Der Mensch nach der Krise Die Wiederentdeckung der Liebe

Jede Krise bietet Chancen, etwas dazuzulernen. Im Bankensektor ist das offenbar nicht geschehen. Fette Boni werden wieder gezahlt, und die Profitgier dominiert weiter die Branche. Doch wenigstens in den Köpfen der normalen Menschen scheint sich etwas getan zu haben.

Aktienhändler an der Börse in Frankfurt.  (Foto)
Aktienhändler an der Börse in Frankfurt. Bild: dpa

Die vergangenen Jahre waren hart f√ľr die Nerven der Deutschen. Zuerst standen die Banken vor dem Aus, dann drohte Europa in einer W√§hrungs- und Schuldenkrise unterzugehen. Das alles wurde dank der grandiosen Rettungsaktionen der Politiker verhindert - oder eben zumindest verschoben.

Klar, dass solche Horrormeldungen an die Substanz gehen - dass Krisen die Menschen zum Nachdenken anregen. Aber was hat sich seit dem ge√§ndert? Sind wir nachdenklicher und risikoscheuer geworden, oder ist die Krise nahtlos an uns vor√ľbergegangen?

Wer war eigentlich von der Krise betroffen?

Fakt ist jedenfalls, dass die Krise in den Köpfen der Menschen präsent gewesen ist. Mehr als zwei Drittel der Deutschen teilten laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Musiol Munzinger Sasserath noch vor einem Jahr die Einschätzung, dass Deutschland in einer starken wirtschaftlichen Krise steckt.

Interessant dabei ist: Direkt von der Krise betroffen waren viel weniger. Nur 20 Prozent der Haushalte haben nach Angaben des Mannheim Research Institutes for Economics of Aging Vermögensverluste erlitten. Nur ein Viertel der Bevölkerung ist demnach von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder einem drohenden Arbeitsplatzverlust bedroht gewesen. Umgekehrt hätten etwa 61 Prozent der Haushalte angegeben, dass sie von der Krise verschont geblieben seien.

Was hat sich in den Köpfen verändert?

Die Krise hat demnach weniger in den Geldbeuteln, daf√ľr in den K√∂pfen Spuren hinterlassen. Aber wie macht sich das bemerkbar? Dazu haben die Marktforscher von Millward Brown mittels Befragung herausgefunden, dass die Menschen einfache Lebensfreuden f√ľr sich wiederentdecken. Viele der Befragten h√§tten angegeben, wieder mehr Zeit zuhause zu verbringen und dort zu kochen, im Garten zu arbeiten oder im Internet zu surfen.

Der sch√∂nste Effekt d√ľrfte aber sein: Die Krise hat den Deutschen das Herz ge√∂ffnet. Laut Millward Brown reagieren die Menschen mit einem ver√§nderten Verantwortungsbewusstsein auf die Rezession und richten den Fokus seitdem verst√§rkt auf Basiswerte wie Familiensinn und Freundschaftspflege.

Das best√§tigt auch eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Demnach haben mehr als ein Viertel der Befragten angegeben, dass f√ľr sie die Rolle von Familie und Kindern wichtiger geworden ist. Fast ebensoviele gaben an, dass sie jetzt ihre pers√∂nlichen Beziehungen und Freundschaften st√§rker pflegen wollen. Und immerhin noch f√ľr 15 Prozent der Befragten ist die eigene Ehe durch die Krise wichtiger geworden.

Nach der neuesten BAT-Wertestudie des Zukunftsforschers Horst Opaschowski haben die Menschen durch die Krise au√üerdem einen kritischeren Blick auf die Gesellschaft bekommen: Demnach wenden sich die Deutschen ab von Ma√ülosigkeit und Missmanagement. Sie wollen wieder ehrbare Kaufleute und ehrliche Politiker, die ihre «Wahlversprechen halten».

Gefragt ist laut dieser Wertestudie ein neues b√ľrgerliches Wir-Gef√ľhl mit mehr Zusammenhalt. «F√ľr Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz. Wir m√ľssen mehr zusammenhalten», sagen laut Opaschowski 88 Prozent der Bev√∂lkerung.

Was hat sich im Konsumverhalten verändert?

W√§hrend der Krise wurde in allen Bev√∂lkerungsschichten gespart - vor allem bei teuren Modelabels und bei Elektroger√§ten. Das haben die Marktforscher von Musiol Munzinger Sasserath festgestellt. Am wenigsten gespart h√§tten die Deutschen dagegen bei K√∂rperpflege, Nahrungsmitteln und Tiernahrung.

Keine √úberraschung d√ľrfte sein, dass vor allem Discounter und das Internet von der Krise profitiert haben. Laut der Studie gaben 60 Prozent der Deutschen an, h√§ufiger bei Aldi & Co. einzukaufen, und 54 Prozent aller Befragten nutzten h√§ufiger Onlineshops im Netz.

Was sich au√üerdem ge√§ndert hat: Nach den Ergebnissen von Musiol Munzinger Sasserath haben die Deutschen durch die Krise sehr genau den Wert der Produkte hinterfragt. Und das sei ein langfristiger Effekt. Aus diesem Grund h√§tten in Zukunft vor allem solche Marken eine Chance, die den «Wunsch nach einem echtem Mehrwert erf√ľllen - sei es in Form besonderer Qualit√§t, niedriger Folge- beziehungsweise Unterhaltskosten, Gesundheitsvertr√§glichkeit oder Service und Beratung.»

Dass sich kurzfristig weitreichende √Ąnderungen im Konsumverhalten eingestellt haben und einstellen werden, daran glaubt Robert Wilken, Juniorprofessor f√ľr Internationales Marketing an der ESCP-Wirtschaftshochschule in Berlin, jedoch nicht. Zwar seien die Menschen durch die Krise offener, einige neue Produkte oder Dienstleistungen auszutesten, aber eine grunds√§tzliche √Ąnderungen der Lebensweise innerhalb k√ľrzester Zeit habe das nicht zufolge. «Es besteht eine gewisse Tr√§gheit, sich komplett umzustellen. Das Verhalten h√§ngt stark von Gewohnheiten ab. Und eben diese Gewohnheiten √§ndern sich nur √ľber eine lange Zeit.»

Was hat sich bei der Geldanlage verändert?

Kommen wir zum Thema Mobilität: Angeblich fuhren die Deutschen in der Krise häufiger mit dem Bus in den Urlaub und ließen das Flugzeug stehen. Das sagen zumindest die Busanbieter und rechnen damit, dass dieser Trend anhält.

Ablesen lässt sich ein steigender Verkauf von spritsparenden Neuwagen und die Zunahme der Anmeldungen von Elektroautos - wenn Zweiteres auch auf äußerst niedrigem Niveau geschieht. Wie das Kraftfahrzeugbundesamt mitteilt, seien in diesem Jahr 267 Elektroautos angemeldet wordenIm gesamten Jahr 2009 waren es 162 Fahrzeuge gewesen, im Jahr 2008 36. - obwohl der Serienverkauf weniger Hersteller erst Ende dieses Jahres starten soll.

An der schlechten Beratung in den Banken nichts verändert hat sich laut Stiftung Warentest bisher nicht viel geändert. Aber nach Angaben der Finanzberater sind die Kunden anspruchsvoller geworden. Sie fragten gezielter nach und beschäftigen sich verstärkt selbst mit verschiedenen Anlageprodukten.

Ein weiterer Trend, der sich bereits in der Krise abzeichnete: Einige Bankkunden wollen ihr Geld √∂kologischen und gemeinwirtschaftlichen Projekten zur Verf√ľgung stellen und sind deshalb w√§hrend der Krise zu ethischen Banken gewechselt.

Nicht alle Anlageformen sind mehr nachgefragt

Laut Achim Tiffe vom Institut f√ľr Finanzdienstleistungen (IFF) sinkt bei den Bankkunden das Interesse f√ľr Versicherungsprodukte wie Lebensversicherungen. Der Experte erkl√§rt das mit der negativen Presse √ľber diese Produkte, mit dem niedrigen Garantiezins, der Intransparenz, der langen Laufzeit und dem Absinken der √úberschussbeteiligung.

Bei Fonds hat das IFF eine Abkehr von gemanagten Fonds hin zu passiven Fonds festgestellt. «Der Grund ist die Entt√§uschung √ľber die gemanagten Fonds. Sie haben trotz h√∂herer Kosten in Krisenzeiten bis auf einige Ausnahmen ebenso hohe Verluste eingefahren.»

Laut Bundesverband der Deutschen Banken haben sich die Bundesb√ľrger in den vergangenen Jahren von der Aktie als Instrument der Verm√∂gensbildung abgewandt. So sank der Anteil der Aktien am Geldverm√∂gen der privaten Haushalte in den vergangenen beiden Jahren von 8,4 Prozent auf nur noch 3,2 Prozent.

Das gesunkene Interesse f√ľr unsichere Wertanlagen best√§tigt auch Ulrich Hocker, Hauptgesch√§ftsf√ľhrer der Deutschen Schutzvereinigung f√ľr Wertpapierbesitzt. In einer Rede sagte er: «Die ohnehin stark ausgepr√§gte Risikoscheu deutscher Privatanleger wurde durch die Finanzkrise noch einmal versch√§rft.» Laut Statistik der Bundesbank h√§tten die Deutschen einen Gro√üteil ihrer Ersparnisse derzeit in Sichteinlagen oder Termingeldern angelegt.

mac/news.de

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