John Maynard Keynes Ein Toter quicklebendig

Keynes (Foto)
John Maynard Keynes (r.) mit seinem Widersacher bei der Frage um die Weltleitwährung, dem Amerikaner Harry Dexter White. Bild: Wikipedia

Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Vor 80 Jahren lieferte John Maynard Keynes die theoretischen Grundlagen für die aktuellen Konjunkturprogramme. News.de hat sich Gedanken gemacht, wie der Brite die Welt heute gesehen hätte. Ein fiktives Interview.

Was halten Sie von der Konjunkturpolitik der Staaten?

John Maynard Keynes: Well, im Grunde waren das die richtigen Schritte. Die Konjunkturprogramme waren alternativlos, das haben wir aus der Geschichte gelernt. In der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren haben die Staaten, abgesehen von vereinzelten Agrarsubventionen und Infrastrukturprogrammen in den USA, nur ihre Ausgaben runtergefahren und nicht in die Wirtschaft eingegriffen. Obwohl die Löhne sanken, haben die Unternehmen ihr Personal entlassen.

Warum ist das so?

Keynes: My Friend, das sollten Sie als Wirtschaftsredakteur eigentlich wissen. Denn das ist ja der Kern meiner Theorie. Aber für Sie nochmal ganz einfach: Für Unternehmen ist die erwartete Nachfrage wichtig, dann investieren sie und stellen Leute ein. Wenn aber die Haushalte und die anderen Unternehmen das Geld zurückhalten und nicht konsumieren - es keine Nachfrage gibt - dann wird auch nicht investiert, egal wie niedrig die Löhne der Arbeiter sind. Das leuchtet ein, oder? Aber meine Vorgänger Adam Smith, David Ricardo und Jean-Baptiste Say haben das nicht erkannt.

Ich habe mich schon mit Ihren Theorien befasst, keine Angst. Darin schlagen Sie «Deficit Spending» in Krisenzeiten vor. In Boomphasen sollen die Regierungen Rücklagen bilden und die Schulden durch höhere Steuereinnahmen ausgleichen. Ist es nicht ein wenig naiv anzunehmen, dass Staaten in Boomzeiten plötzlich sparen?

Keynes: Das ist richtig, ich habe auch mitbekommen, dass den Staaten der Teil des «Deficit Spending» in meiner Theorie am besten gefällt. Well, die Regierenden sind eben nur ihre vier oder fünf Jahre an der Macht. Da wollen sie natürlich keine unpopulären Schritte ergreifen. Das überlassen sie künftigen Generationen nach dem Motto, nach mir die Sintflut.

In Ihrer Theorie gehen Sie von einem Multiplikatoreffekt aus. Weil nach der staatlichen Nachfrage auch die Unternehmen wieder investieren, wirken sich Ihrer Meinung nach die staatlichen Investitionen im Betrag höher aus, als sie selbst waren. Die Neoklassiker behaupten aber, dass der Multiplikator höchstens eins, wenn nicht gar negativ ist. Eine staatliche Intervention führe nur zu einem vorgezogenen Konsum. Später, wenn die Schulden bezahlt werden müssen, fehle das Geld. Was sagen Sie dazu?

Keynes: Nochmal. In Krisenzeiten haben die Staaten keine andere Wahl als einzugreifen. Sie müssen investieren, ansonsten kommt es zu einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung. Das heißt, niemand investiert mehr, nur wenige Leute arbeiten, um das Nötigste zu produzieren und viele Menschen leben in Armut. Steuern werden in so einer Phase kaum eingenommen. Deshalb kann der Staat auch keine Sozialausgaben mehr finanzieren und so weiter. Aus diesen Phasen des Gleichgewichts bei Unterbeschäftigung herauszukommen dauert ohne Intervention sehr lange, und Sie wissen ja, langfristig sind wir alle tot. Durch eine kurzfristige Investition kann der Staat der Wirtschaft indes zu Auftrieb verhelfen. Ergreift er dabei die richtigen Maßnahmen und schießt das Geld nicht in Bereiche, wo es gleich verpufft, kommt es zu einem Multiplikatoreffekt.

Haben die Deutschen denn die richtigen Maßnahmen ergriffen?

Keynes: In Germany kenne ich mich nicht so gut aus, muss ich zugeben. Aber die Abwrackprämie ist generell nicht schlecht, nur kam sie erstens zu früh und zweitens war sie an keine Bedingungen geknüpft. Die Prämie hätte es nur für moderne Fahrzeuge mit neuen Antrieben geben dürfen. Dann hätten die Unternehmen und Zulieferer stärker in ihre Forschung investiert. Stattdessen haben die Hersteller ihre alten Fahrzeuge verkauft. Langfristig wurde nur der Konsum aus der Zukunft abgeschöpft. Auch an den Konjunkturprogrammen in Ihrem Land finde ich nicht alles positiv. Es fehlt wohl an Fachpersonal, um die Infrastruktur richtig zu erneuern. Stattdessen wird Flickschusterei betrieben. Das geht nach hinten los. Sie müssen mit dem Geld auch Ressourcen für die Finanzierung der öffentlichen Schulden von morgen schaffen. Und die Mehrwertsteuersenkung bei den Hotels, was die jetzige Bundesregierung unter Wachstumspolitik betreibt, halte ich für absoluten Nonsens.

Was empfehlen Sie den Staaten für die Zukunft?

Keynes: Die Regierungen müssen durch die Geldpolitik für dauerhaft niedrige Zinsen sorgen und durch die Fiskalpolitik für ein kontinuierlich hohes Niveau öffentlicher und halböffentlicher Investitionen. Im Laufe der Zeit sollte die Politik hoher Investitionen hinter die Konsumförderung zurücktreten, die in der Umverteilung des Einkommens von sparwilligen Schichten der Bevölkerung zu weniger sparorientierten bestehen würde.

Lesen Sie auf Seite 2, was John Maynard Keynes heute so macht

Der Kapitalismus wird in diesen Tagen stark unter Beschuss genommen. Ist es Zeit für eine andere Gesellschaftsordnung?

Keynes: Ich glaube zwar nicht an die Allmacht des Marktes. Aber eine Alternative zur Marktwirtschaft und zur Demokratie sehe ich trotzdem nicht. Durch meine russische Ehefrau Lydia Lopokova habe ich mich etwas mit der Sowjetunion beschäftigt. Der dort betriebene Sozialismus hat mich zutiefst erschreckt. Wie kann man ein Glaubensbekenntnis übernehmen, das unlogischerweise das Bauernproletariat über Bürgertum und Intelligenz erhebt, die doch bei all ihren Fehlern und Schwächen Träger der Kultur sind und den Keim allen Fortschritts der Menschen fortpflanzen?

In der Weltgeschichte tauchten Sie häufig bei wichtigen Verhandlungen auf, aber besonders erfolgreich waren Sie dabei nicht. Warum haben Sie denn die Verhandlungen zum Versailler Vertrag vorzeitig verlassen?

Keynes: Ich war damals als Vertreter des britischen Schatzamts Mitglied der britischen Delegation. Ich bin kurz vor Abschluss der Verhandlungen aus Protest gegen die Reparationszahlungen zurückgetreten. Ich war fest davon überzeugt, dass wir die Deutschen maßlos mit Forderungen nach Wiedergutmachung überforderten. Aber auf mich wollte damals keiner hören. Und nun sehen Sie, was passiert ist. Die Weimarer Republik hatte keine Chance auf eine gute wirtschaftliche Entwicklung und Hitler kam an die Macht.

Und was ist aus Ihrem Versuch geworden, nach dem Zweiten Weltkrieg ein supranationales Währungssystem mit einer Clearing-Union einzurichten?

Keynes: Bis Bretton WoodsAls Bretton-Woods-System wird das nach dem Zweiten Weltkrieg neu geordnete internationale Währungssystem von festen Wechselkursen bezeichnet, das vom goldhinterlegten US-Dollar als Leitwährung bestimmt war. Benannt wurde es nach dem Ort Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire. haben wir noch daran geglaubt, diese für die Weltwirtschaft gute Lösung umsetzen zu können. Sie hätte kein Land bevorteilt und ein Gleichgewicht und langfristiges Wachsum der Weltwirtschaft gesichert. Doch die USA, allen voran ihr Gesandter Harry Dexter White, haben uns unter Druck gesetzt und den Dollar als Leitwährung durchgesetzt. Was daraus geworden ist, sehen wir jetzt. Die Amerikaner können Geld drucken und ihre Schulden verkaufen und verursachen damit große Spekulationsblasen.

Was machen Sie jetzt eigentlich?

Keynes: Ich habe die Branche gewechselt. Sie wissen ja, als Ökonom hat man es heute schwer. Seit wir die Krise nicht vorhersehen konnten, werden wir nicht mehr ernst genommen. Und es gibt auch zu viele (Pseudo)-Ökonomen, die irgendwelchen Nonsens von sich geben. Da geht doch eine fundierte Einzelmeinung unter. Da kann ich im Musikbusiness mehr erreichen. Gemeinsam mit meinem ehemaligen Widersacher Friedrich August von Hayek habe ich mich hingesetzt und einen Rap-Song geschrieben. So können wir unsere Botschaften viel besser zu den Menschen bringen. Schauen sie hier: Yo, Yo!

John Maynard Keynes (1883 bis 1946) war kein normaler Ökonom, der irgendeine x-beliebige Theorie entwickelt hat. Keynes stellte mit seinem Hauptwerk The General Theory of Employment, Interest and Money die bis dato gültige klassische Wirtschaftswissenschaft mit dem Allglauben an den Markt auf den Kopf. Er begründete eine neue Denkrichtung, die heute unter dem Namen Keynesianismus bekannt ist und die theoretischen Grundlagen für die staatlichen Konjunkturprogramme liefert.

Lesehinweise:

Bedeutende Ökonomen, Bernd O. Weitz
ISBN: 3486582224
Oldenbourg Verlag, 2008
205 Seiten, 19,80 Euro 

Die Rückkehr des Meisters, Robert Skidelsky
ISBN: 3888976472
Kunstmann Verlag, 2010
304 Seiten, 19,90 Euro

ruk/mac/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 5
  • 12.03.2010 15:38
Antwort auf Kommentar 4

Ja und diesen Murks erfahren wir immer wieder u. überall. Diese verfluchten Experten schaffen Leistungen so lange ab, bis das Produkt niemand mehr braucht. Das Beisp. mit Kaiser Wilhelm versteht RAGNAROEKR gut,denn damals ging die Heimat vor.Mit der Globalisierungslüge wird man vielleicht Exportweltmeister,was aber nur auf die Vergeudung heimischer Schaffenskraft hinaus läuft.Soweit es geht, versuche ich den Politikern und insb.den Ökonomen das Wasser abzugraben. Aber zumeist allein, weil entweder an die Heimat niemand mehr glaubt oder man sich nicht traut, dem Experten zu widersprechen.

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  • Felix Kroll
  • Kommentar 4
  • 12.03.2010 00:19
Antwort auf Kommentar 3

Ragnaroekr, es war einmal eine kerngesunde deutsche Firma, noch von Kaiser Wilhelm gegruendet. 1980 kamen die Volkswirte, um zu verbessern. Sie stellten als Erstes fest, dass der Kundendienst viel zu hohe Lohnkosten bereitet, also abschaffen. Das stiess zunaechst auf Widerstand, der Kundendienst wurde aber trotzdem eingestellt, mit den Worten: "Daran muessen sich die Kunden gewoehnen". Heute existiert nicht einmal mehr der Name der Firma.

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 3
  • 11.03.2010 16:44

Keynes war Sozialist, Minister und Millionär. Seine Nachfolger sind ignorante Emporkömmlinge mit problematischen Neigungen. Für diese Wirtschaftszwerge sind Akzelerationsprozesse böhmische Dörfer. Leider sind diese Versager Politiker o. Volkswirte. Hinzu kommt, dass das Volk lethargisch und arbeitsscheu ist. Alle Leistungsanreize verschlingt die Politik. Nach RAGNAROEKR gilt: Massenhafte Produktion von Volkswirten führt über Inflation in die Stagnation und Depression. Wer den Markt verdrängt und die deutsche Wirtschaft auf den Exportsektor beschränkt, kann auch keine Konjunktur ankurbeln.

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