Discounter Eine Branche nutzt Minijobber aus

Minijobber (Foto)
Minijobber sind im Einzelhandel besonders gefragt. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Christian Mathea und Angelika Megyesi
Minijobs sollen Arbeitslosen helfen, schnell wieder in einen Vollzeitjob zu kommen. Doch in der Realität sieht das anders aus. Unternehmen nutzen die Billigarbeitskräfte aus, um Kosten zu sparen. Das ist besonders im Einzelhandel der Fall.

Wenn es um eine neue Preisrunde geht oder um Aktionswochen für Technik, dann sind Discounter stark präsent in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Werbung. Doch bei Fragen zu ihrer Personalpolitik wird geblockt.

Penny, Norma, Kaisers und Aldi Nord antworten gleich gar nicht auf entsprechende Anfragen. Bei Lidl heißt es am Telefon forsch: «Zu unserer Personalpolitik geben wir generell keine Auskunft.» Bei Real und Kaufland ebenso: «Wir machen generell keine Angaben zu unseren Beschäftigungsstrukturen», sagt die Sprecherin. Bei Aldi Süd kann die Frage nach der Einstellung zu Minijobs aufgrund der «dezentralen Unternehmensstruktur» nicht beantwortet werden.

Vielleicht wäre die Öffentlichkeitsarbeit in dieser Frage offener, würden in den Supermärkten viele zufriedene Vollzeitbeschäftigte hinter der Kasse sitzen und Regale einräumen. Die Realität sieht aber anders aus. In kaum einer Branche ist die Anzahl der MinijobberIn Deutschland arbeiten 6,8 Millionen geringfügig entlohnte Beschäftige, so genannte Minijobber (Verdienst bis maximal 400 Euro). Ihre Zahl steigt, im Juni 2003 waren es noch 5,8 Millionen Beschäftigte, im März 2008 bereits 6,5 Millionen. Quelle: Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See. so hoch wie im Einzelhandel Im Einzelhandel arbeiten 24 Prozent Minijobber, in der Gesamtwirtschaft sind es nur 14 Prozent. Im Gegensatz dazu haben im Einzelhandel nur 43 Prozent in einer Vollzeitstelle, in der Gesamtwirtschaft sind es 64 Prozent. Quelle: Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg–Essen. - also derjenigen, die maximal 400 Euro pro Monat verdienen dürfen, und bei denen die Arbeitgeber schon mal vergessen zu erwähnen, dass ihre Angestellten einen Anspruch auf Urlaub und Geldfortzahlung im Krankheitsfall haben.

Minijobs
Arbeiter ohne Lobby

Warum gerade im Einzelhandel?

Für die vergleichsweise hohe Zahl von Minijobbern im Einzelhandel gibt es laut Alexander Herzog-Stein, Wissenschaftler beim Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, zwei Ursachen. Einerseits liege das an der schwachen Vertretung der Gewerkschaften in der Branche, andererseits an der spezifischen Arbeitsstruktur. Im Einzelhandel gebe es gestückelte Abläufe zu bestimmten Tageszeiten wie Auspacken und Regale einräumen, die Handelsunternehmen billig mit Minijobbern erledigen könnten, so Herzog-Stein. Während früher die Festangestellten in Schichten gearbeitet hätten, kämen jetzt früh und abends Minijobber, um diese Arbeiten zu erledigen.

Dass Vollzeitstellen im großen Maßstab gestrichen und direkt durch Minijobs
ersetzt werden, kann Herzog-Stein nicht bestätigen. Die Substitution erfolge eher
indirekt, sagt der Wissenschaftler und erklärt, wie die Unternehmen langfristig die
Zahl der Minijobs erhöhen: «Wenn sozialversicherungspflichtige Personen ausscheiden, dann wird die freie Stelle aufgeteilt in Minijobs», so Herzog-Stein. Eine andere Strategie spiele sich während der Expansion ab: «Wenn die Unternehmen expandieren, werden neue Stellen mit Minijobbern besetzt.»

Netto-Markendiscount im Fokus der Gewerkschaften

Welche Unternehmen besonders viele Minijobber einstellen, diese Frage ist schwer zu beantworten. Die Minijobzentrale in Bochum, die für diese Arbeitnehmergruppe verantwortlich ist, darf aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft geben. Die Gewerkschaften haben zahlreiche Handelsketten im Fokus: «Im Discount werden die geringfügig Beschäftigten fast generell ausgenutzt, Netto, Penny, Lidl oder Norma», sagt Marco Steegmann von der Verdi-Bundesverwaltung.

Verdi in Sachsen konzentriert sich bei seiner Arbeit gegenwärtig besonders auf Netto-Markendiscount, die laut Gewerkschaft besonders viele Minijobber in ihrem Personal hätten. «Obwohl der Bedarf an Voll- und Teilzeitkräften da ist, stellt Netto selbst ausgebildete Fachkräfte meist nur als geringfügig Beschäftigte ein», sagt Sprecher Thomas Schneider.

Die Minijobber sind demnach auch nicht nur dazu da, einfache Arbeiten auszuführen wie Regale einräumen. Sie müssten genau wie alle anderen Mitarbeiter auch Kassieren, Bestellungen aufgeben und Waren kontrollieren. Schneider wirft Netto zudem vor, generell bewusst gegen geltendes Recht zu verstoßen: «Die Minijobber werden ganz massiv davon abgehalten, ihren Anspruch auf Krankengeld und bezahlten Urlaub wahrzunehmen.»

Lesen Sie auf Seite 2, was Netto zu den Vorwürfen sagt

Im Gegensatz zu den anderen Discountern nimmt Netto Stellung zu den allgemeinen und speziellen Vorwürfen. Zur hohen Zahl geringfügig Beschäftigter erklärt Pressesprecherin Christina Stylianou: «Im Rahmen der Integrationsphase von Plus auf Netto-Marken-Discount wurden in einigen Regionen vermehrt Arbeitskräfte, so auch geringfügig Beschäftigte, eingestellt. Dies ist bei einer solch einmaligen Übernahme nicht ungewöhnlich», sagt die Sprecherin und ergänzt: «Diese Integrationsphase ist nunmehr abgeschlossen, sodass sich die filialinternen Organisationsstrukturen wieder normalisieren. Zwischenzeitlich liegt der Anteil an Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten bei uns größtenteils im branchenüblichen Bereich.»

Christina Stylianou weist auf die Bedeutung der Minijobber für den Einzelhandel hin: «Aushilfskräfte stellen wir bei Bedarf auch weiter ein: Der Einsatz von geringfügig Beschäftigten ermöglicht uns einen flexiblen Personaleinsatz entsprechend dem Kundenaufkommen in den Märkten.» Die Pressesprecherin sagt aber, dass ein Minijob auch Chancen ermögliche: «Diese Mitarbeiter haben stets die Chance, standortabhängig einen Teilzeit- beziehungsweise Vollzeitvertrag zu erhalten.»

Den Vorwurf der Gewerkschaft, dass Lehrlinge nach der Ausbildung eine geringfügige Beschäftigung angeboten bekommen, weist sie zurück: «Nach erfolgreichem Abschluss bieten wir unseren Absolventen in der Regel einen Vollzeit- oder Teilzeitvertrag und somit eine gute, sichere Zukunftsperspektive», sagt sie. Eine Teilzeitbeschäftigung heißt demnach nicht immer gleich eine geringfügige Beschäftigung: «Zum Beispiel ist ein Studium nach Ausbildung nur mit einer Teilzeitbeschäftigung zu vereinbaren.»

Minijobber sind nachtaktiv

Wie es für viele Minijobber in der Praxis aussieht, erzählte eine Hartz-VI-Empfängerin, die vor einiger Zeit bei Kaisers in Berlin als Minijobberin gearbeitet hatte. Von ihren neuen Kollegen sei sie als Aushilfskraft äußerst kritisch aufgenommen wurden. Trotzdem habe sie genau wie die Vollzeitkräfte an der Kasse arbeiten müssen und sei häufig in den Abendstunden eingeteilt worden, weil das Unternehmen dadurch den Nachtzuschlag für Vollzeitarbeitskräfte habe sparen können, lautet ihr Vorwurf.

Auf eine Stellungnahme von Kaisers-Tengelmann wartet news.de bis heute.

mac/reu/news.de

Leserkommentare (16) Jetzt Artikel kommentieren
  • lockenlilly
  • Kommentar 16
  • 17.08.2012 22:58

Die Praktiker Baumarktkette gehört auch zu den totalen Aubeutern. Zahlen ihren Aushilfen nichtmal 6€ die Stune. Lohnfortzahlung bei Krankheit und Urlaub wird nicht gezahlt. Das Arbeitsgericht freut sich schon auf die Klage

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  • Mäggi
  • Kommentar 15
  • 15.01.2012 21:10

Es gibt noch mehr Ausbeuter. Was ist z.B bei Mäc- Geiz los. Urlaub gibt es, das weiß ich, auch zu Weihnachten läßt man sich nicht lumpen. Aber Stundenlohn ? Freiwillig jeden Tag eine Stunde umsonst arbeiten? Aushilfen mit Tresorverantwortung? Bestellung, Kundenrekla, Wareneingang..... Und dann heißt man Aushilfe? Das sollte sich die Firma mal sich überdenken. Das ist sehr traurig !

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  • garri
  • Kommentar 14
  • 15.01.2012 21:01

Das ist unverständlich das bei mir das Geld aufgestockt wird, weil ich Minnijobber bin. Für die 300,- € Aufstockung und meinen 400,-€ könnte ich viel länger im Laden arbeiten, mehr schaffen, mehr Kunden bedienen u.s.w. Aber nein, so soll es nicht sein. Ich muß für die geschenkten 300,-€ zu Hause bleiben ! Ist doch eine schwachsinnige Rechnung ! Und das bei Millionen Menschen. Wenn diese für die Aufstockung arbeiten gehen " dürften" würde Vieles besser laufen auf Arbeit.

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