Wirtschaftsspione So saugen Agenten deutsche Firmen aus

Cumputer (Foto)
Ziel von Wirtschaftsspionen: Computer und Festplatten im Büro. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Getarnt als Praktikanten - so haben ausländische Agenten in Deutschland beim Klau sensibler Firmendaten oftmals leichtes Spiel. Der Schaden geht in die Milliarden. Auch weil deutsche Unternehmer gerne an der Sicherheit sparen.

Ein Hackerangriff, ein eingeschleuster Praktikant mit USB-Stick oder einfach nur ein geschickt eingefädeltes Gespräch in der Businessclass: In den vergangenen Jahren sind ausländische Wirtschaftsspione nicht nur kreativer, sondern offenbar auch immer erfolgreicher beim Klauen hochsensibler Firmendaten geworden. Laut einer von der Beratungsgesellschaft KPMG veröffentlichten Studie sind 37 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen drei Jahren Opfer solcher krimineller Machenschaften geworden - auch weil viele Firmenchefs hierzulande noch zu sorglos mit dem Thema umgehen. «Dabei ist es jederzeit problemlos möglich, deutsche Unternehmen auszuspionieren», warnte Herbert Kurek, zuständiger Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), kürzlich beim Europäischen Polizeikongress in Berlin.

Der Schaden, der durch den Verlust von Daten entsteht, ist jedenfalls immens. Schätzungen zufolge beträgt er bis zu 50 Milliarden Euro. Pro Jahr. Doch die Dunkelziffer ist hoch, und seriöse Berechnungen gibt es nicht. Denn entweder, die Firmen bekommen den Diebstahl kopierter Daten erst gar nicht mit. Oder, wenn doch, dann schweigen sie. Aus Furcht vor Imageverlust.

Die Meisterdiebe kommen vor allem aus Russland und China

Nach Erkenntnissen des BfV haben es vor allem Länder wie Russland und China, die beide als Wirtschaftsmacht an die internationale Spitze drängen, auf das deutsche Know-How abgesehen. Im Fokus stehen dabei vor allem die Informationstechnologie, die Rüstungs- und Autoindustrie, aber neuerdings auch die Energie- und Umwelttechnik.

Um an die erwünschten Informationen zu gelangen, ist den Ländern laut BfV-Mann Kurek jedes Mittel recht. Selbst Agenten der staatlichen Nachrichtendienste dürfen laut Gesetz eingesetzt werden, um den eigenen Wirtschaftsunternehmen den nötigen Wissensvorsprung zu verschaffen - frei nach dem Motto: «Es ist keine Schande, besser als der Meister zu sein», zitiert Kurek diesbezüglich gerne ein chinesisches Sprichwort. Oder anders ausgedrückt: «Was du mit den Augen und Ohren mitbringst, ist kein Diebstahl.» Ebenfalls eine freie Übersetzung aus dem Chinesischen.

Doch allein auf die Sinnesorgane wollen sich die Dienste dann wohl doch nicht ausschließlich verlassen. Mit teils legalen, teils illegalen Methoden helfen sie gerne nach. So werten sie eine Fülle von offen zugänglichen Materialien wie Flugblätter, Produktbeschreibung oder Fachzeitschriften aus. Aber sie schleusen auch Trojaner in die Firmennetzwerke ein, hören Telefone ab oder verstecken Wanzen. Selbst aus der Abstrahlung von PC-Monitoren lassen sich mit handelsüblicher Technik wichtige Erkenntnisse gewinnen, ebenso wie über die gezielte Ansprache von Firmenmitarbeitern auf bestimmte Projekte. «Zuvor werden dazu bewusst Informationen herangeschafft, über Kollegen oder soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter», warnen Ermittler.

Besonders der Mittelstand öffnet Tür und Tor

Besonders anfällig erscheint dem BfV der deutsche Mittelstand. Leisten sich die großen Dax-Konzerne durchaus teure Sicherheitsabteilungen zum Schutz ihrer Innovationen, so lassen sich die kleinen Firmen im großen Stil bespitzeln. Fachleute werden erst zu Rate gezogen, wenn es bereits zu spät ist. So wie ein Mittelständler, der bei der Patentanmeldung erfahren musste, dass es ein ähnliches Produkt bereits auf dem Markt gibt. Entwickelt in China. BfV-Experten fanden schnell die Erklärung: Mit ein paar Klicks konnten sämtliche Mitarbeiter auf sämtliche Datensätze aller Abteilungen zugreifen. «Unsere Überprüfung ergab, dass ein vermeintlicher Praktikant aus Abteilung fünf öfter auf die Daten der Abteilung sieben zugegriffen hat als die dortigen Angestellten», schildert ein BfV-Ermittler gegenüber news.de einen klassischen Fall.

Die Verfassungsschützer raten deshalb zu mehr Achtsamkeit beim Umgang der Daten. Nicht immer müsse Sicherheit teuer sein. «80 Prozent des Firmenwissens sind offene Infos, 15 Prozent sind Internas und nur 5 Prozent sind die Kronjuwelen, die man wirklich schützen muss», sagt Kurek. Dafür reiche es manchmal schon aus, strenger mit Administratoren- und Zugriffsrechten umzugehen. Oder bei dem kleinsten Verdacht die BfV-Beamten einzuschalten.

Zwar darf der Verfassungsschutz in Deutschland nur in den Fällen die komplette Ermittlung führen, in denen die Firmen von ausländischen Nachrichtendiensten bespitzelt werden. Fälle, in denen ein Unternehmen direkt durch einen Wettbewerber ausgeforscht wird, müssen hingegen nach den eingeleiteten Untersuchungen an die polizeilichen Behörden abgegeben werden. Aber so oder so: Es gibt genügend Möglichkeiten, den unerwünschten Schnüfflern ihrerseits auf die Spur zu kommen.

Partnerländer werden sanfter angefasst

Von Observation, über Telefonüberwachung und Verhaftung bis hin zum Umdrehen der enttarnten Agenten - im Rahmen ihrer rechtlichen Zuständigkeit stehen den Verfassungsschützern jedenfalls gleichsam geeignete Methoden zur Verfügung. Welche davon in der Praxis angewandt wird, ist von Fall zu Fall verschieden. Zum Teil hängt es auch davon ab, für welchen Geheimdienst ein enttarnter Agent arbeitet. Hat er das Glück bei einem befreundeten Dienst angestellt zu sein, dann kann es passieren, dass er einfach nur aus dem Land gewiesen wird. Ermittler sprechen dann von der «stillen Lösung».

Der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom sieht das durchaus kritisch. Im  news.de-Interview spricht er in diesem Zusammenhang von einer «absoluten Hörigkeit» deutscher Dienste gegenüber einigen bevorzugten Partnerländer.

Beim Bundesamt für Verfassungsschutz indes sieht man sich insgesamt im Dienste einer guten Sache arbeiten - nicht nur, weil man Milliardensummen schütze. Nein, auch der ein oder andere Arbeitnehmer soll schon profitiert haben. So gab es schon einen Fall, in denen ein Mitarbeiter überprüft wurde, der abends regelmäßig länger blieb als seine Kollegen. «Wir haben dann den falschen Verdacht entkräftet», berichtet Kurek. «Der hat wirklich nur viel gearbeitet.»

seh/ivb/news.de

Leserkommentare (9) Jetzt Artikel kommentieren
  • Harry 57
  • Kommentar 9
  • 16.02.2010 18:58

Antwort auf Kommentar 4 Wie normal ich bin, wird die Zukunft zeigen.......

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  • kiwi
  • Kommentar 8
  • 15.02.2010 11:08

gerade asiaten sind für schnelle entwicklungen bekannt. bis ein deutsches unternehmen alle notwendigen prüfungen für ein produkt bereit hat, ist's in asien schon die zweiten generation angelaufen. auch fertigungen oder kreationen sollte man nie in asien fertigen lassen, die werden geklaut. 100%!!! in den 80ern haben japaner meine konzepte einfach kopiert und tun danach sehr unschuldig. also: aufpassen mit daten. denn nichts ist heute leichter als ein griff auf die datenbank. und hände weg von facebook oder wkw, oder all diese datenbanken die irgendetwas aufzeichnen was nie mehr löschbar ist.

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  • Pro Libertate
  • Kommentar 7
  • 14.02.2010 23:32

Und all das für ein paar müde Mäuse, ein einmaliges Einkommen, das im Verhältnis zu den Staatsausgaben und Staatsschulden nicht mal einen Tropfen auf dem heissen Stein darstellt. Und nebenbei ruinieren sie damit die deutsche Wirtschaft noch ein wenig mehr. Privates Kapital, welches zum grössten Teil Unternehmern gehörte, wird vernichtet (beim Staat wird's oft gar auf schädliche Weise ausgegeben), was das zukünftige Einkommen von Deutschland extrem reduziert.

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