Der Osten ist tot! Es lebe der Osten!
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Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Artikel vom 12.03.2010
Nachwuchssorgen, die noch größer werden. Doch die Schwarzmalerei aus den ostdeutschen Firmen hat auch ihre Sonnenseiten, so der Wirtschaftssoziologe Michael Behr. Er sieht große Chancen für den Osten der Republik.
Fachkräftemangel. Ein Wort, das so häufig gebraucht wurde, dass es schon wieder weh tut, wenn man es liest. Doch es ist vor allem im Osten der Republik abzusehen, dass das gemeine Wort zusehends zum Problem wird. Der große Geburtenknick kurz nach der Wende lässt mittlerweile Firmen auf der Suche nach qualifiziertem Nachwuchs und fähigen Azubis verzweifeln.
Doch was wäre, wenn dieser Missstand auch positive Seiten hätte? Der Mangel ein Gewinn sein könnte? Der Jenaer Wirtschaftssoziologe Michael Behr jedenfalls glaubt, dass «eine zweite Wende bevorsteht». Diesmal auf dem Arbeitsmarkt. Denn er prognostiziert einen Wettbewerbsvorteil der ostdeutschen Firmen für die Zeit, in der besonders junge, gut ausgebildete Menschen fehlen. «Es könnte sein, dass der Fachkräftemangel die Schlüsselindustrien ausbremst», so Behr auf einer Konferenz des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Aber zugleich würden in vielen Branchen Fachkräfte gesucht und müssten mit großen Anstrengungen angelockt werden. Das wiederum mache Ostdeutschland attraktiv für Berufsanfänger.
Behr führt das Beispiel der optischen Industrie in Thüringen an, die sich in den vergangenen Jahren überproportional gut entwickelt habe. «Dort sind viele Entwicklungsingenieure über 50, eine komplette Generation fehlt da, weil nach der Wende Jobs abgebaut und nicht eingestellt wurde.» Jetzt stünden die Firmen vor der Herausforderung, gute junge Leute als Nachfolger der älteren Generation anwerben zu müssen. Allein die Tatsache, dass diese Jobs offeriert werden und auch in Zukunft viele Stellen frei werden, wirke sich positiv auf das Image des Ostens aus.
Paradox der Zukunft: Kaum Arbeitslose im Osten
Auch im großen Maßstab sind die Aussichten nicht unbedingt bedrückend: Die Demografie wird laut Behr dem Arbeitsmarkt in Ostdeutschland regelrecht Rückenwind geben. Die geburtenschwachen Jahrgänge ab 1990 sorgen für eine große Entspannung, die wiederum für die Firmen zum Problem werde. Aus Sicht der Fachkräfte steigen allerdings die Jobchancen und der angeblich ausblutende Osten werde hervorragende Perspektiven bieten. Der scharfe demografische Knick werde so gewissermaßen zum strategischen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Regionen Deutschlands, in denen die Altersstruktur in den Unternehmen gesünder sei.
Die Frage bleibt, ob sich einerseits die Unternehmen im Wettbewerb um Top-Personal so sehr nach der Decke strecken können und ob andererseits genügend junge Menschen wirklich den Weg in den Osten suchen und auch finden. Wie es gehen kann, zeigen die ostdeutschen Universitäten, die mit der groß angelegten Werbeaktion «Studieren in Fernost» um Abiturienten aus anderen Bundesländern buhlt. Denn der Geburtenknick im Osten stellt laut Behr auch die Universitäten vor große Probleme. Sie müssten sich wie auch die Unternehmen verstärkt um Nachwuchs kümmern, um nicht noch zusätzlich unter Spardruck zu geraten.
Der rote Teppich ist offenbar schon ausgerollt. Man darf gespannt sein, wie sächsy das auf die jungen Menschen wirkt, die nicht zwischen Fichtelberg und Usedom aufgewachsen sind.
reu/news.de
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