Kuriose Prognosen Was ein Big Mac über Wirtschaft weiß

Big Mac (Foto)
Ein Burger als Wirtschaftsindex: Der Bic Mac soll die Kaufkraft von Währungen feststellen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Schuldenkrisen und nervöse Börsen: Die Wirtschaft ist derzeit unberechenbar. Experten lechzen nach verlässlichen Prognoseinstrumenten - Röcke, Frisuren und sogar Geschlechtsteile müssen herhalten. Besonders bewährt aber hat sich ein Hamburger.

Wer einen Big Mac isst, beißt nicht nur in einen Burger - er beißt auch in einen Wirtschaftsindex. Was, fragt man sich mit soßenverschmierten Händen, kann dieses wabbelige Brötchen denn über die verzwickte wirtschaftliche Lage der Welt wissen? Eine ganze Menge: Vor genau 25 Jahren überlegte sich das britische Magazin The Economist, wie es seinen Lesern die Thematik der Wechselkurse verständlich erklären könnte. Der Big-Mac-Index war geboren.

Das Burgerorakel funktioniert so: Die Zeitschrift schaut in rund 120 Ländern, wie viel der Big Mac dort kostet und rechnet den Preis in US-Dollar um. Dank strenger Vorgaben von McDonald's ist der Burger rund um den Globus nahezu identisch - Sesambrötchen, Hackfleisch, Salat, Gurke, Sauce. Daher müsste er laut der sogenannten Kaufkraftparitäten-Theorie eigentlich auch überall gleich viel kosten. Die Wechselkurse sollten so festgelegt sein, dass sie das Preisniveau anpassen. Doch jedes Jahr aufs Neue zeigt der Big-Mac-Index, dass der Burger in einigen Ländern deutlich teurer als in den USA ist - die Währungen sind überbewertet. In anderen ist er viel billiger - hier sind die Währungen unterbewertet.

Konjunktur
Handeln für Deutschland

So wird das Hackbrötchen zum Indikator für die Kaufkraft von Währungen. Experten können daran ablesen, in welche Richtung sich die Wechselkurse bewegen. Doch der Bic Mac ist nicht der einzige ungewöhnliche Index, der helfen soll, wirtschaftliche Entwicklungen vorauszusehen. Besonders bei der kapriziösen Konjunktur lechzen die Ökonomen nach Hinweisen. So kursiert bereits seit den 1920ern die Theorie, dass die Röcke kürzer werden, wenn die Wirtschaft anzieht.

In Japan schaut man eher auf den Kopf: Hier glauben einige Ökonomen, dass die Haarlänge ein Indikator wäre - je kürzer das Haar, desto schwächer die Konjunktur. Grund: Zu Beginn der Wirtschaftskrise in den 1990ern wurde es sehr kurz getragen, erst zu Beginn des Aufschwungs 2002 wurde die Haarpracht wieder länger. Auch Lippenstifte mussten schon herhalten: In schlechten Zeiten schnellt angeblich ihr Verkauf nach oben. Etwas handfester ist der Kran-Index, der von der Anzahl der sichtbaren Baukräne über einer Stadt auf die Wirtschaftsentwicklung schließen lassen soll.

Kleinere Penisse, stärkeres Wachstum

Ein finnischer Doktorand meint sogar, nachweisen zu können, dass die Größe des männlichen Geschlechtsteils als Indikator diene: Laut seiner Studie hatten Länder mit kleineren Penissen zwischen 1960 und 1985 ein kräftigeres Wirtschaftswachstum - jeder Zentimeter mehr bedeutete angeblich fünf bis sieben Prozent weniger Wachstum.

Aber kein Grund zur Panik, nur weil die Haare in Japan kürzer und die Röcke in Deutschland länger werden. Als handfeste Indikatoren taugen sie nach Ansicht von Wirtschaftsexperten eher wenig. «Wenn Sie den gesamten Warenkorb einer Volkswirtschaft mit mehr als zwei Millionen Gütern nehmen, finden Sie eine ganze Reihe von Produkten, die mit der Konjunktur korrelieren», sagt Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle zu news.de. Doch bei einzelnen Produkten würde immer auch der Zufall eine Rolle spielen. «Ich würde mich nicht trauen, anhand des Preises oder Umsatzes eines einzelnen Produktes eine Konjunkturprognose abzugeben.»

Auch Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sagt, Instrumente wie der Rocksaumindex seien «in der Regel Unsinn». Der Grund: Damit ein Indikator Aussagekraft bekommt, muss er klar umrissen und gut messbar sein. Es sollte zudem eine Größe sein, die eine gewisse Konstanz hat und in einem eindeutigen Zusammenhang mit dem steht, was man messen will. «Rocksäume und Lippenstifte fallen durch das Raster, weil hier niemand eine effektive Messung betreibt», erklärt Döhrn im Gespräch mit news.de.

Der Wirtschaftsforscher und sein Team suchen dagegen nach seriösen Alternativen zu den gängigen Indikatoren. So experimentieren sie mit Suchanfragen bei Google. Die Idee: Wenn sich besonders viele Leute nach Elektronikprodukten oder Autos erkundigen, werden auch die Käufe zunehmen - ein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft. Auch die Mautstellen auf den Autobahnen könnten in Zukunft als Index herhalten, denn sie registrieren die Verkehrsaktivität sehr genau. Laut Döhrn bedeutet viel Verkehr auch viel Produktion - ein Zeichen für große wirtschaftliche Aktivität.

Ein Burger im Lehrbuch

Doch warum die Mühe, Alternativen zu suchen? Die klassischen Konjunkturindikatoren wie der gerade wieder aktuell vorgelegte Geschäftsklimaindex ifo haben zwei Nachteile: Umfragen und Daten zur Industrieproduktion oder Auftragseingängen, die bislang für Vorhersagen genutzt werden, erscheinen mit einer Verzögerung von fünf bis sechs Wochen. Mit den neuen Indikatoren wollen Forscher wie Döhrn Zeit gewinnen, um Veränderungen der Wirtschaftslage schneller zu erkennen.

Außerdem sind die traditionellen Messgrößen sehr industrielastig. «Es gibt zu viele Bereiche, über die man wenig weiß. Wir versuchen das Spektrum zu erweitern», sagt Döhrn. Das Problem mit den neuen Indizes ist allerdings, dass sie sich erst bewähren müssen. «Der Index sollte schon zwei, drei Rezessionen erlebt haben, damit man sieht, ob es nicht nur ein Zufallstreffer war», erklärt Döhrn.

Die Feuertaufe hat der Bic Mac bereits hinter sich. Er ist zwar kein Gradmesser für die Konjunktur, sondern für die Angemessenheit von Wechselkursen. Hier gilt er aber inzwischen als ernstzunehmende Größe. Mindestens 20 wissenschaftliche Studien haben sich mit ihm beschäftigt. Ergebnis: Der Burgerindex funktioniert mindestens so gut wie das Standardmodell, bei dem die Wechselkurse anhand eines ganzen Warenkorbes von Güterpreisen beurteilt werden. Der Big-Mac-Index bricht es lediglich auf ein Produkt herunter.

Sein Geheimnis ist, dass er auf einem soliden theoretischen Fundament basiert. «Es ist eine statistische Vereinfachung, aber vom Konzept her sinnvoll», sagt Wirtschaftsexperte Holtemöller. Und der Burgerindex ist nicht nur schnell, einfach und günstig zu erheben - er ist auch leicht zu verstehen. Sogar in ökonomische Lehrbücher hat er es mittlerweile geschafft. Auch Holtemöller nutzt ihn in seinen Vorlesungen. «Er erleichtert den Studierenden den Zugang zu komplizierten Zusammenhängen», meint er. Manchmal sagt ein Burger eben mehr als tausend Worte. 

bjm/news.de

Leserkommentare (9) Jetzt Artikel kommentieren
  • Sven
  • Kommentar 9
  • 26.08.2011 17:03

Wer nichts wird, wird Wirt und ist ihm jenes nicht gelungen geht er zu den Versicherungen !!

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  • Ali Baba
  • Kommentar 8
  • 25.08.2011 21:42
Antwort auf Kommentar 4

Du hast gar keinen Teller!

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 7
  • 25.08.2011 16:55
Antwort auf Kommentar 6

Ein BWLer wird reich, wenn er ein Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre verfasst.

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