Der Euro in Not «Die Krise geht in die zweite Runde»

Neue Sorgen in Europa: Die Zinsen fĂŒr italienische und spanische Anleihen sind so hoch wie nie. News.de sprach mit dem Ökonomen Ferdinand Fichtner ĂŒber nervöse MĂ€rkte, drohende Staatspleiten und warum die Sommerpause helfen kann.

MĂŒnzen aus den KrisenlĂ€ndern: Italien und Spanien geraten zunehmend unter Druck. Bild: dpa

Trotz der Sparanstrengungen der Regierungen sind die Zinsen fĂŒr Staatsanleihen Italiens und Spaniens auf Rekordhöhe gestiegen. Ist die Eurokrise mit voller Wucht zurĂŒck?

Ferdinand Fichtner: Die Eurokrise geht damit in die zweite Runde. Sie ist zwar noch nicht vollstĂ€ndig zurĂŒck. Aber dass mittlerweile auch Spanien und Italien betroffen sind, muss man als Warnsignal werten. Wenn sich hier Entwicklungen abzeichnen, wie wir sie in Griechenland beobachtet haben, wĂ€re die StabilitĂ€t des Systems in ganz Europa gefĂ€hrdet.

Muss man Angst haben, dass die Eurokrise eskaliert?

Fichtner: Ich hoffe nicht. Die aktuelle Situation ist vor allem durch Stimmungen getrieben, weniger durch die tatsĂ€chliche Wirtschaftslage in Italien und Spanien. Italien hat eine sehr solide Wirtschaftsstruktur, so dass der relativ hohe Schuldenstand noch tragfĂ€hig ist. Spanien leidet unter einer sehr ungĂŒnstigen wirtschaftlichen Lage, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Aber dafĂŒr ist die Verschuldung nicht so wahnsinnig hoch. Beide LĂ€nder haben nicht diese Kombination aus schwieriger wirtschaftlicher Situation und hohen Schulden wie in Griechenland.

FOTOS: Schuldenkrise Der Euro in Not

Auch EU-Politiker wie José Manuel Barroso sagen, dass angesichts der wirtschaftlichen Daten die aktuelle Zinsentwicklung nicht gerechtfertigt sei. Reagieren die MÀrkte zu nervös?

Fichtner: Die MĂ€rkte ĂŒbertreiben momentan ein wenig. Zuvor als solide betrachtete Schuldner werden nun kritischer beurteilt. Die Anleger haben aus den Entwicklungen der Bankenkrise gelernt. Zudem sind sie beunruhigt, da die Erholung von der Rezession und die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien und Italien sehr schwach verlaufen. Das Problem ist, dass es am Ende egal ist, warum die MĂ€rkte so hohe Zinsen fordern. Es kann auch aufgrund von Stimmungen zu einer Situation kommen, in der sich die LĂ€nder nicht mehr angemessen refinanzieren können. Wenn die Zinsen hoch sind, kommt man schnell in eine Schuldenspirale hinein, wie Griechenland sie erlebt hat. Insofern hat die aktuelle Entwicklung das Potenzial zu einer sich selbsterfĂŒllenden Prophezeiung zu werden.

Welche Konsequenzen haben diese hohen Zinsen fĂŒr Italien und Spanien konkret?

Fichtner: Sie gefĂ€hrden die Solvenz der betroffenen LĂ€nder. Hohe Zinsen bedeuten, dass selbst bei einem moderaten Schuldenstand die finanzielle Last immer höher wird, so dass man gezwungen wird, weitere Schulden aufzunehmen. Spanien und Italien mĂŒssen befĂŒrchten, dass sie ihre Schulden am Ende nicht mehr zurĂŒckzahlen können.

Drohen erneut Staatspleiten?

Fichtner: Nein, es handelt sich bei Spanien und Italien eher um ein vorĂŒbergehendes PhĂ€nomen. Die LĂ€nder haben nur Schwierigkeiten, sich zu angemessenen Konditionen, das heißt zu niedrigen Zinsen, zu refinanzieren. Das kann durch Finanzspritzen der anderen LĂ€nder oder durch den europĂ€ischen Rettungsfonds aufgefangen werden. Im Gegensatz zu Griechenland kann man davon ausgehen, dass man durch eine kurzfristige UnterstĂŒtzung die aktuelle Unruhe an den MĂ€rkten in den Griff bekommt und die LĂ€nder sich selbst aus der Misere befreien können. Spanien und Italien verfĂŒgen ĂŒber relativ solide wirtschaftliche Strukturen, die es ermöglichen, sich wieder von der Krise zu erholen.

Apropos Finanzspritzen: Mit dem Rettungspaket sehen einige Beobachter Europa auf dem Weg zu einer Transferunion, bei der LĂ€nder wie Deutschland immer wieder fĂŒr die SchwĂ€cheren zahlen mĂŒssen. Eine berechtigte BefĂŒrchtung?

Fichtner: Der Rettungsfonds ist in seiner jetzigen Ausgestaltung nur als Finanzhilfe geeignet, die unter guten wirtschaftlichen Bedingungen zurĂŒckgezahlt werden kann. Das ist eine realistische Perspektive fĂŒr Spanien und Italien. Griechenland allerdings wird sich aufgrund der ungĂŒnstigen Wirtschaftslage nur schwer erholen können. Hier wird man nicht umhinkommen, durch europĂ€ische Hilfe die Wirtschaft wieder auf einen tragfĂ€higen Wachstumskurs zu bringen. Diese Hilfe wird in der Tat eher in Form von Transfers erfolgen als in Form von einer vorĂŒbergehenden ZurverfĂŒgungstellung von Mitteln. Die Lage in Griechenland wird eine Transferunion notwendig machen.

Könnten durch die EinfĂŒhrung von EurobondsEurobonds sind Staatsanleihen, die von den Mitgliedsstaaten der EU gemeinsam ausgegeben werden, anstatt dass jedes Land eigene Anleihen vergibt. fragwĂŒrdige Zinserhöhungen wie die jetzigen vermieden werden?

Fichtner: Eurobonds könnten in der Tat dazu fĂŒhren, dass sich die Zinsbelastung nicht so destabilisierend fĂŒr die sĂŒdeuropĂ€ischen LĂ€nder auswirkt, wie es im Moment der Fall ist. Sie könnten eine LiquiditĂ€tskrise verhindern. Aber mit Eurobonds wĂŒrden wir uns des einzigen Mittels berauben, die Regierung dieser LĂ€nder zu disziplinieren, um eine noch höhere Verschuldung zu vermeiden. Momentan fĂŒhren die hohen Zinsen auch dazu, dass die betroffenen LĂ€nder Sparkurse einschlagen. Eurobonds sollte es darum nur fĂŒr den Teil der Schulden geben, der noch im Rahmen der StabilitĂ€tsvorgaben liegt, also nur bis maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Was darĂŒber hinaus an Schulden anfĂ€llt, sollte in nationaler Verantwortung liegen.

Was wÀren Ihrer Meinung nach sinnvolle Schritte gegen die Ausweitung der Schuldenkrise?

Fichtner: Man sollte darĂŒber nachdenken, den Rettungsfonds noch einmal auszuweiten. Je grĂ¶ĂŸer der Fonds ist, desto glaubwĂŒrdiger ist es aus Sicht der FinanzmĂ€rkte, dass die akuten LiquiditĂ€tskrisen in den Griff bekommen werden und sie verrennen sich gar nicht erst in Spekulationen. Entscheidender ist aber, dass sich die Politik endlich auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigt und die widersprĂŒchlichen Interessen beseitigt, um eine Beruhigung der Situation zu signalisieren. Die aktuelle Sommerpause trĂ€gt momentan zur Stabilisierung bei, weil nicht aus allen Richtungen stĂ€ndig widerstreitende VorschlĂ€ge und Interessen bekundet werden.

 

Ferdinand Fichtner ist Leiter des Bereichs Konjunkturpolitik am Deutschen Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er hat an der UniversitĂ€t Köln Volkswirtschaftslehre studiert und dort auch promoviert. Von 2008 bis 2010 war er als Ökonom bei der EuropĂ€ischen Zentralbank tĂ€tig. Seine Forschungsschwerpunkte sind weltwirtschaftliche konjunkturelle Entwicklungen und Prognosewerkzeuge.

eia/news.de

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1 Kommentare
  • Ewiak Ryszard

    04.08.2011 21:29

    Der Westen ertrinkt in Schulden. Vor uns ist das wirtschaftliche und politische Erdbeben. Die Bibel sagt: "Zur bestimmten Zeit [der König des Nordens = Russland] wird zurĂŒckkehren" (Daniel 11:29a). Es bedeutet auch, den Zerfall der EuropĂ€ischen Union und der NATO.

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