Mo., 13.02.12

Neuer Markt Schnell aufgepumpte Riesenblase

Von Thomas Kaufner

Artikel vom 10.03.2010

Das war kein Fieber mehr, das war Fieberwahn. Vor genau einer Dekade wurde der Höhepunkt des Börsenbooms gefeiert. Doch genau so schnell wie der Neue Markt in schwindelnde Höhen stürmte, so schnell ging es auch wieder abwärts.

Damals träumten Millionen vom Millionärsleben - am Ende wurden Milliarden verbrannt. Am 10. März 2000 erreichte der Börsenirrsinn seinen Höhepunkt, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Start des «Neuen Marktes» an der Frankfurter Börse. Was danach folgte, war ein Zusammenbruch auf Raten, noch angefeuert von dem Ende einer weltweiten Börsenhysterie und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.

Der Aktienwert des sogenannten «Wachstumsmarktes» mit Titeln wie EM.TV, Brokat, Gigabell, Intershop oder Metabox belief sich in der Spitze auf mehr als 230 Milliarden Euro. Und der Auswahlindex Nemax 50 für die 50 wichtigsten Firmen am «Neuen Markt» erreichte im Tagesverlauf fast 9700 Punkte - einen Wert, der sich nie mehr wiederholen sollte.

Im Gegenteil: Fast ebenso heftig, wie die Gier nach möglichst schnellen Gewinnen die Aktien immer weiter nach oben trieb, schlug die Anlegerstimmung jäh in Panik um. Schon Ende März notierte der Nemax 50 nur noch bei rund 7500 Punkten, Anfang 2001 bei etwa 2150 Zählern. Das Rekordtief wurde am 7. Oktober 2002 erreicht, bei nur noch gut 306 Punkten. Rund ein halbes Jahr später wurde der «Neue Markt» faktisch eingestellt.

Die Junkies zogen sich die Kurse am Arbeitsplatz

Spätestens mit dem Telekom-Börsengang 1996 mutierte die Republik allmählich zu einem Volk von Kleinanlegern. In Umfragen hieß es damals, mehr als 50 Prozent der Bürger glaubten, dass die an der Börse reich werden. Allein der Hinweis auf Hightech oder ein «dotcom» im Firmennamen reichten aus, um neue Aktien unters Volk zu bringen, egal zu welchem Preis, denn Kurssprünge innerhalb weniger Tage galten als garantiert.

Zeitzeugen erinnern sich an teilweise bizarre Szenen: Da wurden Finanzjournalisten und deren Angehörige von Nachbarn um Aktientipps angebettelt, Patienten im Wartezimmer fachsimpelten über «Bookbuilding-Spannen» beim Börsengang junger Unternehmen. Börsenprogramme im Fernsehen waren scheinbar populärer als die Sportschau. Studenten lasen in Vorlesungen Finanzzeitungen und Börsenbriefe, statt dem Professor zu lauschen. In deutschen Unternehmen müssen Millionen Arbeitsstunden verloren gegangen sein, weil die Beschäftigten während der Arbeitszeit akribisch Kursverläufe beobachteten und online mit Aktien handelten - private Internetanschlüsse waren damals noch recht teuer und langsam.

Es war eine Zeit, in der herkömmliche Bewertungsmaßstäbe nicht mehr galten. «Das ist überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, wieso virtuelle Unternehmen mit zwei, drei Mitarbeitern auf solch eine hohe Marktkapitalisierung kommen», urteilte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Schon zum dritten Geburtstag des Segmentes warnten Analysten: «Der Kaufrausch könnte von einer Verkaufspanik abgelöst werden.» Als Warnsignal galt vor allen das schwindelerregende Kursniveau manch kleinen Unternehmens in der Größenordnung von Industrie- und Finanzriesen.

Kostolany: «Spielhölle mit gezinkten Karten»

Auch in der Bilanzanalyse mussten sich Leser an neue Kennziffern gewöhnen: Es zählte nicht mehr, was unter dem Strich herauskam. Viele der Börsenneulinge hatten hohe Kredite aufgenommen, um Zukäufe zu finanzieren. Die Zinslasten und die teilweise enormen Abschreibungen auf diese Zukäufe wurden ausgeblendet, indem man sich nur noch auf bereinigte Ertragsziffern konzentrierte. Dass manches Unternehmen weniger Umsatz als Verlust verbuchte, interessierte nicht; dagegen reichten Meldungen über Kundenzuwächse, angebliche Aufträge oder Internetzugriffszahlen, um die Firma an der Börse mit Kursexplosionen zu feiern.

Gestartet hatte die Deutschen Börse mit einer simplen Grundidee: Der Ruf nach Risikokapital für junge Unternehmen in Wachstumsbranchen wurde immer lauter, doch bei der Finanzierung solcher Firmen nach US-Vorbild haperte es bislang in der Praxis. Der Neue Markt sollte Wachstumsunternehmen mit risikobewussten Investoren zusammenbringen, so lautete das Credo der Frankfurter Börsenmanager. Als der Startschuss für das neue Börsensegment fiel, waren nur zwei Börsenneulinge mit von der Partie: Der schwäbische Autozulieferer Bertrandt und der norddeutsche Mobilfunkanbieter Mobilcom.

Der damals vielzitierte Börsenguru André Kostolany hatte schon frühzeitig gewarnt und den «Neuen Markt» eine «Spielhölle mit gezinkten Karten» genannt. Endgültig als «Zockermarkt» in Verruf kam der «Neue Markt», als aufgeblasene Bilanzen, Insiderhandel und Kursbetrug ruchbar wurden, angeführt vom Münchner Unternehmen Comroad, das fast seine gesamten Umsätze erfunden hatte.

ruk/mat/news.de/dpa
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Neuer Markt: Schnell aufgepumpte Riesenblase » Wirtschaft » Nachrichten

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