Mo., 13.02.12

Nicht mehr hip American Apparel geht den Bach runter

Von Barbara Munker und Daniel Schnettler

Artikel vom 24.08.2010

Für die Modemarke American Apparel sieht es düster aus: Die Kunden bleiben weg, die Schulden drücken. Jüngst warnten die Kalifornier vor der Gefahr einer Pleite. Im Mittelpunkt des Dramas steht der schillernde Firmenchef Dov Charney.

Coole T-Shirts, sexy Werbung und «Made in Los Angeles» - damit hatte das Kultlabel American Apparel jahrelang Erfolg. Der exzentrische Kanadier Dov Charney kleidete die junge Großstadtszene in hippe Outfits. Shorts in Neonfarben, lässige Leotards, T-Shirts mit tiefem V-Ausschnitt. Er baute auf Bio-Baumwolle und die heimische Herstellung. Nicht in Billiglohnländern, sondern in Downtown Los Angeles wird produziert. 2003 machte der heute 41-Jährige die ersten drei Läden in New York, Los Angeles und Montreal auf. Inzwischen sind es über 285 Geschäfte in 20 Ländern, auch in Deutschland. Doch jetzt geht die Rechnung nicht mehr auf.

Die New Yorker Staatsanwaltschaft und die gefürchtete US-Börsenaufsicht SEC schauen sich das Unternehmen gerade ganz genau an, besonders die Bilanzen. Der Wirtschaftsprüfer, der eigentlich die Richtigkeit quittieren muss, hatte Hals über Kopf den Job hingeschmissen. Das schürt die Angst.

American Apparel steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Im ersten Halbjahr türmte sich der operative Verlust auf bis zu 25 Millionen Dollar auf. Die Verkäufe gingen zuletzt zurück, dafür stiegen die Schulden rapide auf 120 Millionen Dollar - und wenn sich der Konzern nicht bald mit seinen Gläubigern einigt, muss er einen großen Batzen davon auf einen Schlag zurückzahlen. Das dürfte das Ende bedeuten.

«US-Unternehmer des Jahres» - das war einmal

Am vergangenen Dienstag warnte das Management selbst davor, dass das Überleben des Unternehmens ernsthaft gefährdet sei. Der ohnehin gebeutelte Aktienkurs rauschte noch weiter in die Tiefe. Das einstige Vorzeigeunternehmen ist nur noch ein Pennystock - ein Wert, der für Centbeträge gehandelt wird. Sollte es zum Äußersten kommen, wäre Dov Charney der größte Verlierer. Er hält rund 54 Prozent der Anteile.

Jahrelang konnte sich der Kanadier in seinem Erfolg sonnen. 2005 wurde er zum «US-Unternehmer des Jahres» gewählt. Er war das Aushängeschild für politisch korrekte Kleidungsfertigung - in den USA geschneidert und auch kommerziell funktionierend. Seinen Nähern zahlt Charney deutlich mehr als den vorgeschriebenen Mindestlohn.

In der Szene lag er mit goldenen Stirnbändern und giftgrünen Armstulpen wie aus den Zeiten von Aerobic-Vorturnerin Jane Fonda richtig. In der Wäscheabteilung erregte er mit «Boy briefs» Aufsehen - Frauenunterhosen, die wie bei den Männern einen Eingriff haben. Doch dann kamen die Negativ-Schlagzeilen. Mitarbeiterinnen warfen Charney sexuelle Belästigung vor. American Apparel würde Verkäuferinnen nach dem Aussehen auswählen. Branchenkenner stellten die Manager-Qualitäten des exzentrischen Firmenchefs in Frage.

Verklagt von Woody Allen

Wegen unerlaubter Werbung musste die Firma dem Filmemacher Woody Allen im vorigen Jahr fünf Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) Schadensersatz zahlen. Der Regisseur hatte das Unternehmen verklagt, nachdem es einen Szeneausschnitt aus dem Film «Annie Hall» zur Werbung benutzte, in dem er in orthodoxer jüdischer Kleidung zu sehen war. Probleme gab es auch mit illegaler Beschäftigung. 1500 Arbeiter mussten entlassen werden, weil die nötigen Papiere fehlten.

Jetzt geht es bei American Apparel möglicherweise um Kopf und Kragen. Die Geschäftskrise zu überwinden sei «richtig harte Arbeit», räumte Charney Anfang August im US-Wirtschaftsmagazin Business-Week ein. Er versucht es nun auch mit Preppy-Mode: Blazer, Bundfaltenhosen und klassischen Hemden. «Kids stehen nicht mehr auf Piercings», erklärt der Firmenchef seine neue Philosophie. «Wir wollen mit unseren Kunden alt werden. Wir wollen ein traditioneller amerikanischer Ausstatter sein».

tno/mat/dpa
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