Gebrochene Versprechen und der Hunger
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Von Andreas Landwehr
Artikel vom 24.06.2010
Zur Rettung von Banken wurden viele Milliarden mobilisiert. Nur für die Ärmsten der Welt wird nicht einmal die lange versprochene Hilfe aufgebracht. Sie leiden besonders unter der Wirtschaftskrise. Sechs Millionen Kinder sterben jedes Jahr - das müsste nicht sein.
Die reichen Staaten der Welt haben ihre Versprechen gebrochen. Fünf Jahre nach den Gipfelzusagen im schottischen Gleneagles, die Hilfe für arme Länder um 50 Milliarden US-Dollar zu erhöhen, sind die G8-Staaten weit von ihrem Ziel entfernt. Während die acht großen Industrienationen selber einen Fehlbetrag von zehn Milliarden einräumen, kommt die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sogar auf rund 20 Milliarden US-Dollar.
«Während viele die Weltwirtschaftskrise als Entschuldigung benutzen, sollten die ärmsten Menschen nicht die Rechnung für den finanziellen Wahnwitz der reichen Welt bezahlen», kritisierte die internationale Hilfsorganisation Oxfam vor dem G8-Gipfel in Huntsville zwei Stunden nördlich von Toronto.
400 Schulbusse würden die Kinder füllen, die jedes Jahr an Hunger sterben
Drei Milliarden Menschen leben in Armut. Hunger und Unterernährung sind die häufigsten Todesursachen in der Welt. In Toronto geht es diesmal besonders darum, wie der Tod von jährlich sechs Millionen Kindern unter fünf Jahren verhindert werden kann. «Das sind 400 Schulbusse voll mit Kindern jeden Tag», sagt Sue Mbaya, Afrika-Direktorin der Hilfsorganisation World Vision. «Sie müssten nicht sterben.» Das gilt auch für 350.000 Frauen, die jedes Jahr bei Schwangerschaft oder Geburt ums Leben kommen. Gastgeber Kanada hat die Kinder- und Müttersterblichkeit auf die Tagesordnung gesetzt. Bei keinem anderen Millenniumsziel sind die Fortschritte so langsam.
Vor zehn Jahren hatte die Millenniumskonferenz vereinbart, die Sterblichkeit der Kinder bis 2015 um zwei Drittel und die der Mütter um drei Viertel zu senken. Aber um diese Ziele noch zu erreichen, müssten die sieben großen Industrienationen und Russland (G8) eigentlich zusätzlich 24 Milliarden US-Dollar locker machen, wie die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen vorrechneten. Doch was die G8-Staaten in Toronto an neuen Milliardenhilfen versprechen oder am Ende tatsächlich auch einhalten, wird weit davon entfernt sein.
Schon von den 2005 in Schottland zugesagten 25 Milliarden US-Dollar allein für Afrika ist bis heute die Hälfte nicht angekommen. Nur der damalige Gastgeber Großbritannien liegt im Plan, während Deutschland, Frankreich und besonders Italien schwer hinterherhinken. Oxfam appellierte an die Gipfelteilnehmer in Kanada, klar zu machen, wie sie die noch ausstehenden Finanzmittel bis 2012 mobilisieren. Auch erinnern Hilfsorganisationen die G8-Staaten an ihre Zusage, die Unterstützung für arme Länder bis 2015 eigentlich auf 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts anheben zu wollen.
Die Ernährungskrise ist keineswegs vorüber
Während hunderte Milliarden für die Rettung von Banken und für Konjunkturprogramme mobilisiert werden konnten, haben sich Hunger und Armut noch verschärft. Die Ernährungskrise, die 2007 und 2008 Schlagzeilen machte, ist alles andere als vorüber. War die Zahl der Hungernden Ende der 90er Jahre auf einen Tiefstand von rund 800 Millionen gebracht worden, ist sie seither wieder auf mehr als eine Milliarde geklettert. Die Krise hat laut Weltbank 64 Millionen Menschen zusätzlich in die Armut rutschen lassen. Im südlichen Afrika starben deswegen zusätzlich rund 50.000 Kinder im vergangenen Jahr.
In den Millenniumszielen hatten sich die Führer der Welt im Jahr 2000 eigentlich auch verpflichtet, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. «Die Regierungen scheinen von einem kollektiven Leiden befallen - einem Verlust des Erinnerungsvermögens», kritisierte Lysa John von der globalen Kampagne gegen Armut (GCAP). «Nur fünf Jahre vor dem Ziel sind wir weit vom Weg abgekommen.» Um nur die Hälfte des Vorhabens zu erreichen, wären jährlich zusätzlich 48 Milliarden US-Dollar für Landwirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit nötig.
Die Idee einer Finanztransaktionssteuer kommt da sehr gelegen. Warum sollen davon nur Banken profitieren? «Das ist eine einmalige Chance für die G20, um die Weltwirtschaft zugunsten der armen Menschen zu verändern», appelliert Oxfam-Sprecher Mark Fried an die 20 größten Industrienationen (G20), die im Anschluss an den G8-Gipfel in Toronto auch über die Steuer beraten. Die «Gier der Reichsten» dürfe nicht Vorrang vor den Bedürfnissen von Milliarden haben. «Egal wie die Steuer am Ende aussieht: Sie sollte nicht Banken retten, sondern die Ärmsten der Welt.»
che/ivb/news.de/dpa
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