Von news.de-Redakteur Christian Mathea - 19.12.2018, 12.37 Uhr

Versicherungsbetrug: Eine Nation bedient sich selbst

Versicherer werden oft kritisiert, wenn sie im Schadensfall nicht zahlen wollen. Dabei sind sie häufig selbst Opfer einer Mitnahmementalität: Bei jedem zehnten Fall handelt es sich um Betrug. Die Täter werden dabei immer gerissener.

Nicht jedes Handy geht zufällig kaputt. Bild: iStockphoto

Wenn Apple ein neues iPhone auf den Markt bringt, bemerken das die Versicherer schnell. Denn Geräte der Vorgängerversion würden dann plötzlich häufig als Haftpflichtschaden gemeldet, sagt Katrin Rüter de Escobar, Expertin für Schaden- und Unfallversicherungen beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Ob dieser Anstieg wirklich mit rechten Dingen zugeht? Offenbar nicht.

Versicherungsbetrug: Zehn Prozent der gemeldeten Schäden betrügerisch

Laut Studien und Prognosen der Versicherer ist jeder zehnte gemeldete Fall entweder gar nicht passiert oder in der angegebenen Schadenssumme zumindest überbewertet. Und das verursacht den Versicherungen jedes Jahr hohe Kosten. Der Schaden würde bei etwa vier Milliarden Euro liegen, sagt Rüter de Escobar.

FOTOS: Versicherungsfall Die Lieblingsobjekte der Betrüger

Verbraucherschützer können diese Zahlen kaum bewerten. "Das sind Dunkelziffern der Versicherer", sagt Elke Weidenbach, Referentin für Versicherungen bei der Verbraucherzentrale NRW. Die Betrugsfälle sieht sie jedoch ebenfalls kritisch. "Es darf nicht auf Kosten der Versicherungsgemeinschaft gehen, wenn Schäden, die gar keine Schäden sind, gemeldet und abgerechnet werden", sagt sie.

Dazu hätten die Verbraucherzentralen festgestellt, dass die Versicherer bei Kulanzregelungen nicht mehr so freigiebig seien. Aber der Versicherungsbetrug dürfte, wenn überhaupt, nur ein Grund sein, sagt Weidenbach. «Den Versicherungsbetrug gibt es nicht erst seit gestern. Auf den Versicherern lastet insgesamt ein hoher Kostendruck.»

Versicherungsbetrug: Fälle aus der Praxis

Wie der Versicherungsbetrug in der Praxis funktioniert, da sind der Phantasie scheinbar keine Grenzen gesetzt: Der Versicherungsnehmer verkauft ein Handy und meldet es trotzdem als gestohlen. Ein technisches Gerät wird als gestohlen gemeldet, das man niemals besessen hat. Oder eine Designerbrille, die gegen Zerstörung versichert ist, wird vorsätzlich zerstört, wenn ihr Wert sinkt und die Versicherungssumme mehr einbringt.

Die Betrüger gehen dabei immer dreister vor: Es würden sogar Originalrechnungen und Verpackungen ohne das Gerät über Internetportale verkauft, sagt Rüter de Escobar: "Wenn ich die Rechnung für eine Originalrolex brauche, dann sicherlich nur, um eine gefakte Rolex als Versicherungsschaden zu melden."

Ein beliebter Bereich sind auch Polstermöbel. Egal ob Rotweinfleck oder Brandloch: Alles wird in der Privathaftpflicht untergebracht. Der Clou ist: «Die Versicherungsnehmer geben an, dass sie hochwertige Ware haben. Und wenn der Kontrolleur dann kommt und die Sache prüft, hat man ein Billigprodukt in der Stube», sagt  Detlev Burgartz, Experte und Dozent für die Abwehr von Versicherungskriminalität aus Köln.

Diese Strafen drohen bei Versicherungsbetrug

Wer denkt, Versicherungsbetrug ist ein kleines Vergehen, das schnell wieder vergessen ist, der täuscht sich: Rechtsanwalt Clemens Louis aus Essen weist darauf hin, dass Betrug zu Lasten der Versicherung mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe geahndet wird. "Im Zweifel werden Sie hart bestraft", sagt er. In besonders schweren Fällen, wenn es etwa um gegen Feuer versicherte Dinge geht, die vorsätzlich in Brand gesteckt werden, sehe das Gesetz dafür eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor, so Louis.

Die Branche hat bereits reagiert: "Im vergangenen Jahr sind einige Versicherer dazu übergegangen, ihre Betrugsressorts aufzustocken", so Burgartz. Bei der Zurich, Generali, Allianz oder bei der Huk-Coburg seien riesige Abteilungen entstanden, um den Betrug einzudämmen. "Und die sind nicht arbeitslos, sondern die sind meistens überproportional belastet."

Die Versicherer sind zudem wachsamer geworden. Es werde zunehmend geprüft, ob es sich um einen plausiblen Schaden handelt und die Schadensbeschreibung stimmen kann, sagt Burgartz: «Ein Laptop und ein Handy sind relativ robust. Bei diesen Gerätschaften wird immer wieder auf den Messen gezeigt, dass die durchaus einen Sturz von 80 Zentimeter und einem Meter aushalten können.»

Ein Brand in einer Lagerhalle: Nicht immer hat der natürliche Ursachen. Bild: dpa

Bei Brandschäden fahren Schadenregulierer und Brandexperten immer häufiger zur Brandstelle, um zu prüfen, ob wirklich so viele Waren in den Gebäuden gewesen sein können, wie angegeben. "Da wird alles wieder aus Pappkisten aufgebaut, um einschätzen zu können, ob überhaupt so viele Geräte in dem Gebäude oder der Wohnung gewesen sein können", erklärt Burgartz. Zudem werde die Schadensursache erforscht. "Wenn es heißt, es war ein Blitzschaden, kann man an den Geräten nachvollziehen, ob dort manipulativ eingegriffen wurde."

Wie wird bei Auto-Versicherungen betrogen?

Ein besonderes Feld ist der Betrug im Kfz-Bereich. "Da wird ein Schaden schon mal bei mehreren Versicherern geltend gemacht", sagt Katrin Rüter de Escobar. Detlev Burgartz sind Fälle bekannt, in denen der Unfall komplett inszeniert wurde, um möglichst viel Geld von den Versicherern zu kassieren. "Der Gutachter muss die Reparatur nach den Vorgaben des Herstellers und der Technik kalkulieren. Bei einem Schaden von 15.000 Euro springen da schnell ein paar tausend Euro raus, wenn man in einer Hinterhofwerkstatt das Fahrzeug äußerlich wieder herrichten lässt und dann verkauft."

Bei Versicherungsbetrug treten schon längst nicht mehr nur Einzeltäter in Erscheinung. "Gerade bei manipulierten Verkehrsunfällen haben wir eine deutliche Zunahme von Bandenstrukturen, das sind immer weniger Zufälle", sagt Burgartz.

Aufsehen erregte der Fall des 26-Jährigen Patrick R. aus Essen, der vor Kurzem zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt wurde. R. ließ seinen Opfern kaum eine Chance. Er fuhr hinter ihnen und sobald sie die Fahrspur wechselten, wechselte er ebenso die Spur, gab Gas und ließ sich seitlich rammen. Eine andere Strategie von R.: An einer Rechtsabbiegerspur ohne Ampel gab er erst Gas und trat danach plötzlich auf die Bremse. Das Problem für die Opfer des Täters: R. arbeitete mit bestellten Zeugen, die gemeinsam versicherten, er habe sich richtig verhalten.

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ivb/hos/news.de

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