Zusatzbeiträge «Das tut keine Kasse gern»

Höhere Zusatzbeiträge für viele Kassenpatienten (Foto)
Die ersten Krankenkassen fordern mehr als acht Euro Zusatzbeitrag. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Seine Kasse erhebt keine Zusatzbeiträge. Und doch gibt sich Gerd Ludwig zuversichtlich, dass sein Arbeitgeber IKK Classic noch lange am Markt sein wird. Denn seine Kasse hat erst kürzlich fusioniert. Ein Schicksal, dass vielen Konkurrenten droht.

Sie wollen ihre Beiträge 2010 stabil halten. Wirklich?

Ludwig: Ja, wir werden die Beiträge stabil halten und keine Zusatzbeiträge erheben. Wir brauchen sie nicht.

Was macht Sie so sicher, wenn doch viele Kassen Zusatzbeiträge ankündigen?

Ludwig: Die IKK Classic hat vorgesorgt und ausreichend Rücklagen gebildet. So schließen wir das Rechnungsjahr 2009 mit einem Überschuss ab. Wir sehen im Moment sehr unterschiedliche Ausgangssituationen bei den Kassen. Es gibt finanzschwächere und finanzstärkere. Erstere müssen Zusatzbeiträge erheben. Das ist sehr aufwändig, denn alles, was über acht Euro Zusatzbeitrag liegt, verlangt einen Lohn- oder Gehaltsnachweis. Und bei acht Euro Zusatzbeitrag haben diese Kassen einen Verwaltungsaufwand von etwa drei Euro.

Andere Kassen sagen, dass die Beiträge im vergangenen Jahr aus Angst, Kunden zu verlieren, nicht erhöht wurden...

Ludwig: Das kann ich nur bedingt einschätzen. Fest steht allerdings, dass gesetzliche Krankenkassen mit dem Gesundheitsfonds 2009 und dem einheitlichen Beitragssatz völlig neue Bedingungen im Finanzbereich haben. Kassen können nur noch über Zusatzbeiträge oder über das Leistungsspektrum steuern. Und eines ist klar: wenn Zusatzbeiträge notwendig sind, müssen sie erhoben werden. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Auch wenn das keine Kasse gern tut. Es wäre nachvollziehbar, wenn Kassen die Erhebung von Zusatzbeiträgen hinausschieben. Einfach aus der Sorge, dass ihre Mitglieder zu anderen Kassen ohne Zusatzbeitrag wechseln.

Immer wieder wird bemängelt, die Verwaltungskosten der Kassen seien zu hoch, zu viel Geld in Prunkbauten investiert worden. Stimmt das?

Ludwig: Nein. Die Verwaltungskosten sind verglichen mit anderen Branchen eher niedrig. Pro Jahr geben die gesetzlichen Kassen ca. 118 Euro je Versicherten für Verwaltung aus. In der privaten Krankenversicherung sind die Verwaltungskosten mehr als dreimal so hoch wie in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Brauchen wir so viele Kassen in Deutschland? Die Rede ist ja von etwa 300. Da ließe sich durch Fusionen doch jede Menge Geld sparen.

Ludwig: Die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen sind so, dass man
mit einer gewissen Größe optimaler versorgen kann. Es könnten sich beispielsweise Synergien bei Verträgen wie den Arzneimittel-Rabattverträgen ergeben. Auch beim Zusammenspiel ambulanter und stationärer Leistungen ist sicher noch Potenzial. Die Politik strebt im Moment 30 bis 50 Kassen an. Aber: Größe allein macht noch nicht profitabel. Es steht die Frage: Wenn es nur wenige oder gar nur eine gesetzliche Krankenkasse gibt, wie sieht es dann mit dem Wettbewerb aus? Es besteht die Gefahr, dass es keine innovative Fortentwicklung mehr gibt.

Ist genug Geld im Gesundheitssystem? Muss es nur vielleicht richtig verteilt und eingesetzt werden?

Ludwig: Wir haben ein sehr hochwertiges Gesundheitswesen, das darf man nicht verkennen. Jedoch entwickelt sich das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben gerade sehr ungünstig und daher sind hohe Bundeszuschüsse notwendig. Solange die Beiträge an das Lohn- und Gehaltsniveau gekoppelt sind, wird es bei stagnierenden Gehältern und hoher Arbeitslosigkeit immer größere Fehlbeträge geben. Die Frage, ob das Geld richtig verteilt wird bzw. wurde und wo Einsparpotentiale liegen, muss natürlich auch dringend gestellt und vor allem beantwortet werden.

Wie wird es denn für die gesetzlichen Kassen im Jahr 2011 aussehen?

Ludwig: Ich vermute, dass der Fusionsdruck steigen wird und sich weitere Kassen im Jahr 2011 zusammenschließen. Es laufen ja schon jetzt sehr viele Gespräche zwischen den unterschiedlichsten Kassen. Die Situation der gesetzlichen Kassen wird natürlich von den angekündigten gesundheitspolitischen Entscheidungen abhängig sein. Wenn die Kopfpauschale tatsächlich kommt, wird man sehen, welche Mittel die Kassen für eine größere Finanzstabilität in die Hand bekommen.

Was halten Sie von der Kopfpauschale, wie sie Gesundheitsminister Rößler durchdrücken will?

Ludwig: Eine gewisse Skepsis ist angebracht. Ich vermute, dass die Kopfpauschale, zumindest als Mini-Kopfpauschale, kommt. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass es die Lösung aller Probleme ist. Auch die Gesundheitsexperten haben sich nicht abschließend positioniert. Allein die Frage des Solidarausgleiches im Rahmen einer Kopfpauschale ist völlig ungeklärt. Im Moment gibt es noch zu wenige Informationen, was genau angedacht ist. Da wird es im Sommer eine intensivere Diskussion geben.

Hatten sie wegen Absprachen von Zusatzbeiträgen in letzter Zeit Kontakt zum Bundeskartellamt?

Ludwig: Wir haben nur unsere Fusion im vergangenen Jahr dort angemeldet, zu anderen Themen gab und gibt es keinen Kontakt.

Gerd Ludwig ist Vorstandsvorsitzender der IKK Classic, einer gesetzlichen Krankenkasse, die Anfang des Jahres aus der Fusion von vier Innungskrankenkassen entstand. Die IKK Classic hat nach eigenen Angaben 1,8 Millionen Versicherte.

mat/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • tomahawk
  • Kommentar 3
  • 30.03.2010 21:58

Wie ist es eigentlich mit der Mehrwertsteuer. Muss die Kasse Mehrwertsteuer auf Krankenhaus -Behandlungen-Aufenthalte zahlen. Soweit ich weiß, werden bei Medikamenten volle 19%Mehrwertsteuer fällig. die selbstverständlich die Kassen bezahlen. Kranken-Abzocke durch den Staat. So etwas gibt es in keinem anderen europäischen Land.

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  • tomahawk
  • Kommentar 2
  • 02.03.2010 01:13
Antwort auf Kommentar 1

Savon leben die uns regierenden doch. Stell dir mal vor das diese Leute ordentliche Arbeit abliefern, dann hätte ein riesiger Wasserkopf Regierungsapperat nix mehr zu tun. Ergo...Eine Reform der reformierten Gesetze muß geschaffen werden. Alles nur Beamten- Beschäftigungs-Therapie. So wird ein Gesetz bid zum Morgen gecht um es am nächsten Nachmittag dann wieder ändern zu müssen. Mittlerweile landet fast jedes Gesetz vor dem Verfassungsgericht. Das alles kostet auch nix? Oder irre ich mich? Aber die H4ler mit Schwätzerwellen überfluten

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  • ragnaroekr
  • Kommentar 1
  • 01.03.2010 11:42

Wievieler Gesundheitsreformen bedarf es denn noch, bevor sich zeigt, das System ist keinen Pfifferling wert, es steht auf falschen Grundlagen.1. Ein gesetzliches Zwangsversichertensystem hat keinen Anhalt, ob eine Über- oder Unterversorgung von Leistungen vorliegt.2. Krankenkassenbeiträge haben nichts mit dem Einkommen zu tun. Durch höhere Beiträge bekommt niemand bessere Leistungen.3. Gesundheitspolitik führt zu blühenden Bürokratien, nicht einmal innerhalb diesen herrscht Leistungs- oder Preiswettbewerb.4. Die ständige Verschlechterung des Angebots ist unerträglich. 5. Weg mit Experten.

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