«Die Natur braucht einen Preis»
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Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz
Artikel vom 18.07.2010
Umweltschutz und Profitstreben - das schließt sich laut UN-Studie bei Konzernen oft immer noch aus. Das zeigt auch das Öldrama von BP. Über den Wert natürlicher Ressourcen und die Macht der Konsumenten sprach news.de mit Energieökonomin Claudia Kemfert.
Eine aktuelle UN-Studie zeigt, dass Umweltschutz alles andere als hoch im Kurs steht bei Unternehmen. Überrascht Sie das?
Claudia Kemfert: Nein. Zumal in der Studie Naturschutz an BiodiversitätBiodiversität bedeutet übersetzt "Vielfalt des Lebens". In einem allgemeinen Zusammenhang wird mit dem Begriff der gesamte Artenreichtum auf der Erde bezeichnet. In der Öffentlichkeit und den wird er benutzt, wenn es um die Bedrohung der Artenvielfalt durch den Menschen und den Klimawandel geht. Biodiversität umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten (Artenvielfalt) und zwischen den Arten und die Vielfalt von Ökosystemen. und Arterhaltung gemessen wird. Diese Themen stehen bei dem Großteil der Unternehmen noch nicht wirklich hoch auf der Agenda. Bei Klimaschutz und Energieverbrauch hat sich schon einiges getan, teilweise durch gezielte politische Steuerung, teilweise durch öffentlichen Druck. Unternehmen weisen etwa ihre C02-Emissionen aus und auch ihre Energieintensität. Artenschutz und Naturschutz haben einen geringeren politischen Stellenwert und finden kaum in der Öffentlichkeit statt. Das sollte sich ändern, sowohl durch politischen Druck als auch durch die Öffentlichkeit. Solange der Druck nicht da ist und die Natur immer noch als kostenloses Gut gesehen wird, wird man die Unternehmen nicht dazu bringen können, diesen Aspekt mit in ihre Überlegungen einzubeziehen.
Insbesondere westliche Unternehmenschefs machen sich laut Studie wenig Gedanken um das Artensterben und Umweltverschmutzung. Ein Mentalitätsproblem?
Kemfert: Sowohl in Afrika als auch in Lateinamerika hat man große Probleme mit dem Artenschutz und den zur Neige gehenden natürlichen Ressourcen. Darunter leidet die Wirtschaft. In Industrieländern wie Europa und Amerika ist das Thema nicht derart präsent. Konsumenten könnten einiges steuern, in dem sie deutlich machen, dass sie nicht bei Unternehmen kaufen, die Umweltsünder sind.
Einer Studie zufolge sind bereits 80 Prozent der Verbraucher bereit, Unternehmen zu boykottieren, die gegen ethische Richtlinien verstoßen und die Natur ausbeuten.
Kemfert: Aber die Informationen darüber kommen ja weitestgehend gar nicht beim Konsumenten an. Beim Klimaschutz wissen die Menschen worum es geht. Die Produkte sind dahingehend mehr und mehr gekennzeichnet und die Konsumenten können darauf achten. Beim Naturschutz hat der Verbraucher keine Informationen. Es gibt ein paar Großkonzerne, die mit gutem Beispiel vorangehen. Der Großteil der Konsumenten weiß allerdings nicht, welche natürlichen Ressourcen zur Herstellung des Produktes zerstört wurden. Das Produkt liegt im Regal und wird gekauft. Ich würde dem Verbraucher schon zutrauen, dass er ein Unternehmen boykottiert, wenn er darüber informiert ist, das es massiven Raubbau an der Natur betreibt.
Wie kann man solche Vergehen von Firmen bekanntmachen?
Kemfert: Die Firmen müssen in einem globalen Rahmen dazu verpflichtet werden, ihre Produkte zu kennzeichnen. Darüber hinaus kann der Kapitalmarkt viel steuern. Nachhaltigkeitsfaktoren der Unternehmen spielen insbesondere für Kapitalgeber eine immer stärkere Rolle. Die Unternehmen, die vorweisen können, nicht nur den Klimaschutz sondern auch generell Naturschutz wie den Erhalt der Biodiversität in ihre Arbeit mit einzubeziehen, werden für Kapitalgeber attraktiver.
Was könnte die Politik über eine Kennzeichnungspflicht hinaus noch tun? Können Systeme wie Emissionsrechtehandel eine Lösung sein?
Kemfert: Der Emissionsrechtehandel funktioniert für CO2-Emissionen recht gut, hat aber auch viele Tücken. Ökonomisch betrachtet ist es nicht falsch, der Natur einen Preis zu geben. Das könnte man dann auch über einen Emissions- oder besser Zertifikatehandel regeln. Unternehmen, die die Natur zerstören, müssen dafür zahlen und können so Zertifikate erwerben. Dies muss allerdings global geregelt sein.
Die Kosten für Umweltschäden der 3000 bedeutendsten Unternehmen liegen laut UN-Studie bei 1,7 Billionen Euro. Die Kosten dafür tragen nicht Unternehmen, sondern Versicherer und Steuerzahler. Sollte man Firmen für ihre Umweltschäden einfach zahlen lassen?
Kemfert: Im Prinzip schon. Wie schwierig dies ist, zeigt allerdings der Öl-Unfall von BP. Obwohl gerade in den USA gute juristische Grundvoraussetzungen herrschen, die Konzerne zur Bezahlung von Umweltschäden zu zwingen, wird man kaum den wahren Wert der Naturzerstörung finden. In ärmeren Regionen dieser Erde ist dies noch viel schwieriger. Daher braucht man vor allem globale Abkommen. Der Kapitalmarkt wird dann diesen Faktor stärker mit einbeziehen. Kapitalgeber achten mittlerweile sehr genau darauf, in welchem Bereich Unternehmen Defizite haben – und dazu gehört auch der Bereich Naturschutz.
Aus Ihrer Sicht, kann man neben dem Druck der Kapitalgeber noch andere Anreize für die Unternehmen schaffen, Naturschutz in ihre ökonomischen Überlegungen mit einzubeziehen?
Kemfert: Ja. Viele global aufgestellte Konzerne merken, dass die Kunden ein Unternehmen unterstützen, das in diesem Bereich einwandfrei ist und nicht riesige Umweltschäden verursacht. Die Konsumenten spielen also eine wichtige Rolle. Oder aber Firmen werden von den jeweiligen Regierungen «gezwungen», die Natur zu schonen, entweder über Verbote und Gebote, oder aber über direkte Kompensationszahlungen, die es in einigen Ländern ja auch gibt.
Dennoch zeigt die UN-Studie wie auch die aktuelle Katastrophe im Golf von Mexiko, dass Unternehmen offenbar immer noch Umweltschutzaspekte hinten anstellen, wenn sie können. Muss eine noch engmaschigere Kontrolle sowohl durch die Politik als auch über die Öffentlichkeit stattfinden?
Kemfert: Ja, durchaus. Es ist aber immer leicht, nur einen Schuldigen zu finden. Man darf nicht nur einseitig den Unternehmen den schwarzen Peter zuschieben, wir sind alle aufgrund unseres Lebensstils mitverantwortlich. Letztlich sind wir alle es, die am Abend mit dem Auto nach Hause fahren oder mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Man kann Preissignale setzen, doch Energiesteuern sind für Politiker unattraktiv. Daher muss man auch neue Technologien fördern, die keinen Raubbau an der Natur und an natürlichen Ressourcen betreiben.
Wenn Sie zehn Jahre weiter denken: Glauben Sie, dass in der Gesellschaft ein Umdenken beim Thema Naturschutz eingesetzt haben wird?
Kemfert: Ich bin recht optimistisch, aber ich weiß auch, dass das Wirtschaftssystem träge ist. Es braucht leider Schockmomente wie die Katastrophe bei BP, die das Thema wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken und deutlich machen, dass wir uns verändern müssen. In zehn Jahren wird man das Problem nicht gelöst haben, aber man wird deutlich weiter sein. Schließlich hat sich auch beim Klimaschutz in den vergangenen zehn Jahren viel bewegt und das können wir für den Artenschutz genauso erreichen.
Geht es schnell genug?
Kemfert: Man wünscht sich immer, dass es schneller geht. So lange die Natur schleichend krank wird, ohne, dass man einen riesigen Schaden wie etwa in Form einer Öllache sieht, wird es weiter langsam vorangehen. Dennoch gibt es einen globalen Trend in Richtung Umweltschutz, der sich immer weiter durchsetzt.
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit 2004 die Abteilung «Energie, Verkehr, Umwelt» am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Sie arbeitet zudem als Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.
jek/news.de
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jetzt antwortenKommentar meldenNatur ist unbezahlbar. Weiteres Hinterhergerenne ist sinnlos - aktuelles Beispiel BP, die Firma ist gerade dabei ihr eigenes BadBP zu gründen und alle gewinnbringenden Sparten in 'Sicherheit' zu bringen, deshalb sind größere Forderungen mal auszuschließen, weils den Laden dann einfach nicht mehr gibt. Das Hauptproblem und meines erachtens einzig sinnvoller Ansatz kann nur eine möglichst gute Sicherung (zB vor bzw. bei der Vergabe von Lizenzen) sein und eine entsprechende (internationale) Überwachung und bindende Verantwortlichkeit der Überwacher (die Baustelle in Köln wurde ja auch überwacht)
jetzt antwortenKommentar meldenDie Natur braucht nur dann einen Preis, wenn sie weiter gewinnbringend vermarktet werden soll. Und das geschieht 1. durch Verkauf von Gemeindegut in Privathand (wie beim Öl längst geschehen, und beim Trinkwasser voll im Gang); 2. durch Großprojekte des Staates in Verbund mit Großunternehmen. Damit einher geht der Ausverkauf des Rechtswesens. Wir brauchen eine dezentrale kleinformatige Energieversorgung, eine Ethik der Verantwortung und ein funktionierendes Rechtswesen, das zur Verantwortung zieht.
jetzt antwortenKommentar meldenDer Umweltschutz fängt bei uns, dem Verbraucher, an. Erst wenn wir bereit sind Bequemlichkeiten, wie Klimananlagen, das Auto usw. nur dann einzusetzen wenn es nicht anders geht, es kann vieles zu Fuß, mit dem Fahrrad und den Nahverkehrs- mitteln erledigt werden. Obst und Gemüse dann zu verzehren bzw. zu verarbeiten wenn sie in unseren Breiten genußreif sind und die Profitgier bei den Geldgebern und Aktionären zurückfindet, dann wird sich auch die Natur wieder erholen können, denn die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch eine intakte Natur.
jetzt antwortenKommentar meldenSo wird es sein, 50.000.000.000 Euro als Entschädigung langen wohl. Die Umwelt wird nicht nur durch Ölflecken zerstört. Wer wird als nächster zur Kasse gebeten?
jetzt antwortenKommentar meldenAlle reden auch hier wieder von Umweltschutz, welch hohles Geschwätz, solange kaum jemand bereit ist wieder zu Fuß zu gehen. Auto öfters stehen lassen - eventuell abschaffen, Geschirr wieder mit der Hand spülen, anstelle von Ziersträuchern wieder Lebensmittel im Garten anbauen, dem Technikwahn ein wenig Paroli bieten und nicht alles was mögl. ist mitmachen. Vor allem den wahren Kosten-Nutzen-Faktor überschlagen. Für den Aufsitzmäher muß der Durchschnittsbürger 2-4 Monate arbeiten(nur für die Anschaffung)- einmal überlegen wie lange ich mit dem einfachen Mäher mähen kann. Das wäre Umweltschutz.
jetzt antwortenKommentar meldenKonzernunternehmen sollen für Umweltsünden oder nutzen von natürlichen Ressorcen zahlen. Gut so, aber was wird aus den eingenommenen Geldern? Werden diese für Projekte zur Umwelterhaltung eingesetzt und wird es dadurch auf unserer Welt alles wieder gut? Der Zweifel das alles zu einen riesigen Bluff mutiert bleibt bestehen: Regierungen mit den unverhofften Einnahmen lieber ihre Haushaltslöcher stopfen. Tierarten weiter aussterben und ganze Erdregionen weiter austrocknen. Was interessiert das Konzerne die dort produzieren wo sie durch diese Auswirkungen nicht betroffen sind.
jetzt antwortenKommentar meldenDie Natur ist neben anderen Produktionsfaktoren einer. Sie hat damit ihren Preis, d.h. den Kostenfaktoren ihrer Nutzbarmachung. Zu diesen Kostenfaktoren treten eine Vielzahl von Aufschlägen hinzu, bekannt unter dem Begriff Steuern. Nun diese Nutzungsfaktoren durch "Preise" zu verteuern, ist erstens ein wirtschaftswissenschaftlich wertloses Geschwätz, und zweitens, eine philosophische Zumutung weiterer Verstaatlichung und damit die Ausbeutung von denjenigen, die arbeiten. Angeprangert sei dieser Belastungseifer gegen menschlichen Reichtum als Modell Ablass der früheren kath. Kirche.
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