So., 12.02.12
Abgewirtschaftet

Abgewirtschaftet Wir sind doch nicht bescheuert

Von news.de-Redakteur Christian Mathea

Artikel vom 21.08.2010

Nichts ist spannender als eine Woche in der Wirtschaft. Es geht um dicke Geschäfte, Politik und viel Geld. Und auch um Leute, die damit nicht umgehen können. Der satirische Wochenrückblick.

Nicht gerade selten muss man annehmen, dass Unternehmen ihre Kunden für ziemlich bescheuert halten. Eine lebenslange Garantie verspricht der Autobauer Opel. Wahrlich ein grandioses Versprechen. Der nächste Schritt in der grandiosen Marketing-Kampagne wäre gewesen, dass die Fahrzeuge einen Heiligenschein statt des Blitzes als Markenzeichen bekommen hätten.

Doch das bleibt wohl Wunschdenken. Denn ein Leben scheint bei Opel ziemlich kurz, und deshalb auch eine lebenslange Garantie. Warum? Die Garantie ist beim ersten Weiterverkauf ungültig, hält nur bis 160.000 Kilometer und gilt auch nur für bestimmte Teile. Der Autobauer glaubte anscheinend, Kunden in Heerscharen in die Autohäuser zu bekommen. Aber damit ist die Marketing-Abteilung auf dem Holzweg - und eine Wettbewerbsklage drohte in dieser Woche auch noch.

Es ist immer dasselbe: Große Versprechen in der Werbung, die durch möglichst viel Kleingedrucktes quasi wieder gestrichen werden. Ein Tipp: Zuerst immer das Kleingedruckte lesen und dann den Werbeslogan. Das ist äußerst amüsant. Bei Opel wirkt das großspurige Versprechen dann nur noch wie ein Hilferuf. Ein Hilferuf, weil die Autofabriken immer noch nicht profitabel laufen und Opel den Anschluss an die Zukunftsmärkte in Asien verpasst hat.

Wie geht es der armen Mutter?

Der Opel-Mutter geht es nicht unbedingt besser. Trotzdem will US-Präsident Barack Obama General Motors mit überhöhter Geschwindigkeit an die Börse fahren - und das möglichst vor den Kongresswahlen im November als Erfolgsmeldung für die gelungene Rettungsaktion verkaufen. Bleibt nur zu hoffen, dass das mal keine Fahrt gegen den Baum wird und sinkende GM-Kurse die Umfragewerte nicht mit in die Tiefe ziehen.

Denn für eine Börsenfahrt ist GM noch lange nicht stark genug. Abgesehen von den Problemen in Europa baut GM in den USA immer noch keine erfolgreichen Kleinwagen, die großen Marken wie Chevrolet sind verwässert, das Premiumgeschäft hinkt und Hauptkonkurrent Toyota dürfte nach dem überzogenen Bashing der US-Regierung auch wieder an Fahrt gewinnen. Und das wissen die Investoren. Die sind ja nicht bescheuert.

Zurück nach Deutschland. Nicht nur Opel wollte sich hierzulande mit einem Heiligenschein schmücken, sondern auch die Noa-Bank. Doch die Finanzaufsicht machte der moralisch reinen Bank einen Strich durch die Rechnung und schloss die Bank einfach zu. Zudem ist gegen den Firmengründer und Inhaber François Jozic Strafanzeige wegen Untreue gestellt worden. Der versteht die Welt nicht mehr und fühlt sich plötzlich in die Rolle von Kafkas Joseph KHauptheld in Franz Kafkas Roman "Der Prozess", der unschuldig von der Justiz malträtiert wird. (Darüber schreibt der Noa-Bank-Chef in seinem Internetblog) . versetzt.

Schon früher schrieb er in seinem Blog, er befinde sich im Kampf gegen «böse Mächte». Wahrscheinlich hat Jozic zuviel vom Ethik-Banking geträumt, und das ist ihm dann zu Kopf gestiegen. Die Noa-Realität sah jedenfalls ganz anders aus. Die Bank hatte jede Menge Geld aufgesaugt, aber kaum Kredite an die gute Seite der Wirtschaft vergeben. Zudem hatte Jozic unter dem Noa-Deckmantel der ethischen Bank ein Factoring-Unternehmen aufgebaut, das offene Forderungen aufkauft und den Sündern dann auf die Pelle rückt. Jetzt sieht Jozics theatralischer Abgang als Joseph K. ziemlich lächerlich aus. Er glaubt doch nicht etwa, dass jemand so bescheuert ist und ihm das abnimmt?

Atomares Aufblähen

Bescheuert ist jedenfalls das plötzliche Aufbäumen der Atomlobby mit dem «Energiepolitischen Appell» für längere Laufzeiten, der in dieser Woche in vielen großen Zeitungen abgedruckt wurde. Dabei haben natürlich the Who is Who der deutschen Industrie40 namhafte Persönlichkeiten haben unterzeichnet: Neben den Chefs der vier deutschen Atomkraftwerkbetreiber unterschrieben beispielsweise der Chef der Deutschen Bank Ackermann, der Unternehmer Oetker, der BDI-Vizepräsident Bernotat, der Chef des Autoverbands Wissmann und der Bahnchef Grube. Übrigens: Nur von neun der insgesamt 30 DAX-Unternehmen haben die Manager unterzeichnet. unter ihrem Foto unterschrieben. Der durch und durch maskuline Kreis soll der Bevölkerung einen atomarer Mix schmackhaft machen und ihr Angst vor einer Zukunft ohne Atomkraft machen - übrigens einer Bevölkerung, die große Angst vor Kernkraft hat. Dann mal viel Erfolg.

Aber das wirklich Interessante dieses Appels sind jedoch zwei Namen. Der erste: Michael Vassiliadis. Der Chef der Gewerkschaft IG BCE wollte nämlich gar nicht auf der Liste erscheinen und war dann umso mehr überrascht, als er sein Gesicht neben den Atomlobbyisten abgedruckt fand. Ein Sprecher des Energieriesen RWE nennt es einen handwerklichen Fehler. Hoffen wir mal, dass der Energiekonzern ansonsten sein Handwerk im Griff hat.

Der zweite Name ist Oliver Bierhoff, bei dem die Welt noch immer rätselt, was er eigentlich bei der Nationalmannschaft so macht. Umso mehr verwundert es, dass er plötzlich zu einem heißblütigen Liebhaber der Atommeiler geworden ist. Ob er bald statt des Mercedes-Sterns am Sakko ein Kernkraftsymbol trägt? Was der Grund für Bierhoffs plötzliche Liebe zur Kernkraft ist, zeigt ein Blick in seine Familiengeschichte. Rolf Bierhoff war einst Vorstandsmitglied bei RWE und hat höchstwahrscheinlich seinen Sohn im Glauben, dass dieser mit seinen Popularitätswerten überzeugen kann, zur Atomwerbung überredet.

Wäre der Appell nicht so kurios, würde man ihn so schnell umblättern wie die Imageanzeige einer Großbank, die verzweifelt auf ihr gesellschaftliches Engagement aufmerksam machen will.

Ohnehin macht die Anzeige nur wenigen Deutschen Angst - außer vielleicht der Bundesregierung, die es sich mit ihren letzten Wählern auch nicht noch verscherzen will. Trotzdem war das atomare Aufbäumen der Industrie ziemlich bescheuert: Jetzt können Merkel und Co. die Brennelementesteuer gar nicht mehr zurücknehmen oder die Laufzeiten beispielsweise lebenslänger als bei Opel ausdehnen, zu einfach wäre dann der Vorwurf der Klientelpolitik gegen sie.

Aber was macht die Regierung eigentlich in dieser verzwickten Situation? Alles wie immer: Das x-Tausendste Gutachten in Auftrag geben, die Lage beobachten und abwarten. Wie das aus Merkels Sicht am besten geht? Na, mit einer Energiereise. Die ist ebenso sinnlos wie das Warten auf die Steuerschätzung vor der Verkündung der grandiosen Sparpläne. Wer nun glaubt, dass uns diese Reise beeindruckt, der hält uns für ziemlich bescheuert.

amg/reu/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 23.08.2010 10:38
von
Christian Kraus

Was macht eigentlich Oliver Bierhoff bei der Nationalmannschaft? Diese Frage habe ich mir schon öfters gestellt-aber solche "Druckposten" gibt es wohl nur beim DFB!Nun muß er sich auch noch als Atomenergie-Befürworter outen-scheint doch eine in aktiver Spielerzeit erworbene Gehirnschädigung (vielleicht durch Kopfbälle?) ihn mehr zur Geldmacht der Industrie zu ziehen! Seit Anbeginn der ersten AKW`s sind die warnenden Stimmen für den Segen-aber auch über den Fluch- der gefährlichen Technologie laut-aber oft ungehört u.verdrängt worden! J e t z t wird es Zeit gegenzusteuern- Ausstieg besser heute

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  • Kommentar: 1
  • 21.08.2010 17:49
von
Hans Werner Bauer

Ja, wir sind bescheuert, wenn wir den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, wenn wir bei der teilweise berechtigten Sorge vor Gefahren bei leichtfertigem Umgang mit der Atomenergie vergessen, daß es noch andere Gefahren gibt, über die Politiker nicht so gerne reden und die meisten Journalisten auch nicht. Staatsschulden mit Pensionszusagen über 8 Billionen (8.000.000.000.000)Euro. Ich fürchte, soweit können die meisten Atomkraftgegner nicht zählen. Wer das verschweigt, wenn er sich unsachlich über einen schnelleren oder langsameren Austieg aus der Atomenergie äußert, hält uns für blöd.

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