Sechs Prozent mehr für Stahlkocher
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Von Uta Knapp und Christian Ebner
Artikel vom 27.08.2010
Die Jubelstimmung in der deutschen Wirtschaft lockt nun auch die Gewerkschaften aus der Deckung. Nach niedrigen Krisen-Abschlüssen fordert die IG Metall sechs Prozent mehr Lohn für die Stahlkocher. Die wären für einen Streik bestens gerüstet.
Ausgerechnet die kleine Stahlbranche soll nach dem Willen der IG Metall im Zeichen des Booms zur tarifpolitischen Speerspitze werden. Mit der Forderung nach sechs Prozent mehr Geld für die rund 85.000 Beschäftigten der Branche in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen sorgte die Gewerkschaft für einen Paukenschlag.
IG-Metall-Verhandlungsführer Oliver Burkhard hatte die Gespräche bereits zur «ersten Tarifrunde der Nachkrisenzeit» ausgerufen. An langen Ritualen sei der Gewerkschaft bei der am 6. September in Gelsenkirchen startenden Tarifrunde nicht gelegen, so der nordrhein-westfälische Bezirksleiter. «Was zählt, ist das Ergebnis. Und das muss fair sein», sagt er. Burkhard ist sich dabei sicher, gleich mehrere Trümpfe in der Tasche zu haben. Nach einer tiefen Krise noch im vergangenen Jahr laufen die Hochöfen in den deutschen Hüttenwerken bereits wieder nahezu mit Vollauslastung. Nichts käme den Arbeitgebern weniger gelegen als ein Streik.
Mit den Stahlkochern kann sich die IG Metall zudem auf ebenso kampferprobte wie selbstbewusste Belegschaften stützen. Rund 77.000 der 85.000 von der Tarifrunde betroffenen Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert. Das ist ein Rekordwert innerhalb der IG Metall. So wird der Stahlabschluss von den Gewerkschaften gerne auch als Signal für die folgenden Tarifrunden gesehen.
Ende der Bescheidenheit
«Mit der Sechs-Prozent-Forderung hat die IG Metall das Ende der Bescheidenheit tatsächlich erreicht», kommentierte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Stahl, Bernhard Strippelmann, die neue Lage. «Die Entgeltforderung ist nicht zu erfüllen», hieß es umgehend aus dem Arbeitgeberlager. Zur Begründung muss eine immer noch angeschlagene Verfassung der Branche nach der durchlittenen Krise herhalten.
Bei aller Freude über den exportgetriebenen Aufschwung gab es bei der IG Metall in den vergangenen Monaten immer längere Gesichter. Funktionäre aus der zweiten und dritten Reihe begannen zu murren, ob man in der Krisenangst um Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie den Arbeitgebern nicht zu weit entgegengekommen sei. In der weitaus größeren Industriebranche mit rund 3,4 Millionen Beschäftigten gibt es die nächste Tabellenerhöhung erst im kommenden Frühjahr und bis 2012 kann dort nicht gestreikt werden. Ausgehandelt hatte den umstrittenen Langfrist-Vertrag NRW-Bezirkschef Burkhard.
Die Gewerkschaftsspitze hat den Metallabschluss aus NRW als «historische Leistung» verteidigt, gleichzeitig aber die tariflich mögliche Vorverlegung der Lohnerhöhung verlangt und Nachschläge bei Betrieben gefordert, in denen es besonders gut läuft.
Tarifpolitik mit Pendelbewegungen
«Der Sprung auf die sechs Prozent ist zwar schon schnell, aber sicher nicht übermäßig unangemessen», meint der Berliner Gewerkschaftsforscher Hans-Peter Müller zur Stahl-Lohnforderung. Tarifpolitik sei immer gewissen Pendelbewegungen unterworfen und eine Forderung noch lange kein Abschluss. «Die Forderung liegt irgendwo in der Mitte zwischen Krise und Boom», sagt Tarifexperte Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft. Er warnte aber davor, die starke Stahlindustrie als Signal für andere, schwächere Branchen zu missdeuten.
«Insgesamt wäre es vernünftig, wenn die Lohnabschlüsse wieder an der mittelfristigen Produktivitätsentwicklung orientiert wären und nicht wie im vergangenen Jahrzehnt dahinter zurückblieben», erklärte der Volkswirt Gustav A. Horn von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Dies sei die wesentliche Ursache der zähen Konsumschwäche in Deutschland. Gesamtwirtschaftlich sollten die Löhne daher um 3 bis 3,5 Prozent steigen.
cvd/news.de/dpa
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