Homosexualität im Job Heimliche Knutscherei in der Chefetage

Ein schwuler Chef, eine lesbische Managerin? Bisher sucht man die auf den Chefsesseln deutscher Konzerne vergebens. Kein Wunder, denn viele Unternehmen tun sich mit schwul-lesbischer Vielfalt im Job noch ziemlich schwer.

Homosexuelle (Foto)
Längst keine Selbstverständlichkeit: In deutschen Unternehmen haben viele Schwule und Lesben Angst, sich zu outen. Bild: dpa

Guido Westerwelle hat es getan, Klaus Wowereit auch. Genauso wie Anne Will, Dirk Bach und Hella von Sinnen. Sie haben sich alle als homosexuell geoutet und der Öffentlichkeit ein Stück Intimsphäre preisgegeben. In der Politik und im Showbusiness ist das längst kein Problem mehr. In der Wirtschaft dagegen schon.

Ulrich Köstlin, Vorstand beim Pharmariesen Bayer HealthCare, ist mit seinem Outing bisher ziemlich allein auf weiter Flur. Dass er tatsächlich der einzige homosexuelle Vorstand Deutschlands ist, dürfte eher unwahrscheinlich sein - gehen doch die Statistiken davon aus, dass zwischen sieben und zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gleichgeschlechtlich lieben. Wo sind sie also, die offen bekennenden Schwulen und Lesben unserer Wirtschaft? Sie sitzen am Schreibtisch und gehen ihrer Arbeit nach - genauestens darauf bedacht, bloß nicht entdeckt zu werden. Zu groß ist die Angst vor einem öffentlichen Coming out.

Homosexuelle Stars: «Ich bin schwul, und das ist auch gut so»

Das zeigt auch eine Studie des Psychologen Dominic Frohn. 2230 Schwule und Lesben hat er im Jahr 2007 zu ihren Erfahrungen am Arbeitsplatz befragt. Mehr als die Hälfte gab an, mit keinem oder nur wenigen Kollegen offen über ihre Homosexualität gesprochen zu haben.

Albert Kehrer vom Völklinger Kreis, dem Berufsverband schwuler Führungskräfte, schätzt, dass sich diese Zahl bis heute kaum verändert haben dürfte. «Zum einen ist da natürlich die persönliche Angst der Homosexuellen, sich zu überwinden» sagt Kehrer zu news.de. Auf der anderen Seite gebe es auch noch zu viele Vorbehalte in der Wirtschaft: Man traue Schwulen Führung nicht zu, weil sie angeblich zu weich seien.

«Oben wird die Luft dünner»

Kehrer selbst habe bei seinem Outing sehr positive Erfahrungen gemacht. Als Vertriebsmanager bei IBM habe er von Anfang an mit offenen Karten gespielt und fast durchweg positives Feedback bekommen. Er weiß aber auch: «Je weiter man in der Hierarchie nach oben kommt, desto dünner wird die Luft.» Wer sich nicht angreifbar machen möchte, behält seine sexuelle Orientierung deshalb oft lieber für sich und versucht, mit Leistung nach vorne zu kommen. Was bisher häufig fehlt, sind Arbeitgeber, die offen zu ihren Mitarbeitern stehen.

Diversity Management nennen Unternehmen Programme, die Vielfalt am Arbeitsplatz fördern. Egal, ob Männlein, Weiblein, Jung oder Alt, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion - und eben auch egal, welche sexuelle Orientierung. Einen Unterschied, so die Idee dieser Vielfaltserklärung, sollte es zwischen den Mitarbeitern eines Unternehmens nicht geben. Die Realität sieht vor allem in Bezug auf die sexuelle Orientierung hierzulande aber ganz anders aus.

Homophobie: Schwulenhass auf der ganzen Welt

Mehr als drei Viertel der Befragten in Frohns Studie haben nach eigener Aussage bereits Diskriminierung erlebt. Eine unangenehmer Spruch hier, Tuscheleien dort, Beschimpfungen, Mobbing und sogar körperliche Gewalt mussten einige von ihnen über sich ergehen lassen. Etwa vier Prozent der Befragten bekamen sogar die Kündigung auf den Tisch, nachdem ihre Homosexualität bekannt wurde.

«Beim Thema schwul-lesbische Diversität haben die Amerikaner uns ganz klar einiges voraus. Da wird viel progressiver damit umgegangen», sagt Kehrer, der in Deutschland einen enormen Nachholbedarf sieht. Das zeigt auch eine von Thomas Köllen im Jahr 2008 durchgeführte Untersuchung. Gerade mal sieben der 30 Dax-Unternehmen haben sexuelle Vielfalt als einen gesonderten Punkt in ihr firmeninternes Diversity Management aufgenommen. Zu den Maßnahmen, die sie für ihre homosexuellen Mitarbeiter ergreifen, gehören betriebliche Vorsorgeleistungen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Marketing nach außen sowie Mitarbeiternetzwerke. Köllens Bericht zeigt: Nur fünf von ihnen, und damit gerade mal ein Sechstel aller großen deutschen Unternehmen, betreiben schwul-lesbische Netzwerke, die offiziell von Unternehmensseite unterstützt werden.

Farbe bekennen, Ansehen gewinnen

Das Transportunternehmen MAN beispielsweise sieht keine Notwendigkeit, Programme für homosexuelle Mitarbeiter zu erstellen. «Die sexuelle Orientierung unserer Mitarbeiter fällt in deren Privatsphäre, deshalb erfassen wir sie nicht», sagt Unternehmenssprecher Dominique Nadelhofer zu news.de.

Kehrer vom Völklinger Kreis kann darüber nur den Kopf schütteln. Heterosexuelle würden ihr Privatleben schließlich auch mit in die Arbeit bringen, indem sie von der Ehefrau und den Kindern erzählen oder einen Ehering tragen. Er fordert: «Es muss auch möglich sein, dass Schwule und Lesben am Montag erzählen, mit wem sie ihr Wochenende verbracht haben.»

Wesentlich toleranter sind dagegen Unternehmen wie IBM Deutschland, die Deutsche Bahn, SAP oder die Deutsche Bank. Seit elf Jahren betreibt das Kreditinstitut nun schon sein schwul-lesbisches Mitarbeiternetzwerk, die Rainbow Group. Knapp 300 Mitglieder umfasst die Community derzeit. «Wir waren als erste Institution in Deutschland mit der Rainbow Group auf dem Christopher Street Day dabei, haben einen Stand bei der Milk, einer Firmenkontaktmesse für Homosexuelle, und wir inserieren in entsprechenden Magazinen der Homosexuellenszene - natürlich nur unter der Prämisse, dass nicht zu viel nackte Haut zu sehen ist», sagt Deutsche-Bank-Sprecher Christoph Blumenthal zu news.de. In der betrieblichen Altersvorsorge sind seit 2001 zudem eingetragene Partnerschaften der Ehe gleichgestellt.

Vorbildlich, befand der Völklinger Kreis, und verlieh dem Unternehmen den Max-Spohr-Preis für sein Engagement im Bereich schwul-lesbischer Vielfalt. Doch auch, wenn einige Unternehmen im Diversity Management eine Vorreiterrolle einnehmen: Offen bekennende Vorstände sind bisher rar. Und Ulrich Köstlin bleibt vorerst allein.

kra/news.de

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Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • hpklimbim
  • Kommentar 7
  • 13.06.2011 14:31
Antwort auf Kommentar 6

Das dürfte in etwa vergleichbar sein mit der altbekannten Frage: "Wo sind die wirklich Irren - vor oder hinter dem Zaun..."

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  • Longus
  • Kommentar 6
  • 13.06.2011 12:30

Wie sagte Rosa v. Praunheim in seinem dokumentarfilm "Nicht der schwule ist pervers, sondern die situation in der er lebt"..? ---"Auf dem männerpissour, da kamen wir uns nah". Als ehemaliger kenner der schwulenszene, (selber stockhetero) muss ich sagen, dass die ganze schwulenszene ziemlich krank u. gestört ist. Die schwulen merken es aber selber nicht, weil sie fest in ihrer welt verhaftet sind. Besonders abstossend wirkte immer das verstellen der stimme in eine frauenkreische, wenn ein schwuler dem untreuen freund eine eifersuchts-szene machte. Sorry, aber normal ist das nicht.

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  • hpklimbim
  • Kommentar 5
  • 12.06.2011 17:47
Antwort auf Kommentar 4

Das Juden-Gen in der Form, wie Sie es darstellen, ist die Erfindung von Ihnen und Ihresgleichen.

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