernetzt werden. Zudem fehlen vielen Firmen noch die nötigen Erfahrungen mit dieser neuen Form der Energieerzeugung.

Ganze Techniken mussten neu entwickelt und Schiffe entworfen werden. Künftig wird man verbesserte Netze benötigen, um zum Beispiel Stromverlust auf lange Distanzen zu vermeiden. Aufgrund dieser Pionierarbeit waren Banken in Deutschland in der Vergangenheit sehr zögerlich bei der Kreditvergabe und die großen Vier hielten sich mit Projekten dieser Art zurück.

Der Wettbewerb drückt die Preise

Doch mittlerweile tut sich etwas: An Alpha Ventus, dem Testfeld in der Nordsee, sind Vattenfall und Eon beteiligt. EnBW investiert in vier Offshore-Windparks, zwei in der Nord- und zwei in der Ostsee. RWE plant die Anlage Nordsee Ost, Eon treibt das Projekt Amrumbank West voran und Vattenfall erwarb die Rechte am Bau des Windparks Dan Tysk.

Obwohl sich die großen Vier jetzt auch hierzulande an Projekten für erneuerbare Energien beteiligen, ist sich Kemfert vom DIW sicher: Sie allein werden den Strommarkt der Zukunft nicht bestimmen. «Der Wettbewerb nimmt zu, sowohl kommunale und mittelständische Energieanbieter als auch ausländische Unternehmen werden aktiver.» Das muss laut der Expertin aber kein Nachteil sein. Ganz im Gegenteil: Mehr Wettbewerb bedeutet letztlich auch mehr Druck auf die Preise. Und das dürfte die Stromkunden freuen.

Die Rotoren auf dem Alpha-Ventus-Testfeld drehen unterdessen ihre Runden. Ein Materialfehler war Schuld daran, dass sich sechs der zwölf Riesenblätter zu sehr erhitzt hatten und ausgetauscht werden mussten. Auch das ist eine Hürde, die die Konzerne auf dem Weg in eine grünere Zukunft überwinden müssen. 

kwö/kra/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • hellboy
  • Kommentar 1
  • 30.08.2011 20:53

"Die fetten Jahre sind vorbei" haha -Das merkt der Verbraucher seit vielen Jahren und zwar täglich! Das gilt allerdings nicht für die Monopole. Deren Gewinne steigen ständig. Um an das letzte Geld der Bürger zu kommen, ist man sehr einfallsreich, mit fadenscheinigen Begründungen, sich für Preisanhebungen rechtfertigen zu wollen. Wenn Lügen kurze Beine hätten, müssten all die Bosse aus Politik und Wirtschaft auf ihren klebrigen Händen laufen...

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