So., 12.02.12
Wirtschaftskrise

John Maynard Keynes Ein Toter quicklebendig

Von news.de-Redakteur Christian Mathea

Artikel vom 11.03.2010

Vor 80 Jahren lieferte John Maynard Keynes die theoretischen Grundlagen für die aktuellen Konjunkturprogramme. News.de hat sich Gedanken gemacht, wie der Brite die Welt heute gesehen hätte. Ein fiktives Interview.

Was halten Sie von der Konjunkturpolitik der Staaten?

John Maynard Keynes: Well, im Grunde waren das die richtigen Schritte. Die Konjunkturprogramme waren alternativlos, das haben wir aus der Geschichte gelernt. In der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren haben die Staaten, abgesehen von vereinzelten Agrarsubventionen und Infrastrukturprogrammen in den USA, nur ihre Ausgaben runtergefahren und nicht in die Wirtschaft eingegriffen. Obwohl die Löhne sanken, haben die Unternehmen ihr Personal entlassen.

Warum ist das so?

Keynes: My Friend, das sollten Sie als Wirtschaftsredakteur eigentlich wissen. Denn das ist ja der Kern meiner Theorie. Aber für Sie nochmal ganz einfach: Für Unternehmen ist die erwartete Nachfrage wichtig, dann investieren sie und stellen Leute ein. Wenn aber die Haushalte und die anderen Unternehmen das Geld zurückhalten und nicht konsumieren - es keine Nachfrage gibt - dann wird auch nicht investiert, egal wie niedrig die Löhne der Arbeiter sind. Das leuchtet ein, oder? Aber meine Vorgänger Adam Smith, David Ricardo und Jean-Baptiste Say haben das nicht erkannt.

Ich habe mich schon mit Ihren Theorien befasst, keine Angst. Darin schlagen Sie «Deficit Spending» in Krisenzeiten vor. In Boomphasen sollen die Regierungen Rücklagen bilden und die Schulden durch höhere Steuereinnahmen ausgleichen. Ist es nicht ein wenig naiv anzunehmen, dass Staaten in Boomzeiten plötzlich sparen?

Keynes: Das ist richtig, ich habe auch mitbekommen, dass den Staaten der Teil des «Deficit Spending» in meiner Theorie am besten gefällt. Well, die Regierenden sind eben nur ihre vier oder fünf Jahre an der Macht. Da wollen sie natürlich keine unpopulären Schritte ergreifen. Das überlassen sie künftigen Generationen nach dem Motto, nach mir die Sintflut.

In Ihrer Theorie gehen Sie von einem Multiplikatoreffekt aus. Weil nach der staatlichen Nachfrage auch die Unternehmen wieder investieren, wirken sich Ihrer Meinung nach die staatlichen Investitionen im Betrag höher aus, als sie selbst waren. Die Neoklassiker behaupten aber, dass der Multiplikator höchstens eins, wenn nicht gar negativ ist. Eine staatliche Intervention führe nur zu einem vorgezogenen Konsum. Später, wenn die Schulden bezahlt werden müssen, fehle das Geld. Was sagen Sie dazu?

Keynes: Nochmal. In Krisenzeiten haben die Staaten keine andere Wahl als einzugreifen. Sie müssen investieren, ansonsten kommt es zu einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung. Das heißt, niemand investiert mehr, nur wenige Leute arbeiten, um das Nötigste zu produzieren und viele Menschen leben in Armut. Steuern werden in so einer Phase kaum eingenommen. Deshalb kann der Staat auch keine Sozialausgaben mehr finanzieren und so weiter. Aus diesen Phasen des Gleichgewichts bei Unterbeschäftigung herauszukommen dauert ohne Intervention sehr lange, und Sie wissen ja, langfristig sind wir alle tot. Durch eine kurzfristige Investition kann der Staat der Wirtschaft indes zu Auftrieb verhelfen. Ergreift er dabei die richtigen Maßnahmen und schießt das Geld nicht in Bereiche, wo es gleich verpufft, kommt es zu einem Multiplikatoreffekt.

Haben die Deutschen denn die richtigen Maßnahmen ergriffen?

Keynes: In Germany kenne ich mich nicht so gut aus, muss ich zugeben. Aber die Abwrackprämie ist generell nicht schlecht, nur kam sie erstens zu früh und zweitens war sie an keine Bedingungen geknüpft. Die Prämie hätte es nur für moderne Fahrzeuge mit neuen Antrieben geben dürfen. Dann hätten die Unternehmen und Zulieferer stärker in ihre Forschung investiert. Stattdessen haben die Hersteller ihre alten Fahrzeuge verkauft. Langfristig wurde nur der Konsum aus der Zukunft abgeschöpft. Auch an den Konjunkturprogrammen in Ihrem Land finde ich nicht alles positiv. Es fehlt wohl an Fachpersonal, um die Infrastruktur richtig zu erneuern. Stattdessen wird Flickschusterei betrieben. Das geht nach hinten los. Sie müssen mit dem Geld auch Ressourcen für die Finanzierung der öffentlichen Schulden von morgen schaffen. Und die Mehrwertsteuersenkung bei den Hotels, was die jetzige Bundesregierung unter Wachstumspolitik betreibt, halte ich für absoluten Nonsens.

Was empfehlen Sie den Staaten für die Zukunft?

Keynes: Die Regierungen müssen durch die Geldpolitik für dauerhaft niedrige Zinsen sorgen und durch die Fiskalpolitik für ein kontinuierlich hohes Niveau öffentlicher und halböffentlicher Investitionen. Im Laufe der Zeit sollte die Politik hoher Investitionen hinter die Konsumförderung zurücktreten, die in der Umverteilung des Einkommens von sparwilligen Schichten der Bevölkerung zu weniger sparorientierten bestehen würde.

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John Maynard Keynes : Ein Toter quicklebendig » Wirtschaft » Nachrichten

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Abschluss, Abwrackprämie, Achim Friedrich, Adam Ashleigh-Cooper, Adam Chubb, Adam Ciereszko, Adam Hess, Adam Levine5, Adam Levine6, Adam Levine7, Adam Matuszczyk, Adam Mitchell, Adam Sandlers, Adam Scott, Adam Varadi, Adam Warzawa, Adam Young, Alain Robert, Alexander John, Allmacht, Alternative, Alternativlos, Amerikaner, Angst, Annahme, Annahmen, Antje Kunstmann, Arbeiter, Ariane Friedrich, Armut, Arne Friedrich, Auftrieb, August Contador-Coach, August Einspruch, August Frisch, August Hodenkrebs, August Infos, August Macke, August Mariä, August Nachmeldungen, August Risse, August Schwarz, August Scooter, August Sobiech, August Volkswirte, August Zeit, Ausgaben, Autos, Bedingungen, Benjamin John, Bereiche, Bernd Althusmann, Bernd Becher, Bernd Clüver, Bernd Eichingers, Bernd Gnann, Bernd Hilder, Bernd Jellinghaus, Bernd Kruel, Bernd Mayländer, Bernd Meurer, Bernd Pischetsrieder, Bernd Reufels, Bernd Saxe, Bernd Seidensticker, Bernd Wehmeyer, Beschuss, Betrag, Bilden, Bille August, 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Leserkommentare (5)
  • Kommentar: 5
  • 12.03.2010 15:38
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 4

Ja und diesen Murks erfahren wir immer wieder u. überall. Diese verfluchten Experten schaffen Leistungen so lange ab, bis das Produkt niemand mehr braucht. Das Beisp. mit Kaiser Wilhelm versteht RAGNAROEKR gut,denn damals ging die Heimat vor.Mit der Globalisierungslüge wird man vielleicht Exportweltmeister,was aber nur auf die Vergeudung heimischer Schaffenskraft hinaus läuft.Soweit es geht, versuche ich den Politikern und insb.den Ökonomen das Wasser abzugraben. Aber zumeist allein, weil entweder an die Heimat niemand mehr glaubt oder man sich nicht traut, dem Experten zu widersprechen.

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  • Kommentar: 4
  • 12.03.2010 00:19
von
Felix Kroll
Antwort auf Kommentar 3

Ragnaroekr, es war einmal eine kerngesunde deutsche Firma, noch von Kaiser Wilhelm gegruendet. 1980 kamen die Volkswirte, um zu verbessern. Sie stellten als Erstes fest, dass der Kundendienst viel zu hohe Lohnkosten bereitet, also abschaffen. Das stiess zunaechst auf Widerstand, der Kundendienst wurde aber trotzdem eingestellt, mit den Worten: "Daran muessen sich die Kunden gewoehnen". Heute existiert nicht einmal mehr der Name der Firma.

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  • Kommentar: 3
  • 11.03.2010 16:44
von
RAGNAROEKR

Keynes war Sozialist, Minister und Millionär. Seine Nachfolger sind ignorante Emporkömmlinge mit problematischen Neigungen. Für diese Wirtschaftszwerge sind Akzelerationsprozesse böhmische Dörfer. Leider sind diese Versager Politiker o. Volkswirte. Hinzu kommt, dass das Volk lethargisch und arbeitsscheu ist. Alle Leistungsanreize verschlingt die Politik. Nach RAGNAROEKR gilt: Massenhafte Produktion von Volkswirten führt über Inflation in die Stagnation und Depression. Wer den Markt verdrängt und die deutsche Wirtschaft auf den Exportsektor beschränkt, kann auch keine Konjunktur ankurbeln.

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  • Kommentar: 2
  • 11.03.2010 14:50
von
gerd
Antwort auf Lester Maul

Hallo mein lieber Lester M. Nicht alles über einen Kamm scheren! "To hedge" ist bekanntlich englisch und heißt auf gut deutsch "absichern". Es gibt tatsächlich ein paar Hedge-Fonds die sich diesen Anspruch zu eigen machen und sehr seriös sind. Aber, wie in anderen Branchen auch, gibt es auch hier einige rabenschwarze Schafe, die den Ruf aller in den Dreck ziehen. Also: Nicht alle Hedge-Fonds sind Heuschrecken.

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  • Kommentar: 1
  • 11.03.2010 14:19
von
Reimund

Der Zusammenbruch geht jetzt erst richtig los: heute in Griechenland - morgen in Portugal, Irland, Italien und Spanien. Die USA sind faktisch bankrott; Deutschland auch (1,6 Billionen € Staatsschulden). Gut möglich, dass im Frühsommer die DM in Deutschland, Österreich, Holland und Finnland (wieder) eingeführt wird. Für die chaotische Übergangszeit wäre es gut, einen Notvorrat beiseite zu legen. – Die Geheimpläne der Politik werden hier offengelegt: http://docs.google.com/viewer?url=http%3A%2F%2Fwww.xinos.net%2Fapp%2Fdownload%2F1471320512%2FKlima-Gibt-es-bald-eine-Waehrungsreform.pdf&pli=1

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