Der Mensch nach der Krise Die Wiederentdeckung der Liebe

Aktienhändler an der Börse in Frankfurt.  (Foto)
AktienhÀndler an der Börse in Frankfurt. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Jede Krise bietet Chancen, etwas dazuzulernen. Im Bankensektor ist das offenbar nicht geschehen. Fette Boni werden wieder gezahlt, und die Profitgier dominiert weiter die Branche. Doch wenigstens in den Köpfen der normalen Menschen scheint sich etwas getan zu haben.

Die vergangenen Jahre waren hart fĂŒr die Nerven der Deutschen. Zuerst standen die Banken vor dem Aus, dann drohte Europa in einer WĂ€hrungs- und Schuldenkrise unterzugehen. Das alles wurde dank der grandiosen Rettungsaktionen der Politiker verhindert - oder eben zumindest verschoben.

Klar, dass solche Horrormeldungen an die Substanz gehen - dass Krisen die Menschen zum Nachdenken anregen. Aber was hat sich seit dem geĂ€ndert? Sind wir nachdenklicher und risikoscheuer geworden, oder ist die Krise nahtlos an uns vorĂŒbergegangen?

Wer war eigentlich von der Krise betroffen?

Fakt ist jedenfalls, dass die Krise in den Köpfen der Menschen prÀsent gewesen ist. Mehr als zwei Drittel der Deutschen teilten laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Musiol Munzinger Sasserath noch vor einem Jahr die EinschÀtzung, dass Deutschland in einer starken wirtschaftlichen Krise steckt.

Interessant dabei ist: Direkt von der Krise betroffen waren viel weniger. Nur 20 Prozent der Haushalte haben nach Angaben des Mannheim Research Institutes for Economics of Aging Vermögensverluste erlitten. Nur ein Viertel der Bevölkerung ist demnach von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder einem drohenden Arbeitsplatzverlust bedroht gewesen. Umgekehrt hÀtten etwa 61 Prozent der Haushalte angegeben, dass sie von der Krise verschont geblieben seien.

Was hat sich in den Köpfen verÀndert?

Die Krise hat demnach weniger in den Geldbeuteln, dafĂŒr in den Köpfen Spuren hinterlassen. Aber wie macht sich das bemerkbar? Dazu haben die Marktforscher von Millward Brown mittels Befragung herausgefunden, dass die Menschen einfache Lebensfreuden fĂŒr sich wiederentdecken. Viele der Befragten hĂ€tten angegeben, wieder mehr Zeit zuhause zu verbringen und dort zu kochen, im Garten zu arbeiten oder im Internet zu surfen.

Der schönste Effekt dĂŒrfte aber sein: Die Krise hat den Deutschen das Herz geöffnet. Laut Millward Brown reagieren die Menschen mit einem verĂ€nderten Verantwortungsbewusstsein auf die Rezession und richten den Fokus seitdem verstĂ€rkt auf Basiswerte wie Familiensinn und Freundschaftspflege.

Das bestĂ€tigt auch eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Demnach haben mehr als ein Viertel der Befragten angegeben, dass fĂŒr sie die Rolle von Familie und Kindern wichtiger geworden ist. Fast ebensoviele gaben an, dass sie jetzt ihre persönlichen Beziehungen und Freundschaften stĂ€rker pflegen wollen. Und immerhin noch fĂŒr 15 Prozent der Befragten ist die eigene Ehe durch die Krise wichtiger geworden.

Nach der neuesten BAT-Wertestudie des Zukunftsforschers Horst Opaschowski haben die Menschen durch die Krise außerdem einen kritischeren Blick auf die Gesellschaft bekommen: Demnach wenden sich die Deutschen ab von Maßlosigkeit und Missmanagement. Sie wollen wieder ehrbare Kaufleute und ehrliche Politiker, die ihre «Wahlversprechen halten».

Gefragt ist laut dieser Wertestudie ein neues bĂŒrgerliches Wir-GefĂŒhl mit mehr Zusammenhalt. «FĂŒr Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz. Wir mĂŒssen mehr zusammenhalten», sagen laut Opaschowski 88 Prozent der Bevölkerung.

Was hat sich im Konsumverhalten verÀndert?

WĂ€hrend der Krise wurde in allen Bevölkerungsschichten gespart - vor allem bei teuren Modelabels und bei ElektrogerĂ€ten. Das haben die Marktforscher von Musiol Munzinger Sasserath festgestellt. Am wenigsten gespart hĂ€tten die Deutschen dagegen bei Körperpflege, Nahrungsmitteln und Tiernahrung.

Keine Überraschung dĂŒrfte sein, dass vor allem Discounter und das Internet von der Krise profitiert haben. Laut der Studie gaben 60 Prozent der Deutschen an, hĂ€ufiger bei Aldi & Co. einzukaufen, und 54 Prozent aller Befragten nutzten hĂ€ufiger Onlineshops im Netz.

Was sich außerdem geĂ€ndert hat: Nach den Ergebnissen von Musiol Munzinger Sasserath haben die Deutschen durch die Krise sehr genau den Wert der Produkte hinterfragt. Und das sei ein langfristiger Effekt. Aus diesem Grund hĂ€tten in Zukunft vor allem solche Marken eine Chance, die den «Wunsch nach einem echtem Mehrwert erfĂŒllen - sei es in Form besonderer QualitĂ€t, niedriger Folge- beziehungsweise Unterhaltskosten, GesundheitsvertrĂ€glichkeit oder Service und Beratung.»

Dass sich kurzfristig weitreichende Änderungen im Konsumverhalten eingestellt haben und einstellen werden, daran glaubt Robert Wilken, Juniorprofessor fĂŒr Internationales Marketing an der ESCP-Wirtschaftshochschule in Berlin, jedoch nicht. Zwar seien die Menschen durch die Krise offener, einige neue Produkte oder Dienstleistungen auszutesten, aber eine grundsĂ€tzliche Änderungen der Lebensweise innerhalb kĂŒrzester Zeit habe das nicht zufolge. «Es besteht eine gewisse TrĂ€gheit, sich komplett umzustellen. Das Verhalten hĂ€ngt stark von Gewohnheiten ab. Und eben diese Gewohnheiten Ă€ndern sich nur ĂŒber eine lange Zeit.»

Was hat sich bei der Geldanlage verÀndert?

Kommen wir zum Thema MobilitĂ€t: Angeblich fuhren die Deutschen in der Krise hĂ€ufiger mit dem Bus in den Urlaub und ließen das Flugzeug stehen. Das sagen zumindest die Busanbieter und rechnen damit, dass dieser Trend anhĂ€lt.

Ablesen lĂ€sst sich ein steigender Verkauf von spritsparenden Neuwagen und die Zunahme der Anmeldungen von Elektroautos - wenn Zweiteres auch auf Ă€ußerst niedrigem Niveau geschieht. Wie das Kraftfahrzeugbundesamt mitteilt, seien in diesem Jahr 267 Elektroautos angemeldet wordenIm gesamten Jahr 2009 waren es 162 Fahrzeuge gewesen, im Jahr 2008 36. - obwohl der Serienverkauf weniger Hersteller erst Ende dieses Jahres starten soll.

An der schlechten Beratung in den Banken nichts verÀndert hat sich laut Stiftung Warentest bisher nicht viel geÀndert. Aber nach Angaben der Finanzberater sind die Kunden anspruchsvoller geworden. Sie fragten gezielter nach und beschÀftigen sich verstÀrkt selbst mit verschiedenen Anlageprodukten.

Ein weiterer Trend, der sich bereits in der Krise abzeichnete: Einige Bankkunden wollen ihr Geld ökologischen und gemeinwirtschaftlichen Projekten zur VerfĂŒgung stellen und sind deshalb wĂ€hrend der Krise zu ethischen Banken gewechselt.

Nicht alle Anlageformen sind mehr nachgefragt

Laut Achim Tiffe vom Institut fĂŒr Finanzdienstleistungen (IFF) sinkt bei den Bankkunden das Interesse fĂŒr Versicherungsprodukte wie Lebensversicherungen. Der Experte erklĂ€rt das mit der negativen Presse ĂŒber diese Produkte, mit dem niedrigen Garantiezins, der Intransparenz, der langen Laufzeit und dem Absinken der Überschussbeteiligung.

Bei Fonds hat das IFF eine Abkehr von gemanagten Fonds hin zu passiven Fonds festgestellt. «Der Grund ist die EnttĂ€uschung ĂŒber die gemanagten Fonds. Sie haben trotz höherer Kosten in Krisenzeiten bis auf einige Ausnahmen ebenso hohe Verluste eingefahren.»

Laut Bundesverband der Deutschen Banken haben sich die BundesbĂŒrger in den vergangenen Jahren von der Aktie als Instrument der Vermögensbildung abgewandt. So sank der Anteil der Aktien am Geldvermögen der privaten Haushalte in den vergangenen beiden Jahren von 8,4 Prozent auf nur noch 3,2 Prozent.

Das gesunkene Interesse fĂŒr unsichere Wertanlagen bestĂ€tigt auch Ulrich Hocker, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Deutschen Schutzvereinigung fĂŒr Wertpapierbesitzt. In einer Rede sagte er: «Die ohnehin stark ausgeprĂ€gte Risikoscheu deutscher Privatanleger wurde durch die Finanzkrise noch einmal verschĂ€rft.» Laut Statistik der Bundesbank hĂ€tten die Deutschen einen Großteil ihrer Ersparnisse derzeit in Sichteinlagen oder Termingeldern angelegt.

mac/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig