Späte Rente im Praxistest
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Von Christian Ebner
Artikel vom 26.08.2010
Alternde Belegschaften, Fachkräftemangel und ein längeres Arbeitsleben stellen Unternehmen wie Beschäftigte vor große Aufgaben. Als erste Branche hat die Chemie versucht, Lösungen für die alternde Industriegesellschaft zu finden.
Demografische Zwickmühle für die Betreibergesellschaft Infraserv des Wiesbadener Industrieparks Kalle-Alberte: In acht Jahren werden 58 Prozent der Mitarbeiter über 50 Jahre alt sein - gleichzeitig fehlen etwa 60 hochqualifizierte Kräfte. Und diese werden auf dem leergefegten Arbeitsmarkt im Jahr 2018 wohl nur schwer zu finden sein.
Dass Infraserv überhaupt davon weiß und bereits eine Gegenstrategie eingeleitet hat, ist eines der sichtbaren Ergebnisse des 2008 abgeschlossenen Demografie-Tarifvertrags der Chemischen Industrie (die Inhalte des Tarifvertrages als pdf-Dokument). An der Umsetzung arbeiten bundesweit rund 1900 Unternehmen der Branche.
Es sei ein «stiller Tsunami», der auf die Unternehmen zurolle, sagt der Sozialwissenschaftler Clemens Volkwein. Die Herausforderungen sind durchaus vielfältig: Das eine Unternehmen will seine Mitarbeiter wegen ihres Erfahrungsschatzes möglichst lange halten, während ein anderes für seine körperlich hart arbeitenden Beschäftigten einen frühzeitigen Übergang in die Rente organisieren muss.
Enttäuschung über die SPD
Volkwein ist gerade ziemlich sauer auf die SPD. Mit ihrer Kompromissformel zur vorläufigen Abkehr vom einst selbst ausgeheckten Renteneintrittsalter 67 setze die Partei ein völlig falsches Signal: Dass die Lösung der demografischen Probleme gar nicht so drängend sei und letztlich schon irgendwie eine Lösung gefunden werden könnte. Dabei sei sofortiges Handeln notwendig, warnt Volkwein: «Ab 2015 werden die Jahrgänge der Babyboomer verrentet, ohne dass genügend neue nachkommen. Den Unternehmen drohen echte Wettbewerbseinbußen.»
Auf Bundesebene haben der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Gewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE) einen umfänglichen Instrumentenkasten verabredet. Aus diesem können die Unternehmen nach einer umfassenden Analyse mit ihren Betriebsräten die für sie jeweils beste Lösung auswählen. Die Gewerkschaft hat ihr Ziel angesichts der drohenden Rente mit 67 klar formuliert: Die Menschen müssten die Übergangsphase in den Ruhestand grundsätzlich selbst gestalten können. Dafür müsse ein Korridor zwischen dem 60. und dem 67. Lebensjahr geschaffen werden.
Wie viele Unternehmen bundesweit schon eine Vereinbarung unterschrieben haben, ist nach Angaben von BAVC-Sprecher Sebastian Kautzky noch nicht klar. Nahezu flächendeckend seien Analysen erhoben worden, die Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsräten seien aber noch nicht überall abgeschlossen. «Die hatten in der Krise häufig etwas anderes zu tun, wollen sich aber grundsätzlich einigen.»
Arbeiter sollen für die Übergangszeit ansparen
Die Tarifpartner drücken aufs Tempo, denn die Modelle müssen bei einem Jahresbetrag von anfangs 300 Euro pro Arbeitnehmer schon eine ganze Weile laufen, um genug Kapital aufzubauen, das dann wirksam für die einzelnen Bausteine verwendet werden kann. Meistens ist vorgesehen, dass zusätzlich die Beschäftigten selbst Arbeitszeit oder Entgeltanteile einbringen können, um beispielsweise in fünf Jahren eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu können.
Grundsätzlich konnten die Betriebsparteien zwischen fünf Modulen wählen, bei der kunststoffproduzierenden Industrie kam die betriebliche Gesundheitsförderung als sechste Möglichkeit hinzu. Nach einer Aufstellung des Verbandes haben sich in Hessen rund 70 Prozent der Unternehmen dafür entschieden, mit dem Geld die tarifliche Altersvorsorge aufzustocken.
Komplexer ist das zweithäufigste Modell, die Einführung von Langzeitkonten etwa bei Fresenius oder eben bei Infraserv Wiesbaden. Die meisten Mitarbeiter - etwa der Werksfeuerwehr - werden die Möglichkeit nutzen, neben dem Arbeitgeberbeitrag selbst für die frühere Rente vorzuarbeiten oder einen Teil des Gehalts einzuzahlen. Gleichzeitig sind aber auch Unterbrechungen des Erwerbslebens möglich, etwa zur externen Qualifizierung, der Pflege von Angehörigen oder auch für ausgedehnte Reisen. Regelungen zur Altersteilzeit trafen zehn Prozent der hessischen Betriebe und drei Prozent einigten sich auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung.
mat/hav/news.de/dpa
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