Atomausstieg Düstere Warnung vor Blackouts

Ein Transportproblem (Foto)
Ein Transportproblem: In Deutschland mangelt es an Leitungen, um Strom durchs Land zu transportieren. Bild: ddp

Von Georg Ismar
Kein Strom in Deutschland? Die Netzbetreiber sind gegen einen schnellen Atomausstieg und warnen vor Netzzusammenbrüchen im Winter. Alles eine Strategie, meinen die Grünen - die Konzerne wollten die Energiewende torpedieren.

1975 entwarf die Dänin Anne Lund mitten in einer weltweiten Atomeuphorie die Anti-Atom-Sonne mit dem «Nein, danke»-Slogan. 36 Jahre später hilft die von Lund damals schon beschworene alternative Energiequelle, massive Stromausfälle während des Atommoratoriums in Deutschland zu verhindern. Aber: Im Winter scheint die Sonne kaum, ein dauerhaftes Stilllegen vieler AKWs wird für die Regierung dann zum Problem.

Je nach Wetterlage konnten im Mai um die Mittagszeit, wenn besonders viel Strom verbraucht wird, bis zu 13,5 Gigawatt (GW) Leistung aus Solaranlagen in das Netz eingespeist werden. Was den Freunden eines schnellen Atomausstiegs sehr hilft, denn ein sogenannter Blackout könnte die Ausstiegsstimmung in der Regierung wieder kippen lassen.

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Atomkraftwerke in Deutschland
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Es ist schon ein bemerkenswerter Schritt, den die vier großen Übertragungsnetz-Betreiber Tennet, Amprion, EnBW und 50hertz am Wochenende vollzogen. Gemeinsam teilten die Herren über 35.129 Kilometer Stromautobahnen mit, dass die Lage schon jetzt nur noch dank Importen und Solarstrom zu beherrschen sei. Und dann malten sie ein düsteres Szenario für den Winter, wenn die Sonne weniger scheint, der Energiebedarf steigt und deshalb auch die Franzosen kaum noch Atomstrom für den deutschen Nachbarn übrig haben. Dann könnte es an kalten Wintertagen und bei geringer Windeinspeisung an der Küste in Süddeutschland zu wenig Strom geben, die Netze könnten zusammenbrechen.

Reparaturen werden verschoben

Die Sprecherin von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) teilt das Szenario der Netzbetreiber so nicht, sie macht aber klar, dass man die Warnungen ernst nimmt. Die Versorgungssicherheit habe Priorität beim Atomausstieg, der am 6. Juni besiegelt werden soll. Die Lage sei zwar schwierig, aber beherrschbar.

Die Warnung der Betreiber ist ein Appell gegen eine «7+1»-Regelung infolge der Katastrophe im japanischen Fukushima. Also das Stilllegen der acht AKW, die im Rahmen des Moratoriums bis Juni vorübergehend abgeschaltet wurden: jener sieben, die vor 1980 ans Netz gingen, und des Meilers Krümmel, der nach Pannen seit fast drei Jahren keinen Strom mehr produziert.

In dieser Woche liefern sogar nur 4 von 17 AKW Strom - weil 5 weitere Meiler wegen Wartungsarbeiten vom Netz gingen. Auch heute muss daher Strom eingeführt werden, am Nachmittag vor allem aus Frankreich, Tschechien, der Schweiz und Polen. Das Netz sei gerade noch gemäß EU-Mindest-Sicherheitsstandards zu betreiben, sagen die Betreiber. Reparaturen werden verschoben und Kraftwerke zum Hochfahren bis ans Limit aufgefordert. Schließlich müssen seit März mindestens 8000 Megawatt Leistung ersetzt werden.

Zwei der Netzbetreiber, EnBW und die RWE-Tochter Amprion, sind mit den Atomkonzernen verbandelt, das frühere Eon-Netz wird heute von Tennet betrieben, das von Vattenfall ist in den Händen von 50hertz, hier muss fast die Hälfte des deutschen Windstroms eingespeist werden.

Der IEA-Chef warnt vor einem deutschen Alleingang

Die Grünen wittern hinter dem Warnruf den Versuch, den Ausstieg zu torpedieren. «Die Netzbetreiber müssen endlich ihre Datengrundlage veröffentlichen, ansonsten kann man ihre Aussagen nicht überprüfen», sagt Fraktionsvize Bärbel Höhn.

Interessant ist ein Bericht der Bundesnetzagentur vom 11. April. Amprion hatte damals errechnet, dass auch bei einer Abschaltung der «7+1-Kernkraftwerke» etwa am dritten Mittwoch im Dezember um 19 Uhr genug Strom zu Verfügung stünde. Auch im Winter könne noch ein «leicht ausreichendes Versorgungsniveau» angenommen werden, bilanzierte die Bundesnetzagentur.

Röttgens Sprecherin betont, dass das Ganze weniger ein Angebots-, sondern viel mehr ein Transportproblem sei, also ein Mangel an Netzen. Die Betreiber wollen nun noch einmal mit der Netzaufsicht die Lage eingehend durchrechnen, vor allem wenn im Juni Klarheit herrscht, wie viele Atommeiler weiterlaufen dürfen. Sie können nun zumindest für sich in Anspruch nehmen, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Röttgen mehr als deutlich gewarnt zu haben. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Nobuo Tanaka, warnt angesichts der möglichen Folgen vor einem deutschen Atom-Alleingang.

che/beu/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • immerzu
  • Kommentar 1
  • 24.05.2011 06:23

"Auch heute muss daher Strom eingeführt werden, am Nachmittag vor allem aus Frankreich, Tschechien, der Schweiz und Polen" natürlich aus deren Atommeilern... was sind unsere Menschen dumm geworden und gehen auf die Grünen dummen Rattenfänger-Sprüche widerstandslos ein...

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