US-Schuldenkrise Bürger könnten Inflation spüren

Kreditwürdigkeit der USA (Foto)
Wir werden die Börsen am Montag reagieren? Experte befürchten, dass Investoren Abstand von US-Staatsanleihen nehmen. Bild: dpa

Von Philipp Heinz
Mit Unmut hat die US-Regierung auf die Herabstufung der Landesbonität reagiert. In Tel Aviv ist der Börsenstart verschoben worden, damit die Marktteilnehmer besonnen reagieren können. In Deutschland wächst derweil die Besorgnis um den Rettungsschirm.

Nach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit herrscht weltweit Sorge vor weiteren Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Europäische Staats- und Regierungschefs sowie US-Präsident Barack Obama reagierten am Wochenende mit Telefondiplomate auf die Talfahrt an den Börsen und die Furcht vor einer Verschärfung der Schuldenkrise. Ökonomen warnten vor Panik und versuchten zu beschwichtigen.

Dass die Herabstufung die Regierung Obama verärgerte, war mehr als deutlich. Aus Regierungskreisen in Washington hieß es, das Weiße Haus sei der Ansicht, dass die Analyse der Ratingagentur «fundamentale Fehler» aufweise. In einer Erklärung des Finanzministeriums hieß es, ein Urteil, das mit einem Fehler von zwei Billionen Dollar behaftet sei, «spricht für sich selbst».

Staatsschulden
Wenn das D droht...

Inflation soll Finanzmärkte stabilisieren

In Tel Aviv ist als Reaktion auf die Herabstufung der US-Bonität der Börsenstart um 45 Minuten verschoben worden, damit Marktteilnehmer die Zeit haben würden, «um logisch und nicht unter Druck zu reagieren», sagte Börsensprecherin Idit Jaaron. Im vorbörslichen Handel war der Leitindex TA-25 um mehr als sechs Prozent zurückgegangen. Auch in den Märkten im Nahen Osten wurde ein Kurseinbruch verzeichnet. Der wichtigste Marktindex im Finanzzentrum Dubai sackte zunächst um mehr als fünf Prozent ab, ehe er sich später leicht erholte.

«Schlechte Nachrichten sind immer unangenehm für Märkte», sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, der Bild am Sonntag. Er rechne mit weiteren Kurseinbrüchen, aber nicht mit einem weltweiten Börsencrash. Die deutschen Verbraucher könnten die Folgen der Krise aber bald zu spüren bekommen. «Die Zentralbanken werden eine höhere Inflation nicht nur tolerieren, sondern sogar im Namen der Finanzstabilität herbeiführen», sagte der Volkswirt dem Blatt.

Schuldenkrise
Die Angst der Börsenanalysten
Video: AP

Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sagte der Nachrichtenagentur dapd, er erwarte einen Ausverkauf amerikanischer Staatsanleihen und weitere Turbulenzen an den Märkten.

Bonitätsverlust keine Überraschung für den Markt

Eine Staatspleite der USA halten Mayer und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hingegen für ausgeschlossen. «Die USA können nicht insolvent werden», sagte Bofinger. Notfalls werde die amerikanische Notenbank weitere Staatsanleihen aufkaufen.

Einer der wichtigsten deutschen Aktionärsschützer warnte die Anleger vor Panikreaktionen. «Die Herabstufung der USA war längst überfällig», sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, der Nachrichtenagentur dapd. Der Markt habe diesen Schritt erwartet.

Ohne Moos nix los
Die größten Staatspleiten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte wegen der Verschärfung der Krise am Freitagabend ihren Urlaub unterbrochen, um sich mit wichtigen europäischen Partnern und den USA über die aktuellen Entwicklungen in der Eurozone und auf den Finanzmärkten zu beraten. Sie telefonierte mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dem britischen Premierminister David Cameron und dem US-Präsidenten Obama. Einzelheiten der Gespräche wurden nicht bekannt

Italien sorgt für Angst um Rettungsschirm

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler äußert sich ebenfalls nicht zur Herabstufung der US-Bonität. Dem Focus sagte der Minister aber, dass er eine Ausweitung des Euro-Rettungsschirms ablehne, wie sie von manchen europäischen Politikern gefordert worden war. «Wir setzen jetzt die beim Sondergipfel am 21. Juli gefassten Beschlüsse entschlossen um», sagte der FDP-Vorsitzende. Damit werde den Kapitalmärkten signalisiert, «dass wir das Eurosystem verteidigen». Wer aber meine, «diese Entscheidungen nach gerade einmal zwei Wochen bereits wieder infrage stellen zu müssen, erreicht genau das Gegenteil und verunsichert die Märkte».

US-Bonität herabgestuft
Das Schuldenkarussel dreht sich weiter
Video: eia/news.de/dapd

Unterdessen wachsen in der Bundesregierung laut einem Bericht des Spiegels die Zweifel, ob Italien durch den europäischen Rettungsschirm EFSF gerettet werden könnte, selbst wenn er verdreifacht würde. Regierungsexperten seien der Ansicht, die italienische Volkswirtschaft sei einfach zu groß, um gestützt werden zu können. Eine Garantie der gesamten italienischen Staatsschuld von über 1,8 Billionen Euro könne auch Deutschland überfordern. Deshalb bestehe die Bundesregierung darauf, dass Italien durch Einsparungen und Reformen selbst aus der Krise findet.

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Poß, forderte eine Neubestimmung des Verhältnisses von Politik und Finanzmärkten. Er verlangte unter anderem europäische Staatsanleihen (Eurobonds), eine Finanztransaktionssteuer und stärkere Haushaltskontrollen. Die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, machte sich ebenfalls für Eurobonds, aber auch für eine europaweite Vermögensabgabe stark.

cvd/eia/news.de/dapd

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