Mo., 13.02.12

Firmengründungen Angst vor dem Ende der Bequemlichkeit

Von Justin Luckmann, Ilmenau

Artikel vom 28.08.2010

Deutschland braucht mehr innovative Firmengründer. Doch viele aussichtsreiche Kandidaten lassen sich lieber für gutes Geld anstellen. Einfache Ideen sollen helfen, das zu ändern. Oft geht es um mehr als Geld. Ein Besuch einer Gründerveranstaltung.

Sebastian Dittmann hat keine Angst. Jedenfalls nicht, wenn es ums Geschäft geht. Jedenfalls sagt er das. Der 29-jährige Medienwirt lehnt sich in den Stuhl zurück und streckt die Beine von sich. «Als ich zwanzig war, habe ich mich das erste Mal selbstständig gemacht», sagt er. «Ich habe keine Angst, zu scheitern.» Wer gesehen hat, wie Dittmann ein paar Minuten zuvor das Produkt und die Firma beworben hat, an der er seit ein paar Monaten beteiligt ist, der glaubt ihm das.

Dittmann hat zusammen mit Gabriel Gatzsche eine App für Apples iPad auf den Markt gebracht; ein Programm, mit der jeder Nutzer, egal wie unmusikalisch, einem iPad Melodien entlocken kann, die immer gut klingen, weil sie immer harmonisch sind. Die ganze Sache nennt sich SoundPrism und funktioniert über die Berührung von farbigen Feldern auf dem neusten Spielzeug der Hightech-Schmiede.

Wahrscheinlich würde Dittmann diese Kurzbeschreibung seines Produktes rundweg als viel zu einfach ablehnen. «Darin steckt unglaublich viel Musiktheorie», ist einer seiner Lieblingssätze. Und er verweist gerne auf die jahrelange Entwicklungsarbeit, die Gatzsche in die Technologie hinter den bunten Elementen investierte. Doch so sehr all das auch eine Vereinfachung ist: Das iPad verschaffte dieser Technologie, dieser Idee, einen ersten wichtigen Durchbruch. Am 19. August ging SoundPrism, das eigentlich viel mehr sein soll als eine AppDittmann sieht SoundPrism im Grundsatz als eine „Basistechnologie“, mit der die Welt des Musiklernens revolutioniert werden soll. Das Pauken von Notensystemen soll seinen Vorstellungen nach der Vergangenheit angehören, weil sich Musik mit Hilfe der Technologie intuitiv, nur auf Berührung hin, erzeugen lässt – ohne, dass der Nutzer auch nur eine einzige Note lesen können muss. Musik soll damit so emotional wie möglich, mit so wenig Vorwissen wie nötig entstehen. , im App-Store online. Und innerhalb von 24 Stunden wurde es zur meistgedownloadeten Musikapp.

Neue Ideen braucht das Land ...

Es ist am frühen Abend in der thüringischen Kleinstadt Ilmenau als Dittmann für das SoundPrism und sein Unternehmen wirbt. Bei einer Veranstaltung auf dem Campus der dort ansässigen Technischen Universität (TUI) geht es um so genanntes Venture Capital. Venture Capital – das ist die Neudeutsche Bezeichnung für Geld, das meist in Form einer Unternehmensbeteiligung in junge Unternehmen gesteckt wird, die ihren Platz im Markt noch finden sollen. Venture Capital-Investitionen sind deshalb mit einem nicht ganz geringen Risiko verbunden. Aber jene, die das Geld zur Verfügung stellen – institutionelle Investoren wie Fonds, aber auch realwirtschaftliche Unternehmen –, hoffen auf die Innovationskraft von solchen Start-Up-Unternehmen und darauf, dass sich ihre Investition in barer Münze auszahlen wird.

Eine Sache ist an diesem Abend immer und immer wieder zu hören: Auf junge Unternehmensgründer müsse die deutsche Wirtschaft in Zukunft noch viel stärker setzen, wolle sie im internationalen Wettbewerb bestehen. Das ist eine neue Verpackung einer inzwischen alten Weisheit, deren Kern lautet: Mit niedrigen Löhnen zur Fertigung von Produkten kann Deutschland langfristig nicht auf dem Weltmarkt bestehen. Was wir brauchen sind Innovationen. Deshalb geht es an diesem Abend in Ilmenau eigentlich erst in zweiter Linie um Venture Capital. Im Mittelpunkt stehen Menschen wie Sebastian Dittmann; Menschen mit einer Idee, die sich mittel- und langfristig zu Geld machen lässt.

Obwohl aber niemand ernsthaft den Bedarf an innovativen Unternehmen und den Köpfen dahinter bestreitet, sieht die Realität anders aus. «Die Zahl der Unternehmensausgründungen ist stabil auf niedrigem Niveau», sagt TUI-Professor Andreas Will, der die Veranstaltung in Ilmenau mitträgt und damit ein Problem beschreibt, das längst nicht nur im Flächenstaat Thüringen, sondern überall in Deutschland anzutreffen ist. Gründerveranstaltungen wie die in Ilmenau wollen genau das ändern. Sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: In lockerer Atmosphäre sollen auf der einen Seite die mit der Idee mit denen ins Gespräch gebracht werden, die das Geld haben, um die Ideen am Markt zu platzieren. Junge Männer in Hemden oder Anzügen ohne Krawatte treffen dabei oftmals auf (deutlich) ältere Männer im Anzug; mit Krawatte. Es gibt Saft, Wasser und am späteren Abend auch Bier und Wein und ein paar Häppchen.

Dabei ist das Haupthindernis für die Gründungshemmungen vieler junger Akademiker gar nicht mal zuerst das Geld, glaubt Will. «Das Hemmnis Nummer eins ist die Mutlosigkeit», meint er. Auf Platz zwei sieht er eine «mangelnde Beschäftigung mit dem Markt» und erst an dritter Stelle liegt seiner Meinung nach das Problem der Finanzierung einer Unternehmensgründung. Mit der Wirtschaftskrise, sagt Will, habe die niedrige Zahl der Unternehmensausgründungen jedenfalls kaum etwas zu tun.

Sven Müller hat noch einen anderen Grund ausgemacht, warum so wenig gegründet wird in Deutschland. Vielleicht meint er aber auch Wills Mutlosigkeit, nur beschreibt er das Phänomen anders: Zahlreiche große und kleinere Unternehmen werben viele sehr gute Absolventen und mit ihnen auch viele sehr gute Ideen direkt von Uni ab und locken dabei mit hohen Gehältern, sagt Müller. Da zögen viele den Weg in ein Angestelltenverhältnis dem Schritt in die Selbstständigkeit vor, der immer Risiken birgt. Folgt man dieser Argumentation, dann hat Mutlosigkeit auch viel mit Bequemlichkeit zu tun. Sven Müller weiß, wovon er spricht. Er arbeitet als Geschäftsführer in einem jungen Unternehmen; der Rapid Venture Accounting, die sich auf die Rechnungslegung von Beteiligungsgesellschaften spezialisiert hat.

... und die brauchen neue Strategien

Weil aber eben doch alle irgendwie wissen, wie wichtig mehr Gründer für Deutschland sind, läuft die Suche nach neuen Ideen, wie mehr Absolventen zum Schritt in die Selbstständigkeit ermutigt werden können, auf Hochtouren. An der TUI setzt man seit einigen Wochen auf einen neuen Ansatz, nachdem man sich eingestehen musste, das die bisher zur Hand genommen Instrumentarien alleine nicht den rechten Erfolg brachten. Statt wie bisher einseitig zu versuchen, Ideen, die im universitären Umfeld entstanden, über eine Transferstelle am Markt zu platzieren, soll es künftig auch anderes herum versucht werden: Marktlücken sollen gezielt erkannt und dann das Know-how der Universität genutzt werden, um Firmen zu gründen, die dann die Lösungen für die Bedürfnisse des Marktes anbieten. Es klingt wie eine triviale Idee. Aber Will ist sich sicher: «Wir schlagen hier eine neue Richtung ein.»

Freilich weiß auch er, dass sich damit die Angst vor der Selbstständigkeit vieler Akademiker, ihre «Mutlosigkeit» oder ihre «Bequemlichkeit», nicht einfach so legen wird. «Schon früh im Studium müssen wir ansetzen, um diese Einstellung abzubauen», sagt Will.

Das Ergebnis dieses Prozesses, sollte er erfolgreich sein, könnte dann eine Einstellung sein, wie sie Sebastian Dittmann an den Tag legt. Einmal mehr auf die Gründungsrisiken angesprochen, fragt er, in seinen Stuhl zurück gelehnt, beinahe lakonisch: «Ein Job ist heutzutage doch auch nicht mehr sicher. Wo liegt der Unterschied, ob ich gekündigt werde oder mit meiner Firma pleite gehe?»

Lesen Sie auch unseren Text, warum sich deutsche Absolventen so schwer mit der Selbstständigkeit tun.

mat/news.de
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Leserkommentare (4)
  • Kommentar: 4
  • 30.08.2010 18:38
von
Sixtitwo

Angst vor dem Ende der Bequemlichkeit??? Hallo gehts noch?? Ich und zisch tausende von Menschen haben sich ob Angestellte oder Selbstständige, sich ein Leben lang krummgebuckelt. Fazit: Kuroptionen, Konkurs, Inselvens bishin zur ärmsten Armut. Der Wirtschaftsaufbau muß an den Wurzeln zuerst behandelt werden,-d.h. zuallererst müßte der niedrigste Tariflohn von mindestens 10 Euro betragen, nur so kommt wieder Bewegung in unser System. Was nützt ein Aufruf um Menschen der Selbstständigkeit sich zu entwickeln wenn doch garkeine all zu großen Perspektiven geboten sind. Noch mehr Pleiten und Schuld

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  • Kommentar: 3
  • 29.08.2010 20:58
von
Neuling

Immerhin zeigt der Text ja eindrucksvoll, dass es nicht immer nur ums Geld geht - auch wenn das gerne vorgeschoben wird.

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  • Kommentar: 2
  • 29.08.2010 17:08
von
Unternehmer

Deutschland ist nicht gerade das unternehmerfreundlichste Land. Im Gegensatz zu den US, wo "Entrepreneurship" schon frueh ein Teil des Schuelercurriciulums ist, kommt man mit dem Begriff der "Selbststaendigkeit" hier kaum in Beruehrung, und wenn, steht es im Zusammenhang mit Bedenken des Risikos und den moeglichen negatives Folgen, wenn es mal nicht funktioniert. Weiterhin ist in Deutschland ein Firmenbankrott fast schon gesellschaftlich geaechtet und das erschwert es Unternehmern, danach einfach mit etwas anderem zu starten. Das fuehrt zur Uebevorsichtigkeit und wenig Neugruendungen.

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  • Kommentar: 1
  • 28.08.2010 19:13
von
Hannsjörg Horseling

Sollte Herr Dittmann mit seiner Firma Pleite gehen, was ich ihm bestimmt nicht wünsche, dann würde er den Unterschied zu einer Kündigung als Angestellter erkennen - und schmerzlich spüren.

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