Pfundige Geschäfte Das Geld der Dicken will keiner haben

Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Wer abnehmen will, wird mit Fitness- und Diätangeboten überschüttet. Doch Produkte, die Übergewichtigen das Leben erleichtern, sind auf dem deutschen Markt noch rar. Der Bedarf ist da, doch Firmen scheuen sich vor dem Image des pfundigen Geschäfts.

Wer übergewichtig ist und abnehmen will, wird schnell fündig. Mehr als 20 Millionen Ergebnisse spuckt Google bei der Suche nach «Diät» aus. Das Geschäft brummt: Die Abnehmgurus von Weight Watchers sind seit 2001 an der Börse, seitdem hat sich der Wert der Aktie mehr als verdoppelt. Ein weltweites Umsatzpotenzial von 1400 Milliarden Dollar sagte die Schweizer Bank Credit Suisse der Branche bis 2012 voraus, berichtet die Financial Times Deutschland.

Doch für diejenigen, die noch einen weiten Weg zum Idealgewicht vor sich haben, ist das Angebot an speziellen Produkten überschaubar. Industrie und Unternehmen in Deutschland tun sich schwer damit, die Bedürfnisse der Übergewichtigen zu erkunden - und zu bedienen. «Der Markt ist riesengroß, aber keiner will da rein gehören», erklärt Felix Beilharz vom Deutschen Institut für Marketing im Gespräch mit news.de. Die Nische der Übergewichtsprodukte habe ein Akzeptanzproblem. «Die meisten Kunden wollen es sich nicht eingestehen», sagt Beilharz. Darum sei es schwierig, für die Produkte zu werben.

Promis mit Übergewicht
Dick im Geschäft
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Eine Ausnahme bildet die Modebranche. Ob Gerry Weber, Max Mara oder s.Oliver - immer mehr Marken führen inzwischen eine Übergrößenlinie. Von Unterwäsche über Cocktailkleider bis hin zu Stiefeln mit extrabreitem Schaft haben Füllige die Qual der Wahl. Laut dem GermanFashion Modeverband entfallen von den etwa 6,2 Millionen Euro Umsatz der deutschen Modeindustrie inzwischen 18 Prozent auf das Übergrößensegment. Sogar die Laufsteg-Designer haben die Übergewichtigen für sich entdeckt: Mit «Class White Label» bracht Roberto Cavalli eine Übergrößenkollektion auf den Markt und auch Marc Jacobs kündigte an, eine entsprechende Linie starten zu wollen.

«Keine einfache Nische»

Auf dem Internetportal Dicke Welten hat Gründerin Eva Nadrau rund 545 Adressen der On- und Offlinewelt zusammengetragen, bei denen modebegeisterte Übergewichtige fündig werden. Im Bereich «Living und Livestyle» dagegen stehen nur fünf. Das Portal spiegelt die Situation auf dem Markt wieder: Abseits der Mode- und Abnehmindustrie sind die dicken Deutschen eine vernachlässigte Zielgruppe. «Produkte für Übergewichtige sind keine einfache Nische», meint Peter Kuhn vom Onlineshop SimplyBig zu news.de. «Der Rechercheaufwand, was die Leute wirklich brauchen, ist relativ groß und man kann nicht einfach beim Großhändler die Artikel bestellen.»

Im Urlaub abnehmen
Da purzeln die Pfunde
Abnehmurlaub (Foto) Zur Fotostrecke

SimplyBig ist einer der wenigen Anbieter auf dem deutschen Markt, die sich auf Produkte für Übergewichtige spezialisiert haben. Seit 2009 bietet der Versandhandel mehr als 400 Artikel, die den Alltag erleichtern sollen: extra breite und besonders stabile Camping- und Bürostühle, Beinheber und Greifhilfen, verstärkte Toilettensitze, Abwischhilfen, Fußnagelschneider mit Haltearm und Lupe. Die Gurtverlängerung fürs Auto haben die Betreiber der Seite eigens entwickeln lassen, in Bangkok lassen sie Silberschmuck in Übergröße anfertigen. Besonders beliebt ist ein Fahrradsattel, der beinahe doppelt so groß wie ein normaler Sitz ist.

 Die Produkte haben allerdings ihren Preis: Der Sattel kostet knapp 120 Euro, wer einen robusten Bürosessel möchte, ist mit 1300 Euro dabei. «Bei unseren Produkten verwenden wir stabileres Material, das muss bezahlt werden», erklärt Kuhn die deftigen Preise. «Außerdem sind die Stückzahlen geringer.» Viele Kunden seien trotzdem froh, überhaupt auf die speziellen Produkte gestoßen zu sein. Der Umsatz entwickele sich positiv mit einem Plus von etwa zehn Prozent pro Jahr.

Inspiration aus den USA

Übergewichtswoche
Zu den Pfunden stehen
Video: news.de

In Foren und Selbsthilfegruppen hört sich das zehnköpfige Team vom SimplyBig um, wo die Probleme der Übergewichtigen liegen. Inspiration kommt auch aus den USA, den Vorreitern im Geschäft mit den Dicken. Hier gibt es so viele Spezialshops für Mopplige, dass sie unter Plussizeyellowpages.com eine eigene Version der Gelben Seiten füllen. In den USA ist auch Uwe Gabler auf seine Geschäftsidee gekommen. Seine Firma SizeWise Rentals vermietet und verkauft medizinische Geräte und Hilfsmittel in XXL an Altenheime und Krankenhäuser: Betten für Patienten mit bis zu 470 Kilo Gewicht, extra breite Rollstühle und Rollatoren, Waagen mit 500-Kiloanzeige, motorbetriebene Patientenlifte.

 Diese «Schwergewichtshilfsmittel» sind teuer und sperrig, darum mieten sie die Kliniken meist nur. 500 bis 600 Mal im Jahr rücken Gabler und sein Team aus, um die Geräte vor Ort aufzubauen und das Personal einzuweisen, mehr als 300 Häuser beliefern sie inzwischen deutschlandweit. In Zeiten, in denen immer mehr Deutsche stark übergewichtig sind, steigt die Nachfrage nach Hilfsmitteln, um auch adipöse Patienten adäquat behandeln zu können. «Das Geschäft läuft von Jahr zu Jahr besser», sagt Gabler, der seinen Service seit 2005 anbietet. «Wachstumsraten von 15 bis 20 Prozent sind drin.» Städte wie Essen, Hamburg und Dortmund haben inzwischen sogar Spezialkrankenwagen angeschafft, ausgestattet mit XXL-Trage und beweglicher Rampe.

Angst vor «Getthoisierung»

Dick und Dünn
«Du kannst aber viel essen!»
Po (Foto) Zur Fotostrecke

Neben Hilfsmitteln für den Alltag und die medizinische Versorgung gibt es spezielle Reiseangebote für Übergewichtige. Auch hier sind die Möglichkeiten jedoch überschaubar. Das Hotel «Freedom Paradise» im mexikanischen Urlaubsort Cancun wirbt damit, der erste und bislang einzige «größenfreundliche Ferienclub» zu sein. Stabile Möbel, begehbare Duschen, Pools mit Haltegriffen und nur wenige Treppen sollen für einen stressfreien Urlaub sorgen. In Deutschland bietet Sylvia Strasser mit ihrem Reisebüro King-Size-Travel Reisen nach Teneriffa an, die «molligen Menschen Spaß im Urlaub ohne jegliche Ängste oder Schamgefühle» ermöglichen sollen.

 Bei den Betroffenen stoßen solche Spezialangebote nicht nur auf Gegenliebe. «Es ist Teil unseres Selbstverständnisses, dass wir als völlig normale Mitmenschen wahrgenommen werden möchten, ohne einen sich auf ein rein äußerliches Merkmal stützenden Sonderstatus», sagt Birgit Baumann von der Internetseite Das dicke Forum zu news.de. «Wir lehnen jede Form einer möglichen Ghettoisierung dicker Menschen durch besonders auf sie zugeschnittene Veranstaltungen ab.» Produkte wie verstärkte Betten, Leitern oder Möbel hält sie dagegen für sinnvoll. Gerade in Wartezimmern und Restaurants aber auch für den privaten Gebrauch würde sie sich mehr stabilere Stühle mit breiteren Sitzflächen wünschen - der Bedarf ist scheinbar da.

Weitere spannende Themen finden Sie auf der Übersichtsseite zur «news.de-Woche des Übergewichts».

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roj/ham/news.de

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