Der Euro in Not «Die Krise geht in die zweite Runde»

Euromünzen (Foto)
Münzen aus den Krisenländern: Italien und Spanien geraten zunehmend unter Druck. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Neue Sorgen in Europa: Die Zinsen für italienische und spanische Anleihen sind so hoch wie nie. News.de sprach mit dem Ökonomen Ferdinand Fichtner über nervöse Märkte, drohende Staatspleiten und warum die Sommerpause helfen kann.

Trotz der Sparanstrengungen der Regierungen sind die Zinsen für Staatsanleihen Italiens und Spaniens auf Rekordhöhe gestiegen. Ist die Eurokrise mit voller Wucht zurück?

Ferdinand Fichtner: Die Eurokrise geht damit in die zweite Runde. Sie ist zwar noch nicht vollständig zurück. Aber dass mittlerweile auch Spanien und Italien betroffen sind, muss man als Warnsignal werten. Wenn sich hier Entwicklungen abzeichnen, wie wir sie in Griechenland beobachtet haben, wäre die Stabilität des Systems in ganz Europa gefährdet.

Muss man Angst haben, dass die Eurokrise eskaliert?

Fichtner: Ich hoffe nicht. Die aktuelle Situation ist vor allem durch Stimmungen getrieben, weniger durch die tatsächliche Wirtschaftslage in Italien und Spanien. Italien hat eine sehr solide Wirtschaftsstruktur, so dass der relativ hohe Schuldenstand noch tragfähig ist. Spanien leidet unter einer sehr ungünstigen wirtschaftlichen Lage, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Aber dafür ist die Verschuldung nicht so wahnsinnig hoch. Beide Länder haben nicht diese Kombination aus schwieriger wirtschaftlicher Situation und hohen Schulden wie in Griechenland.

Schuldenkrise
Der Euro in Not
Zwar haben Bundestag und Bundesrat am 29. Juni 2012 den ESM zur Euro-Rettung gebilligt, doch reichten die Linke, der CSU-Abgeordnete Gauweiler und eine Bürgerinitiative Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht ein. (Foto) Zur Fotostrecke

Auch EU-Politiker wie José Manuel Barroso sagen, dass angesichts der wirtschaftlichen Daten die aktuelle Zinsentwicklung nicht gerechtfertigt sei. Reagieren die Märkte zu nervös?

Fichtner: Die Märkte übertreiben momentan ein wenig. Zuvor als solide betrachtete Schuldner werden nun kritischer beurteilt. Die Anleger haben aus den Entwicklungen der Bankenkrise gelernt. Zudem sind sie beunruhigt, da die Erholung von der Rezession und die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien und Italien sehr schwach verlaufen. Das Problem ist, dass es am Ende egal ist, warum die Märkte so hohe Zinsen fordern. Es kann auch aufgrund von Stimmungen zu einer Situation kommen, in der sich die Länder nicht mehr angemessen refinanzieren können. Wenn die Zinsen hoch sind, kommt man schnell in eine Schuldenspirale hinein, wie Griechenland sie erlebt hat. Insofern hat die aktuelle Entwicklung das Potenzial zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden.

Welche Konsequenzen haben diese hohen Zinsen für Italien und Spanien konkret?

Fichtner: Sie gefährden die Solvenz der betroffenen Länder. Hohe Zinsen bedeuten, dass selbst bei einem moderaten Schuldenstand die finanzielle Last immer höher wird, so dass man gezwungen wird, weitere Schulden aufzunehmen. Spanien und Italien müssen befürchten, dass sie ihre Schulden am Ende nicht mehr zurückzahlen können.

Drohen erneut Staatspleiten?

Fichtner: Nein, es handelt sich bei Spanien und Italien eher um ein vorübergehendes Phänomen. Die Länder haben nur Schwierigkeiten, sich zu angemessenen Konditionen, das heißt zu niedrigen Zinsen, zu refinanzieren. Das kann durch Finanzspritzen der anderen Länder oder durch den europäischen Rettungsfonds aufgefangen werden. Im Gegensatz zu Griechenland kann man davon ausgehen, dass man durch eine kurzfristige Unterstützung die aktuelle Unruhe an den Märkten in den Griff bekommt und die Länder sich selbst aus der Misere befreien können. Spanien und Italien verfügen über relativ solide wirtschaftliche Strukturen, die es ermöglichen, sich wieder von der Krise zu erholen.

Apropos Finanzspritzen: Mit dem Rettungspaket sehen einige Beobachter Europa auf dem Weg zu einer Transferunion, bei der Länder wie Deutschland immer wieder für die Schwächeren zahlen müssen. Eine berechtigte Befürchtung?

Fichtner: Der Rettungsfonds ist in seiner jetzigen Ausgestaltung nur als Finanzhilfe geeignet, die unter guten wirtschaftlichen Bedingungen zurückgezahlt werden kann. Das ist eine realistische Perspektive für Spanien und Italien. Griechenland allerdings wird sich aufgrund der ungünstigen Wirtschaftslage nur schwer erholen können. Hier wird man nicht umhinkommen, durch europäische Hilfe die Wirtschaft wieder auf einen tragfähigen Wachstumskurs zu bringen. Diese Hilfe wird in der Tat eher in Form von Transfers erfolgen als in Form von einer vorübergehenden Zurverfügungstellung von Mitteln. Die Lage in Griechenland wird eine Transferunion notwendig machen.

Könnten durch die Einführung von EurobondsEurobonds sind Staatsanleihen, die von den Mitgliedsstaaten der EU gemeinsam ausgegeben werden, anstatt dass jedes Land eigene Anleihen vergibt. fragwürdige Zinserhöhungen wie die jetzigen vermieden werden?

Fichtner: Eurobonds könnten in der Tat dazu führen, dass sich die Zinsbelastung nicht so destabilisierend für die südeuropäischen Länder auswirkt, wie es im Moment der Fall ist. Sie könnten eine Liquiditätskrise verhindern. Aber mit Eurobonds würden wir uns des einzigen Mittels berauben, die Regierung dieser Länder zu disziplinieren, um eine noch höhere Verschuldung zu vermeiden. Momentan führen die hohen Zinsen auch dazu, dass die betroffenen Länder Sparkurse einschlagen. Eurobonds sollte es darum nur für den Teil der Schulden geben, der noch im Rahmen der Stabilitätsvorgaben liegt, also nur bis maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Was darüber hinaus an Schulden anfällt, sollte in nationaler Verantwortung liegen.

Was wären Ihrer Meinung nach sinnvolle Schritte gegen die Ausweitung der Schuldenkrise?

Fichtner: Man sollte darüber nachdenken, den Rettungsfonds noch einmal auszuweiten. Je größer der Fonds ist, desto glaubwürdiger ist es aus Sicht der Finanzmärkte, dass die akuten Liquiditätskrisen in den Griff bekommen werden und sie verrennen sich gar nicht erst in Spekulationen. Entscheidender ist aber, dass sich die Politik endlich auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigt und die widersprüchlichen Interessen beseitigt, um eine Beruhigung der Situation zu signalisieren. Die aktuelle Sommerpause trägt momentan zur Stabilisierung bei, weil nicht aus allen Richtungen ständig widerstreitende Vorschläge und Interessen bekundet werden.

 

Ferdinand Fichtner ist Leiter des Bereichs Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er hat an der Universität Köln Volkswirtschaftslehre studiert und dort auch promoviert. Von 2008 bis 2010 war er als Ökonom bei der Europäischen Zentralbank tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind weltwirtschaftliche konjunkturelle Entwicklungen und Prognosewerkzeuge.

eia/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ewiak Ryszard
  • Kommentar 1
  • 04.08.2011 21:29

Der Westen ertrinkt in Schulden. Vor uns ist das wirtschaftliche und politische Erdbeben. Die Bibel sagt: "Zur bestimmten Zeit [der König des Nordens = Russland] wird zurückkehren" (Daniel 11:29a). Es bedeutet auch, den Zerfall der Europäischen Union und der NATO.

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