Existenzgründer Der Sprung ins kalte Wasser

Wer selbstständig ist, sollte wieder mehr als Vorbild gelten, fordert Martin Wansleben vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag - echter Unternehmergeist statt staatlich geförderter Notlösung. Er meint auch: Wer eine eigene Firma gründet, ist oft zu schlecht vorbereitet.

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News.de-Kolumnist Martin Wansleben. Bild: news.de

Vielleicht liegt es an der Bedeutung der beiden Silben «selbst» und «ständig», dass Deutschland im Vergleich der Industrienationen die zweitgeringste Gründungsneigung aufweist. Denn so manchen schreckt beim Gedanken an die Selbstständigkeit ab, dass man etwas selbst(verantwortlich) und dauerhaft machen soll. Schließlich muss man als eigener Chef für alle beruflichen Entscheidungen mit der eigenen Schatulle gerade stehen - und wenn es schief geht, ist das soziale Auffangnetz bei weitem nicht so eng gewebt wie bei abhängiger Beschäftigung.

Hinzu kommt, dass wir bewusst immer seltener auf den selbstständigen Kaufmann, Dienstleister oder Handwerker treffen. In der Regel sehen wir uns gerade in den Medien eher mit global agierenden Betrieben konfrontiert. Und auch in Schule, Ausbildung und Universitäten wird in aller Regel der klassische Selbstständige nicht als Vorbild vermittelt. Er hat an gesellschaftlichem Stellenwert verloren.

Existenzgründer: Der Mut der Anderen
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Dazu passt, dass viele Gründungen nicht aus Pioniergeist erfolgen, sondern eher aus Not. Nach Erfahrungen der Industrie- und Handelskammern gibt bei 6 von 10 Gründern die eigene Arbeitslosigkeit oder der drohende Jobverlust den Ausschlag zum Gründungswunsch. Daher verwundert es auch nicht, dass sich seit Herbst 2008, als die Krise nach der Lehman-Pleite in der ganzen Breite der Wirtschaft spürbar wurde, wieder das paradox anmutende Muster fortsetzt: Bei schlechter Konjunktur wollen mehr Menschen ein Unternehmen gründen – infolge höherer Gefahr von Arbeitslosigkeit. Bei guter Konjunktur und mithin sinkender Arbeitslosigkeit hingegen lässt das Gründungsinteresse nach.

Gründungspolitik immer mehr Sozialpolitik

Leider hapert es nur allzu oft auch an der Vorbereitung auf den Start in die Selbstständigkeit. Die Hälfte aller Gründer kann nicht erklären, warum Kunden das eigene Produkt dem der Konkurrenz vorziehen sollten – schlechte Voraussetzungen für Geschäftsverhandlungen und Bankengespräche.

Die Gründungspolitik ist in Deutschland in den vergangenen Jahren mehr und mehr zur Sozialpolitik geworden. Sie stützt sich vielfach auf immer neue Förderinstrumente. Die Bundesagentur für Arbeit ist mittlerweile der größte Gründungsfinanzierer. Ein Blick in die Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie offenbart 194 Förderprogramme für Existenzgründer. Hier stimmt etwas nicht – wir müssen gegensteuern. Wir können es uns nämlich nicht leisten, auf die für das rohstoffarme Deutschland so wichtige Ressource Unternehmergeist zu verzichten.

Wir brauchen zunächst eine bessere Integration der heute immer noch existierenden Parallelwelten von Schule beziehungsweise Hochschule auf der einen und Wirtschaft auf der anderen Seite. Ziel muss sein, dass sich jeder Schüler, jeder Student mit dem Thema Unternehmertum auseinandersetzt – etwa im Rahmen eines Fachs Wirtschaft.

Hochschulen sollten Forschungsausgründungen systematisch begleiten. An diesem Punkt setzt die Initiative «Gründerland Deutschland» der Bundesregierung an. Bei der Verankerung des Themas Unternehmertum in Schulen und Hochschulen sind aber vor allem auch die Bundesländer gefordert. Eines ist klar: Die Grundlage für mehr Selbstständigkeit müssen wir im Bildungssystem legen.

Chancen verbessern

Unternehmensgründer stoßen in Deutschland aber auch auf ganz handfeste Probleme, die wir beseitigen müssen: Wir müssen die Chancen im Bereich der Finanzierung für innovative Gründungen verbessern. Die öffentlichen Angebote für Beteiligungskapital können hier einen privaten Markt für Venture Capital nicht ersetzen, wenn wir innovative Projekte in der Breite unterstützen wollen.

Einer IHK-Umfrage zufolge haben drei Viertel der Gründer Probleme, den geforderten Eigenanteil an der Finanzierung aufzubringen. Hinzu kommt, dass Banken bei der Finanzierung innovativer Gründungen oft sehr zurückhaltend sind. Beteiligungsfonds und Business-Angels besitzen hier häufig die entsprechende Expertise in Hightech-Bereichen.

Ein großes Hemmnis ist auch die unklare Lage im deutschen Steuerrecht. Ausländische Investoren können sich derzeit nicht sicher sein, ob in Deutschland erzielte Beteiligungsgewinne nicht zusätzlich zum heimischen auch noch durch den deutschen Fiskus besteuert werden. Hier brauchen wir eine klare gesetzliche Regelung, die Rechtssicherheit schafft.

Wir müssen Gründern und jungen Unternehmen auch generell das Leben leichter machen. Hierzu gehört es, Bürokratie abzubauen. Mit der GmbH-Reform hat die Bundesregierung einen wichtigen Schritt gemacht und die Gründung von Kapitalgesellschaften erleichtert. Doch es gibt noch genug Hürden. Ich nenne als Beispiel das Steuerformular «Einnahme-Überschuss-Rechnung». Seit 2005 müssen Kleinunternehmen 83 Datenfelder ausfüllen und hierfür eine vierseitige kleingedruckte Anleitung studieren. Vorher konnten sie ihren Überschuss formlos ermitteln. Jetzt brauchen selbst Kioskbesitzer einen Steuerberater. Das Formular sollte ersatzlos gestrichen werden.

Unternehmensgründer sind aber nicht auf sich allein gestellt. Hilfe erhalten sie durch die IHK-Organisation, zu deren strategischen Kernaufgaben der Service für Existenzgründer gehört. Jährlich unterstützen die Industrie- und Handelskammern über 300.000 Existenzgründer mit Gesprächen und Beratungen zu ihrem Geschäftskonzept. Ein wichtiger Bestandteil ist die Unternehmensnachfolge – eine Option zur Existenzgründung, die im Zuge der demografischen Entwicklung an Bedeutung gewinnt.

Und wir wollen noch mehr tun. In ihren Startercentern wollen die IHKs bundesweit einen Gründerservice aus einer Hand anbieten – von der Erstauskunft über den Businessplan-Check bis hin zur Gewerbeanmeldung. In Bayern, Hamburg und Rheinland-Pfalz ist die rechtsgültige Gewerbeanzeige bereits in den IHKs möglich. Hier sind die anderen Bundesländer gefordert, diesen erfolgreichen Beispielen zu folgen und den IHKs die rechtsgültige Gewerbeanzeige zu ermöglichen. Dies erspart Gründern das Rennen von Pontius zu Pilatus und beschleunigt den Gründungsvorgang.

Die Beispiele zeigen, dass neben der Bundesregierung viele weitere Akteure mit ins Boot gehören – Länder, Kommunen, Wirtschaft, Medien. Wir alle müssen uns anstrengen und an einem Strang ziehen. Denn: Unser Land braucht erfolgreiche Existenzgründungen als Keimzellen für Innovation und Wachstum. Wir brauchen ein Klima, in dem eine Unternehmensgründung nicht vornehmlich als Ausweg aus Arbeitslosigkeit, sondern als selbstverständliche Option im Berufsleben angesehen wird – eine wichtige Voraussetzung für mehr Gründungen auch mit hohem Innovationspotenzial. Das würde Deutschland in puncto Unternehmergeist nach vorne bringen.

Martin Wansleben, geboren 1958 in Köln, ist seit 2001 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK)Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mit Sitz in Berlin ist die Dachorganisation der derzeit 80 Industrie- und Handelskammern in der Bundesrepublik. Er vertritt damit die Interessen von etwa 3,6 Millionen Unternehmen und setzt sich bei der Bundesregierung und der EU beispielsweise für mehr Wachstum und Beschäftigung ein. und Mitglied im news.de-Kolumnistenkreis.

mik/hav/reu/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Julia gruender
  • Kommentar 1
  • 18.01.2011 20:25

Zu den wichtigsten Ursachen des Scheiterns von Existenzgründern gehören: Mangelnde Planung, Unzureichende Finanzierung und Defizite in der Fachkompetenz. Hier hilft das Portal Für-Gründer.de (www.fuer-gruender.de) weiter. Wissen + Kapital + Beratung = erfolgreiche Existenzgründung. Viel Erfolg und liebe Grüße Julia

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