So., 12.02.12

Arbeitsmarkt Aufschwung Ost, Teil II

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger

Artikel vom 12.03.2010

Dass nun ein zweiter Aufschwung Ost kommt, klingt komisch. Doch die These ist so verkehrt nicht. Zumindest aus Arbeitnehmersicht könnte sie stimmen. Doch sie blendet die schwierige Situation vieler Unternehmen aus.

Ostdeutschland als prosperierender Landstrich, attraktiv und lebenswert? Die Prognosen sagen gefühlt allesamt das Gegenteil. Die Stimme von Michael Behr schert angenehm aus, er zeichnet ein gänzlich anderes Bild. Er wechselt den Blickwinkel und sieht deshalb, dass aus Sicht von Absolventen und Fachkräften der Osten der Republik eine neue Anziehungskraft gewinnen kann.

Wenn Angebot und Nachfrage sich zugunsten der Arbeitnehmer drehen, werden wohl die Einstiegslöhne tendenziell schneller steigen als im Westen. Schließlich kann jemand, der dringend gesucht wird, sich besser verkaufen. Doch Behrs Thesen klingen nicht nur optimistisch, sie weisen auch darauf hin, dass ein beklagenswerter Mangel an Fachkräften eine elektrisierende Herausforderung sein kann, wenn sie denn von Wirtschaft und Wissenschaft angenommen wird.

Die Skepsis bleibt, dass seine These etwas kurz gesprungen ist. Er sieht das durch die Jenaer Brille. Er arbeitet in einer Stadt, die überdurchschnittlich von einer starken optischen Industrie und dynamischen Hochschulen profitiert. Jena ist zudem eine mittelgroße Stadt, die in vielen Dingen nicht repräsentativ für den Osten ist. Behrs Zukunftsvision blendet zudem aus, dass in vielen ostdeutschen Unternehmen Schmalhans Küchenmeister ist, attraktive Löhne also gar nicht erst gezahlt werden können. Und der Verweis auf niedrigere Lebenshaltungskosten allein macht noch keinen Aachener Hochschulabsolventen zu einen Chemnitzer Maschinenbauer.

Und doch gibt Behrs Idee eines attraktiven Arbeitsmarktes für Bewerber etwas Auftrieb für diejenigen, die sonst nur mit bedrückenden Perspektiven konfrontiert werden. Sie macht vor allem darauf aufmerksam, dass es mehr gibt als nur rituelles Wehklagen. Es werden diejenigen die besten Köpfe rekrutieren, die sich am meisten bemühen und gute Perspektiven bieten. Und das wiederum kann auch die Aussicht auf Verantwortung sein. Die Kehrseite dieser Verantwortung ist die Last, die junge Menschen in Ostdeutschland früher als anderswo zu tragen haben werden. Sie müssen viele ältere Menschen zuerst am Arbeitsplatz und auch in der Zivilgesellschaft ersetzen und letztlich auch für sie aufkommen.

In diesem Sinne wird der Osten der Republik immer mehr zum Versuchslaboratorium für eine gewaltige Umbruchphase auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Diese wird kommen. Soviel ist sicher.

mik/reu/news.de
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