Götz Werner «Hartz IV ist offener Strafvollzug»

Er gilt als Vorzeigeboss und predigt das bedingungslose Grundeinkommen: Drogeriemarktgründer Götz Werner erklärt im news.de-Interview, warum seine Läden besser laufen als die der Konkurrenz - und warum Hartz IV gegen das Grundgesetz verstößt.

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Götz Werner Bild: dpa

Herr Werner, Sie werden gerne zu Veranstaltungen zum Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik eingeladen. Was wäre denn ein Fehlverhalten in ihren dm-Drogeriemärkten?

Werner: Jeder Mitarbeiter muss die Dinge, die er tut, auch selbst vertreten können. Er muss sich fragen: Will ich das denn selbst (verantworten)? Meine Handlungen müssen höchstpersönlich sein, hinter ihnen muss ich mich authentisch erleben können. Wenn ich eine Tätigkeit ausübe, die mit mir nichts zu tun hat, dann habe ich die falsche Arbeit, dann muss ich gehen. Wenn Sie sich nicht motivieren können als Journalist, dann werden Sie immer ein schlechter Journalist sein.

Von Boni- und Prämiensystemen zur Motivation halten Sie nichts. Wie motivieren Sie die Mitarbeiter?

Werner: Wenn Sie Menschen von außen motivieren müssen, dann haben Sie ein Problem. Die Menschen, die bei dm arbeiten, sind zum Beispiel dadurch motiviert, dass sie Freiräume haben, dass sie sich mit der Arbeit, mit dem Unternehmen identifizieren können, dass sie sich Ziele setzen und diese erreichen können.

Was ist zum Beispiel so ein Ziel?

Werner: Dass sie zum Beispiel einen Kunden gut bedienen. Dass sie sich verwirklichen und eine Spitzenleistung bringen können. Nehmen Sie die dm-Filialleiter hier in Leipzig. Sie sind fast alle schon seit der Wende bei dm. Das sind Lebenszeiten, die die Leute hier verbringen. Das würden sie nicht tun, wenn sie nicht motiviert wären.

Im Ergebnis pro Filiale haben Ihre nach dem Dialog-PrinzipDas von ihm bei dm eingeführte unautoritäre Führungskonzept nennt Werner "Dialogische Führung". Es beruht auf den Grundwerten von Verständnis und Respekt. Der Dialog wird der Anweisung vorgezogen. geführten Märkte längst die der Konkurrenz mit konventioneller, autoritärer Mitarbeiterführung überholt. Ist das eine Genugtuung für Sie?

Werner: Wenn man seine Ziele erfüllt, den Wettbewerb gewinnt, ist das
natürlich eine Genugtuung.

Viele Unternehmen in der sogenannten New Economy kennen weder einen Tarifvertrag noch einen Betriebsrat. Erfüllt Sie das mit Sorge?

Werner: Weil in diesen die soziale Gemeinschaft zu heterogen ist. In solchen Unternehmen gilt dann die Devise: Change it, love it or leave it: Entweder Sie verändern Dinge dort oder Sie arrangieren sich - oder Sie verlassen das Unternehmen. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen hätten wir das Problem gar nicht: Der unzufriedene Mitarbeiter würde gar nicht erst dort arbeiten.

Was ist für Sie ein anständiges Arbeitnehmereinkommen?

Werner: Eines, wovon ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft menschenwürdig leben kann. Was ihm eine Teilhabe ermöglicht, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Wir bezahlen mindestens Tariflohn, darüber hinaus kommen Zahlungen, wenn ein Filialteam den eigenen Plan erreicht oder überschreitet.

Seit Jahren werben Sie für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Würde dann noch jemand bei Ihnen zum Kassieren kommen?

Werner: Wir bei dm wüssten dann, wer diese Arbeit wirklich gerne macht. Denn mit dem Grundeinkommen wären die Menschen frei, nein zu sagen. Das eigentlich Revolutionäre besteht im Wandel des gesellschaftlichen Klimas: Mit 1000 Euro im Monat ist der Mensch von niemandem mehr abhängig, weder von Familie, Kunden noch Arbeitgeber.

Viele würden vermutlich keinen Strich mehr arbeiten.

Werner: Wer die Arbeit nur macht, weil er das Geld braucht, findet jeden Morgen Gründe, nicht aufzustehen. Viele Bürger haben jetzt schon ein bedingungsloses Einkommen aus Vermietung, oder aus Kapitalvermögen. Die müssten nicht arbeiten, tun es aber trotzdem. Das Grundeinkommen würde den freien Menschen erst möglich machen. So wie es früher hieß: Ein freier Mann auf freier Scholle, hätten wir dann den freien Menschen mit Grundeinkommen.

Mit Hartz IV gibt es doch bereits ein Grundeinkommen.

Werner: Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es verstößt gleich mehrfach gegen das Grundgesetz. Erstens gegen Artikel 1, weil es kein menschenwürdiges Leben ermöglicht und zweitens gegen die freie Berufswahl als auch gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit, weil es Menschen zu Sklaven macht, indem es sie zur Annahme von Arbeit zwingt, die sie nicht ausüben wollen.

Der ehemalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus hat ein ähnliches Modell. Ist das eine Konkurrenz für Sie?

Werner: Nein, das geht in die gleiche Richtung. Es geht darum, dass wir einen Paradigmenwechsel schaffen und die Arbeit vom Einkommen entkoppeln. Einkommen ist nicht die Folge von Arbeit, sondern die Voraussetzung von Arbeit. Menschen brauchen Einkommen, um leben zu können, erst dann können sie für andere tätig werden.

Ist das Grundeinkommen überhaupt realistisch? Bisher sieht es nicht danach aus, als ob es in nächster Zeit umgesetzt wird. 

Werner: Hätten Sie geglaubt, dass am 9. November 1989 die Mauer fällt?

Zur Finanzierung des Grundeinkommens schlagen Sie eine drastische Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 50 Prozent vor. Wäre das nicht extrem unsozial gerade für Geringverdiener, weil Waren viel teurer wären?

Werner: Bereits jetzt sind alle Steuern, die wir bezahlen, in die Preise einkalkuliert. Die Preise müssen so hoch sein, dass alle Steuern, die bei der Leistungserbringung anfallen, auch gedeckt sind. Durch eine Konsumsteuer würden die Nettopreise sogar sinken und die Exporte sogar erleichtert, weil die Konsumsteuer nur im Inland anfällt. Das Grundeinkommen von sagen wir 1000 Euro wäre dann der Steuerfreibetrag dieser Konsumsteuer.


Professor Götz Werner (66) gründete 1973 die Drogeriemarktkette dm, deren Geschäftsführer er 35 Jahren lang war. Er überträgt das Discounter-Prinzip mit Selbstbedienung und hohem Rabattsatz wegen Großeinkaufs vom Lebensmittelhandel auf den Drogeriemarkt. Die Angestellten der einzelnen Filialen entscheiden selbst über das Sortiment und zum Teil über ihre Vorgesetzten und handeln Dienstpläne sowie Gehälter selbst aus.

Werner ist bekennender Anthroposoph und richtet seine Unternehmensphilosophie nach den Prinzipien von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität aus. So absolvieren die «Lernlinge» des Unternehmens einen achttägigen Theaterworkshop.

2008 wechselte Werner aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat. Von 2003 bis 2010 leitete er das Interfakultative Institut für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie. Seine Ideen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen fasste er in seinen Büchern
Einkommen für alle und 1000 Euro für jeden zusammen.

Rund 34.000 Mitarbeiter in 2403 Filialen in Deutschland und zehn weiteren europäischen Ländern erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2009/2010 5,65 Milliarden Euro Umsatz. 2010 wählten die durch den Handelsverband Deutschland (HDE) befragten 50.000 Menschen dm zum «Händler des Jahres» im Bereich Drogerie.

che/ivb/news.de

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Leserkommentare (45) Jetzt Artikel kommentieren
  • sonja tengler
  • Kommentar 45
  • 02.01.2013 23:22

Ich sehe keine einzige Stellungnahme zu dem Grundgehalt jedes Menschen. Stattdessen lese ich was sich die Kommentatoren im Laufe IHRES Lebens angeeignet haben, und nun als IHRE Meinung weitergeben. Das einzige was ich herauslese ist, dass KEINER hier an eine FÜR Menschen GÜNSTIGE Lösung mehr glauben WILL, oder nur nicht mehr kann? Auf Lottogewinne HOFFEN, und FREUEN sich sehr viele. Doch gibt es da WENIGER Gewinnchancen als bei dem Grundgehalt. Was wohl der Grund dafür ist, es NICHT haben zu wollen. Denn UMSONST ist doch viel geiler! Wen bisher schon so vieles vergebens war!

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  • ART
  • Kommentar 44
  • 24.11.2010 17:05
Antwort auf Kommentar 43

Dem fdp-Hotelmatratzen-Lautsprecher geht es eben nicht um das Gemeinschaftswohl. Bei all seinem Kommentar-Geschwätz zu allen Themen ist alles SOZIALE die rote Knechtschaft des freien Menschen.Bei der "sozialen Marktwirtschaft"denkt dieser nur an das Prizip"hire and fire"!Anders gesagt:"Wenn sich jeder selbst hilft,ist auch allen geholfen"!Er ist wahrscheinlich ein gut abgesicherter Beamter und ein egoistischer Demagoge.

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  • Hollyg
  • Kommentar 43
  • 16.11.2010 04:03
Antwort auf Kommentar 42

hoffentlich hast Du eine vernünftig denkende Familie, einen guten Arbeitsplatz, hast niemals einen Arbeitsunfall der Dich dann zu HartzIV bringt und eine hervorragende Gesundheit, welche Dir sehr lange Deine Arbeitskraft erhält, Kinder, die Dich später pflegen wenn Du Dich kaputtgewirkt hast und nicht im Pflegeheim dahinvegetieren musst Die Idee des bedingungslosen GE´s ist gut, denn jeder der etwas Grips hat stellt seine Arbeitskraft dann Allen zur Verfügung, es geht immerhin um das Gemeinschaftswohl und um das eigene Ansehen, den Selbstwert und die Achtung vor sich selbst.

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