Ende der Euphorie Weniger Neukunden wollen Ökostrom

Windkraftanlage (Foto)
Windkraft hat den größten Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Nach Fukushima gab es einen Rekordansturm auf Energie aus alternativen Quellen. Inzwischen flaut die Nachfrage nach Ökostrom wieder ab. Die grünen Anbieter profitieren trotzdem noch von der Katastrophe.

Nach der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima saß der Schock tief, selbst bei den Atomgläubigen. Im Eiltempo beschloss die schwarz-gelbe Regierung den Atomausstieg. Und die Nachfrage nach Ökostrom schoss auf Rekordwerte. Beim Anbieter Naturstrom meldeten sich nach dem Unglück 10.000 Neukunden pro Woche an - eine Verzehnfachung im Vergleich zum Jahresbeginn. Auch die Konkurrenz von Greenpeace Energy verzeichnete einen Ansturm, der Anbieter Lichtblick konnte in den ersten drei Wochen nach Fukushima bis zu 1200 Kunden pro Tag dazu gewinnen - dreimal so viel wie in der Zeit davor.

Den Ansturm auf den Ökostrom bestätigten auch die Vergleichsportale im Internet. Bei toptarif.de gaben nach Fukushima mehr als 60 Prozent der wechselwilligen Kunden die Suche nach Ökostrom als Grund an. Beim Vergleichsportal Verivox interessierten sich in den Wochen nach dem Unglück sogar bis zu 80 Prozent aller Verbraucher ausschließlich für Ökostrom. Die Euphorie hielt jedoch nicht an. Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Atomkatastrophe ist das Interesse für Energie aus alternativen Quellen erlahmt. Bei Verivox sank der Anteil an Kunden, die einen grünen Tarif verlangen, im Juni auf 55 Prozent - so viel waren es auch vor Fukushima.

Rohstoff Sonne
Die Kraft von oben

«Der Nachfrageboom hat nachgelassen», sagt Tim Loppe vom Düsseldorfer Unternehmen Naturstrom im Gespräch mit news.de. Das seien aber auch «absolut extreme Werte» gewesen. In den vergangenen Wochen habe sich die Nachfrage bei etwa 1500 Neukunden pro Woche eingependelt, im Monat seien es knapp 5000. «Das sind immer noch sehr gute Zahlen», sagt Loppe. Um die gesunkene Nachfrage machen sich die Ökostromanbieter darum keine Sorgen. Der Trend zu einer erhöhten Nachfrage habe sich in den Monaten nach Fukushima fortgesetzt, sagt Henrik Düker von Greenpeace Energy zu news.de. «Wenn auch in abgeschwächter Form.» Insgesamt habe das Unternehmen seit der Atomkatastrophe mehr als 9000 Kunden dazu gewonnen.

Ökostrom
Faule Kompromisse
Video: sis/news.de

Störfälle heizen die Nachfrage an

In Deutschland gibt es vier reine Ökostromanbieter. Neben Naturstrom, Lichtblick und Greenpeace Energy zählen auch die aus einer Bürgerinitiative hervorgegangenen Elektrizitätswerke Schönau dazu. Bei ihnen sind gewisse Schwankungen bei der Nachfrage normal. «Wir konnten bereits in der Vergangenheit beobachten, dass Störfälle in Kernkraftwerken zu einem kurzzeitigen Anstieg der Ökostromanfragen führten», sagt Peter Reese von Verivox. «Bei der Katastrophe in Fukushima ist dieser Effekt deutlicher zutage getreten als jemals zuvor.» Doch auch andere Ereignissen hinterließen Spuren.

Wenn es bei Energiethemen große Anlässe gebe, finde sich das in den Kundenzahlen wieder, sagt Loppe von Naturstrom. Das habe man zum Beispiel 2007 gemerkt, als die Themen Klimaschutz und Erderwärmung erstmals ausgiebig in den Medien präsent waren. Greenpeace Energy verzeichnete zuletzt im Herbst 2010 ein gesteigertes Interesse, als die Regierung die Laufzeitverlängerung beschloss. «Nach der Panne im AKW Krümmel 2009 und 2007 gab es einen größeren Kundenandrang», sagt Katinka Königstein vom Hamburger Unternehmen Lichtblick zu news.de.

Zudem gibt es auch am Strommarkt saisonabhängige Wellenbewegungen. «Zurzeit ist Sommerloch», sagt Loppe. «Das Abflauen hat auch mit den ganz normalen Zyklen im Stromhandel zu tun.» Wohl die wenigsten kümmern sich in der Ferienzeit um den Wechsel ihres Stromanbieters. Dazu würden die Leute laut Loppe eher wieder im November animiert, wenn die meisten Versorger die Preise erhöhen.

Wahl des Stromanbieters ist wichtiger geworden

Auch wenn die Nachfrage im Vergleich zum Rekordhoch nach Fukushima wieder rückläufig ist, haben die Ökostromanbieter langfristig profitieren können. «Die Sensibilisierung für Energiethemen hat zugenommen», sagt Loppe von Naturstrom. Auch Henrik Düker von Greenpeace Energy sieht das so: «Fukushima hat dazu geführt, dass die Menschen sich stärker mit der Auswahl ihres Stromanbieters beschäftigen. Sie sind konsequenter beim Wechsel.»

So ist das Interesse an Ökostrom trotz des aktuellen Nachfragerückgangs immer noch höher als im Vorjahr. Überhaupt ist die Nachfrage in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. «Wir können mit großer Wahrscheinlichkeit zum fünften Mal in Folge die Neukundenzahl in einem Jahr verdoppeln», sagt Loppe von Naturstrom. Mit mehr als 200.000 Kunden rechnet das Unternehmen bis Jahresende. Auch Konkurrent Greenpeace Energy hat kräftig zugelegt: Etwa 106.000 Kunden zählt der Anbieter momentan, 2007 waren es noch 60.000. Marktführer Lichtblick beliefert inzwischen mehr als 530.000 Verbraucher.

Insgesamt hatte Ökostrom in Deutschland 2010 einen Anteil von knapp 17 Prozent am Bruttostromverbrauch, im ersten Quartal 2011 ist er Schätzungen zufolge bereits auf 19 Prozent gestiegen. Damit hat sich der Anteil seit 1990 mehr als vervierfacht. Die Bundesregierung will ihn bis 2020 auf 35 Prozent erhöhen. Angesichts des anhaltenden Trends zu grünen Stromanbietern wird das wohl kein Problem sein. Ein Grund, warum immer mehr Verbraucher bereit zu einem Wechsel sind, dürfte auch die Preisentwicklung sein. Laut dem Vergleichsportal Verivox liegen inzwischen acht ausgewiesene Ökostromtarife unter dem bundesweiten Strompreis-Durchschnitt.

bjm/news.de/dpa

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Antonietta
  • Kommentar 2
  • 22.09.2011 16:15

Atomkraft muss ein Auslaufmodell bleiben. Sonne, Wind und Wasser plus Energieeffizienz und Einsparung gehören die Zukunft!

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  • Nichtwähler
  • Kommentar 1
  • 05.08.2011 08:30

Zu teuer!! Ich habe gerade eine Preiserhöhungsankündigung bekommen und deswegen bin ich zu einem Atomstromanbieter geflüchtet!

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