Längere Laufzeit Wie teuer Atomstrom ist

Die Laufzeitverlängerung verhindere den Ausbau der erneuerbaren Energien, betonen die Atomkritiker. Energieexpertin Claudia Kemfert sieht das nicht. Die Barriere zur Energiewende sei an ganz anderer Stelle zu suchen.

Wenn die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängert werden, wie wirkt sich das auf den Strompreis aus? Wird der eher sinken, steigen oder stabil bleiben?

Kemfert: Der Preis wird wohl eher stabil bleiben. Denn es gibt preissenkende und preissteigernde Faktoren. Preissenkend ist, dass keine neuen Kraftwerke gebaut werden müssen, insbesondere keine Kohlekraftwerke. Das senkt die Investitionskosten im Vergleich dazu, wenn es keine Laufzeitverlängerung geben würde. Der zweite preissenkende Faktor sind die sinkenden Kosten für CO2. Wenn Kernenergie abgeschaltet wird, werden in erster Linie neue Kohlekraftwerke gebaut, dafür braucht man wieder CO2-Zertifikate.
 

Die Gegner der Atomenergie sagen, dass es einen Atomausstieg auch ohne den Neubau von Kohlekraftwerken gegeben hätte.

Kemfert: Ich würde mir wünschen, dass es so wäre, doch leider stimmt das nicht. Wenn die Laufzeiten der Kernkraftwerke nicht verlängert werden, werden Kohlekraftwerke gebaut. Das liegt daran, dass aus Altersgründen in den kommenden Jahren etliche Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Derzeit sind noch immer 26 Kohlekraftwerke in Planung, von denen einige schon gebaut wurden, einige sind auf Eis gelegt worden. Und nach der Entscheidung zur Laufzeitverlängerung wurden einige Planungen bereits aufgegeben, das bleibt hoffentlich auch so.

Zurück zum Preis. Was wirkt preissteigernd?

Kemfert: Preissteigernd wirkt die Förderung der erneuerbaren Energien, die wäre ohnehin gekommen. Und die Tatsache, dass wir zu wenig Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt haben und damit die Gefahr besteht, dass auch die Kernelementesteuer zumindest teilweise auf den Verbraucher umgelegt wird.

Wird die Macht der Konzerne durch die Laufzeitverlängerung nicht noch
weiter verstärkt?

Kemfert: Die Gefahr besteht vor allem dann, wenn man nur die Laufzeiten verlängert, ohne dass die alten Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Genau das hatte die Regierung ursprünglich eigentlich vor. Doch dieser Punkt ist leider aus dem endgültigen Energiekonzept heraus gefallen. Jetzt besteht die Gefahr, dass die marktbeherrschende Stellung der Energiekonzerne fest zementriert wird und es beispielsweise für Stadtwerke nicht genügend Anreize gibt zu investieren.
 

Was ist mit den erneuerbaren Energien? Wird deren Ausbau durch die Laufzeitverlängerung nicht behindert?

Kemfert: Diesen Systemkonflikt sehe ich nicht, da man die Vergütung von Strom aus erneuerbaren Energien ja beibehält. Zudem gibt es weiter Vorrang in der Einspeisung, weiter wird Geld aus dem Energie- und Klimafonds zur Förderung erneuerbarer Energien eingesetzt. Der Dreh- und Angelpunkt ist allerdings der Netzausbau. Der Netzausbau ist wichtig, um die erneuerbaren Energien in den Europäischen Stromverbund zu integrieren, zudem müssen über Speicher Volatilitäten (Anmerkung der Redaktion: Schwankungen bei Stromangebot und -nachfrage) ausgeglichen werden. Außerdem stärkt der Netzausbau den Wettbewerb, da in erster Linie kleinere und mittelständische Anbieter erneuerbare Energien produzieren und so bessere Chancen bekommen.

Was kostet eigentlich eine Kilowattstunde Strom aus erneuerbaren Energien im Vergleich zu Atomstrom mit allen dazugehörigen Kosten (Produktion, Endlagerung und Versicherung)?

Kemfert: Strom aus erneuerbaren Energien kostet im Durchschnitt noch immer etwa 13 Cent pro Kilowattstunde. Wobei Wind und Biomasse weniger kostet als Photovoltaik.Solarstrom Strom aus Kernenergie kostet mit abgeschriebenen Atomkraftwerken ungefähr 2 Cent pro Kwh. Mit Kosten für Endlagerung und Nachrüstung können die Kosten auf 2,8 Cent steigen. Die Gesellschaft trägt die weiteren Kosten und Risiken. Wir haben in Deutschland die Kernenergie hoch subventioniert. Es gibt Studien, die beziffern, dass die Kosten pro Kwh eigentlich mit 3 bis 4 Cent pro Kwh gemessen werden müsste.

Lesen Sie auf Seite 2, wie teuer Strom in Deutschland im europäischen Vergleich ist

Wie hoch ist der Strompreis in Deutschland eigentlich im Vergleich zu Europa?

Kemfert: Er liegt im oberen Drittel. Das liegt zum einen am fehlenden Wettbewerb, zudem sind die staatlichen Anteile im Vergleich auch recht hoch. Es gibt andere Länder wie Holland, Dänemark und Italien, die haben ebenso einen relativ hohen Steueranteil, aber es gibt genügend andere Länder mit niedrigeren Steuern und gezielt niedrigen Strompreisen wie in Osteuropa oder zum Beispiel auch Frankreich.
 

Wenn der Preis an der Strombörse niedrig ist und die Stromkonzerne den Preis trotzdem erhöhen, argumentieren sie stets mit dem Satz: Wir haben den Strom von heute schon vor Jahren zu hohen Preisen gekauft. Aber nach dieser Argumentation müssten doch die Verbraucherpreise in der Zukunft sinken, weil man jetzt den Strom der Zukunft zu den derzeit günstigen Preisen kauft.

Kemfert: Interessanterweise hört man diese Argumentation der Konzerne nur, wenn die Preise an den Strombörsen sinken. Wenn sie steigen, heißt es, dass die hohen Bezugskosten unmittelbar an die Verbraucher weitergegeben werden müssten. Eigentlich müssten die Preise nach der ersten Argumentation mit der zeitlichen Verzögerung nun auch an die Verbraucher weitergegeben werden. Warten wir es ab, ob das tatsächlich auch passiert.

Warum sinken sie dann nicht?

Kemfert: Wenn wir ausreichend Wettbewerb hätten, hätten die gesunkenen Strompreise der letzten zwei Jahre an der Börse auch beim Verbraucher ankommen müssen. Dann müsste der Strompreis jetzt mit der Umlage auf erneuerbare Energien nicht so stark ansteigen und könnte stabil bleiben.

Wettbewerb und Netze gehören zusammen, sagten Sie. Wie sieht es gegenwärtig mit dem Ausbau der Netze in Deutschland aus?

Kemfert: Der Netzausbau ist eine Katastrophe. Er hat in den vergangenen Jahren nicht in dem Umfang stattgefunden, wie er hätte stattfinden müssen. Das lag zum Teil an der Marktstruktur. Die großen Energieproduzenten waren in der Vergangenheit zugleich die Eigentümer der Netze. Warum sollten sie Netze für Konkurrenten bauen? Da bestand keine unmittelbare Notwendigkeit. Jetzt hat man die Eigentümerstruktur geändert. Zudem erhöht man die Anreizwirkungen und stellt zusätzliches Geld zu Verfügung.

Aber wenn ein Rentenfonds wie im Falle Vattenfall in ein Stromnetz investiert, dann will der doch eher Rendite erwirtschaften anstatt in Netze zu investieren.

Kemfert: Nicht notwendigerweise, denn die Investitionen rentieren sich ja trotzdem. Wichtig ist, dass die Bundesnetzagentur die richtigen Investitionsanreize setzt, die Entwicklung überwacht und Defizite aufzeigt.

Was ist dann das Problem am weiteren Ausbau der Netze?

Kemfert: Ein Problem liegt auch an den langen Genehmigungsverfahren. Die Politik müsste mehr auf Entschlackung achten. Ein anderes Problem sind die Bürgerproteste, durch die viele Hochspannungsleitungen boykotiert werden.

Lesen Sie auf Seite 3, warum Gas die bessere Brückenenergie ist

Sie sprachen vorhin an, dass Kohlekraftwerke verhindert werden sollten. Wollten nicht auch Stadtwerke Kohlekraftwerke bauen?

Kemfert: Das ist richtig. Aber die Stadtwerke wären hervorragend aufgestellt, Gaskraftwerke zu bauen. Gas ist die eigentliche Brücke in das Zeitalter der erneuerbaren Energie. Gaskraftwerke sind von den Investitionskosten beherrschbar und gut kombinierbar mit erneuerbaren Energien.

Warum?

Kemfert: Gaskraftwerke sind gut hoch- und runterfahrbar. Sie können gut diese Volatilitäten ausgleichen. Das einzige Problem in Deutschland ist, dass Gas zu teuer und damit unattraktiv ist. Obwohl der Gaspreis an der Börse niedrig ist. Leider sind immer noch zu viele Anbieter durch die Ölpreisbindung an zu hohe Gaspreise gebunden. Die großen deutschen überregionalen Verteiler binden sich immer noch im Rahmen von sehr langfristigen Verträgen mit russischen Lieferunternehmen an teure Preise.

Aber die Ölpreisbindung ist doch gekippt worden.

Kemfert: Nicht wirklich, zumindest nicht in Deutschland. Es ist richtig, dass wir einen Überschuss an Gas haben und der Preis an der Börse sehr niedrig ist. In Deutschland gibt es allerdings im Gegensatz zu einigen anderen europäischen Ländern nicht genügend Wettbewerb auf dem Gasmarkt. Die Handelsgebiete sind aufgeteilt und gehören wenigen überregionalen Verteilerunternehmen. Die Gaspreise orientieren sich im Rahmen von langfristigen Lieferverträgen mit russischen Gasanbietern an den Ölpreisen. Nun baut der größte deutsche Gasanbieter zusammen mit dem russischen Lieferunternehmen eine neue Pipeline in der Ostsee und bindet sich wieder auf Jahrzehnte an teures Gas.

 

Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung «Energie, Verkehr und Umwelt» am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität Berlin.

mac/ivb/news.de

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Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • Helmuth Schrickel
  • Kommentar 11
  • 31.05.2012 19:09

Ich könnte kotzen wenn ich die Strompreise sehe ,.besonders in Griechenland wo jetzt soviel EURO über den Rettungsschirm überwiesen wurde . Was für ein Europa Chaos ist da entstanden , sofort Ändern aber sofort die Preise für Strom senken -

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  • Helmuth Schrickel
  • Kommentar 10
  • 25.12.2011 13:28

Ich glaube das die Wasserstoffatome mit 253 Grad flüssig vorlegen und die Sauerstoffatome bei 183 Grad verflüssigt sind -das ist Wasser im gefrorenen zustand .alle Energie ist Wärmeentzug .

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  • guteronkel
  • Kommentar 9
  • 20.10.2011 20:50
Antwort auf Kommentar 7

Kältekraftwerke? Wasser minus 183 °C ist flüssiger Wasserstoff? Da scheint jemand total den Bezug zur Realität verloren zu haben. Kälte ist teuerer als Wärme. Das gilt meiner Meinung nach immer noch.

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