So., 12.02.12
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Kolumne Inflation, ein schlechter Trick

Von news.de-Kolumnist Professor Oliver Holtemöller

Artikel vom 23.02.2010

Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, hat vorgeschlagen, in Reaktion auf die Weltfinanzkrise höhere Inflationsraten anzustreben. Doch das ist ein gefährlicher Weg.

Manche Diskussionen kehren immer wieder. In der letzten Woche hat der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, vorgeschlagen, in Reaktion auf die Weltfinanzkrise höhere Inflationsraten anzustreben, also beispielsweise das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei auf vier Prozent zu erhöhen. Was wird damit erreicht?

Zunächst einmal entwertet die Inflation die Staatsschulden. Wenn ein Anleger Staatsanleihen mit einer Verzinsung von drei Prozent kauft und dabei von zwei Prozent Inflation ausgeht, dann rechnet er mit einer realen Verzinsung von drei minus zwei, also einem Prozent. Beträgt die Inflationsrate aber vier statt zwei Prozent, dann sinkt der reale Wert der Rückzahlung und der Anleger macht – in Gütern und Dienstleistungen gemessen – ein Verlustgeschäft.

Anleger beziehen Inflation in ihre Überlegungen mit ein

Es findet eine Umverteilung von den Anlegern hin zum Staat statt. Der Trick funktioniert natürlich nicht mehrmals hintereinander. Machen die Anleger einmal diese Erfahrung, werden sie die höhere Inflation in ihre Überlegungen einbeziehen und höhere Zinsen fordern, um auf eine angemessene reale Rendite zu kommen. In der nächsten Runde wäre dann eine wiederum unerwartet höhere Inflation erforderlich, um die reale Schuldenlast zu drücken.

Was davon zu halten ist, hat schon der schwedische Ökonom Knut Wicksell 1898 treffend formuliert: «Die Leute, welche ein sich stetig aufwärts bewegendes Preisniveau dem festbleibenden vorziehen, erinnern ... stark an solche, die ihre Uhren absichtlich etwas vor gehen lassen, um desto sicherer rechtzeitig die Eisenbahnzüge etc. zu erreichen. Dazu dürfen diese aber des Vorgehens ihrer Uhren sich nicht bewusst sein oder bleiben, sonst gewöhnen sie sich daran, ... und dann kommen sie trotz ihrer Pfiffigkeit doch zu spät.» (in: Geldzins und Güterpreise, 1898, S. 3).

Hohe Inflationsrate - Vorteil für die Zentralbank?

Als Argument für eine höhere Inflationsrate wird vorgetragen, dass die Zentralbank dadurch einen größeren Zinssenkungsspielraum in Krisen bekommt. Wie wir zuvor gesehen haben, überträgt sich die höhere Inflation auf das nominale Zinsniveau. Wenn die Inflationsrate durchschnittlich höher ist, dann ist auch das Zinsniveau durchschnittlich höher; und die Zentralbank kann die Zinsen stärker senken und damit die Konsum- und Investitionsgüternachfrage stärker ankurbeln, als wenn sie von einem bereits niedrigen Zinsniveau ihre Zinssenkungsrunde startet.

Bei null Prozent liegt nämlich die Untergrenze für nominale Zinsen, da niemand Geld anlegen würde, wenn er dafür weniger zurückbekommt (dann könnte man das Geld auch unter das Kopfkissen legen und verlöre zumindest nominal nichts). Aber hätte uns das in der Krise geholfen? Ist der Geldmarkt ausgetrocknet, weil die (Real-) Zinsen zu hoch waren? Haben die Unternehmen ihre Investitionen gestoppt, weil die Zinsen für die Finanzierung nicht weiter gesenkt wurden? Haben sich Konsumenten zurückgehalten, weil Konsumentenkredite zu teuer waren? Nein.

Das größte Problem in der Krise war der massive Vertrauensverlust auf allen Ebenen. Keine Bank traute einer anderen, Unternehmen waren über die zukünftigen Absatzmöglichkeiten verunsichert und Konsumenten wussten nicht, ob sie ihren Arbeitsplatz behalten. Weitere Zinssenkungen hätten diese Verunsicherung nicht aufgelöst. Dazu bedurfte es vor allem der konsequenten Stützung des Bankensystems und auch der auf dem Höhepunkt der Krise vertrauensbildenden Wirkung der weltweiten Konjunkturpakete.

Ein Blick in die Vergangenheit

Schon nach den Ölpreisschocks der 1970er Jahre setzte man auf höhere Inflation, um die realen Kosten negativer ökonomischer Schocks zu verschleiern. Die Folge waren in vielen Ländern zweistellige Inflationsraten, die eine große wirtschaftliche Belastung darstellten und nur durch konsequent restriktive Geldpolitik mit entsprechenden negativen Wirkungen auf Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit wieder reduziert werden konnten. Die aktuellen Probleme werden nicht durch mehr Inflation gelöst, sondern nur auf Grundlage der Einsicht, dass die Weltfinanzkrise ein großer negativer Schock war, dessen reale Kosten nicht verschleiert werden können. Was wir brauchen, ist die Gesundung des Finanzsystems und den Abbau der Staatsschulden – sei es durch Steuererhöhungen oder Ausgabensenkungen – damit der Staat auch in der nächsten Krise wieder handlungsfähig ist.

mat/reu/news.de
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