Rohstoff Sonne Cashmaschine mit Frustpotenzial

Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
Deutschland bibbert bei Schnee und Eis, doch Forscher denken das ganze Jahr über an unseren Lebensspender Sonne. Energieexperte Josef Radermacher, warum Photovoltaik hierzulande nicht viel Sinn ergibt und wie wir die Sonne besser nutzen könnten.

Welche der erneuerbaren Energien wird noch unter Wert verkauft, hat ihr Potenzial längst nicht ausgeschöpft?

Radermacher: Die entscheidenden künftigen Energien, die 2050, 2070 Wohlstand für zehn Milliarden Menschen ermöglichen sollen, fehlen uns noch. Wir brauchen dann nämlich eine preiswerte, klimafreundliche Energie - und die haben wir noch nicht.

Welche könnte das sein?

Radermacher: Auf zwei Dinge setze ich große Hoffnungen. Das eine ist die Solarenergie im Sinne von Desertec. Also erneuerbare Energien an den geeigneten Standorten, die in ihrer Leistungsfähigkeit einen Faktor von zwei oder drei im Vergleich zu den typischen deutschen Standorten bringen. Dazu brauchen wir geeignete (trans-)kontinentale Netze. Das müssen Gleichstrom-Hochspannungsnetze sein, die es im Wesentlichen verlustfrei erlauben, über sehr große Distanzen elektrische Energie zu transportieren. Dann sehe ich ein großes Potenzial zur massiven Nutzung der Sonne in der Sahara-Wüste. Das ist die Grundidee des Projekts Desertec.

Also macht die Stromproduktion aus Sonne in Deutschland keinen Sinn?

Radermacher: Zur effektiven Nutzung von erneuerbaren Energien muss man die richtigen Standorte nehmen. Die heutigen Lösungen sind einfach zu teuer. Für Wind kann die richtige Stelle zum Beispiel die Küste Schottlands sein. Weil die Windverhältnisse über Europa eben sehr unterschiedlich sind. So ist es auch mit der Sonnenausbeute. Gerade deshalb brauchen wir leistungsfähige Netze über große Distanzen. Das Desertec-Konzept beinhaltet zusätzlich ein enormes Entwicklungspotenzial für Nordafrika. Zusätzlich könnte man dort sehr gut Aufwindkraftwerke nutzen, die meines Erachtens nach in ihrem Potenzial bisher völlig unterschätzt werden. Das wäre eine weitere Form von Solarenergie, sozusagen das umgekehrte Wasserkraftwerk - die Luft, die aufsteigt, treibt eine Turbine an.

Wie genau funktioniert ein Aufwindkraftwerk?

Radermacher: Aufwindkraftwerke sind Schornsteine von ein bis zwei Kilometern Höhe bevorzugt an Wüstenstandorten. Um diese herum baut man sehr große Flächen von Glasdächern, etwa zwei Meter oberhalb des Bodens. Unter dem Glasdach sammelte sich die heiße Luft und rast durch den Schornstein hoch. Die dabei frei werdende Energie ist proportional zur Höhe des Schornsteins. Und in dem Schornstein wird eine Turbine betrieben, die wie in einem Wasserkraftwerk Strom erzeugt. Legt man in den Wüstenboden Wasserschläuche, heizt sich über den Tag das Wasser auf und erhitzt dann auch während der Nacht die Luft unter dem Glasdach. So kann das Kraftwerk 24 Stunden betrieben werden.

Gibt es Aufwindkraftwerke schon?

Rohstoff Sonne
Die Kraft von oben
Solar (Foto) Zur Fotostrecke

Radermacher: Es gibt Pilotprojekte zum Beispiel in Spanien, von der EU gefördert. Es ist eine völlig unterschätzte, ganz wichtige Komponente.

Welches Potenzial könnten solche Solarstromprojekte haben und was sind die Hemmnisse?

Radermacher: Das Problem ist nicht primär die Technik. Wir haben etwa mit Infineon einen der Weltmarktführer für die benötigten Leistungshalbleiter in Deutschland. Das Problem ist ein anderes: Bisher gibt es nicht die erforderlichen Entscheidungen der europäischen Politik. Wir haben zum Beispiel keinen wirklich europäischen Strommarkt. Wie ist das geregelt, wenn bei den Schotten die Windräder stehen, und die Bayern brauchen den Strom? Wir sind in Europa im Energiebereich sehr kleinräumig organisiert. Uns fehlen auch vernünftige Vorstellungen, wie wir die Dinge europaweit oder sogar darüber hinausgehend organisieren sollen. Schon gar nicht haben wir die Konsortien und die Finanzierungsstruktur, um Afrika und Russland einzubinden.

Solarstrom wird in Deutschland oft als ineffizient gescholten. Wäre es besser gewesen, man hätte sich bei der Solarenergie auf die Warmwassererzeugung beschränkt, statt mit Milliarden Photovoltaikzellen zu fördern?

Radermacher: Auf jeden Fall hat die Warmwassererzeugung eine große Bedeutung und funktioniert gut. Wir verbrauchen unheimlich viel Energie, nur um Wasser aufzuheizen. Beim Duschen, beim Waschen oder in den Waschmaschinen. Die Photovoltaik ist die beste verfügbare Option zur Stromversorgung bei Stand-Alone-Geräten. Die Frage aber ist, ob Photovoltaik eine geeignete Lösung ist, um in großem Stil Solarstrom zu produzieren, vor allem in Ländern wie Deutschland, wo die Sonne nicht so oft scheint. Es spricht vieles dafür, dass es andere Lösungen gibt, die sehr viel günstiger sind.

Energieträger
Wo unser Strom herkommt
Schwarz-Gelb ist das Gefahrenzeichen für Radioaktivität. (Foto) Zur Fotostrecke

Ist zum Beispiel die Windstromproduktion effektiver?

Radermacher: Ja. Wenn man sich den energy return on invest (Eroi)Die Kennzahl bezeichnet das Verhältnis zwischen Energieoutput und der eingesetzten Energie. ansieht, dann ist Wind auf jeden Fall deutlich günstiger als Photovoltaik. Wie sich das auf Dauer entwickelt, ist eine andere Frage, auch, wie das abhängig vom Standort aussieht. Das größte Problem ist, dass wir derzeit vieles national oder sogar regional betrachten, weil viele Menschen glauben, das sei grundsätzlich der bessere Weg. Ganz im Sinne von ‹small is beautiful›. Betrachtet man die Sache aber weltweit oder europäisch und unter den Gesichtspunkten Kosten und Klimaschutz, dann sind diese Lösungen nicht mehr zielführend.

Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland riesige Solaranlagen.

Radermacher: Ja, aber die gibt es nur wegen der massiven Förderung.

Würden Sie sagen, auf diese Projekte hätte man unter Effizienzgesichtspunkten besser verzichtet?

Radermacher: Ich glaube nicht, dass solche großen Sonnenparks die langfristige Lösung für Deutschland sind. Und auch nicht, dass es angesichts unserer vielfältigen Probleme vor allem im Klimabereich der beste Dienst an dem Thema war, dass man soviel in Photovoltaik investiert hat. An diesen Riesenparks haben findige Leute sehr viel Geld verdient. Das ist wie eine Gelddruckmaschine. Man hätte dieses Geld besser in das Finden leistungsstärkerer technischer Lösungen, also in die Weiterentwicklung der Technik und in Forschung und Entwicklung stecken sollen. Mich stört, dass manche Leute und «kluge» Unternehmen jetzt eine Menge Geld mitnehmen, weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) so ist, wie es ist. Das wird brutal ausgenutzt. Da hat sich inzwischen 'ne Menge Frust gegen die Photovoltaik aufgebaut.

Gilt das auch für die Stromproduktion aus Biomasse?

Radermacher: Die wird ebenfalls massiv gefördert, der energy return on invest ist noch schlechter als bei der Photovoltaik. Zusätzlich verschärft die Biomasseverstromung von Pflanzen die Ernährungssituation der Welt, in der täglich 24.000 Menschen verhungern. Man kann das aus Sicht der Landwirte verstehen, die sich in schwierigen Märkten behaupten müssen. Aber eine wirkliche Lösung für die langfristigen Probleme der Menschheit ist das alles nicht.


Franz Josef Radermacher (60) ist Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung. Bekannt geworden ist er durch sein Eintreten für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft und durch sein Engagement in der Global Marshall Plan Initiative, die sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung, für eine Welt in Balance, einsetzt. Seit 2002 ist Radermacher Mitglied des Club of Rome.

Lesen Sie hierzu auch den news.de-Artikel Die Photovoltaik-Lüge.

mat/ivb/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
partnerangebot
Neueste Dossiers
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige