Mo., 13.02.12

Spionage «Deutsche Dienste sind absolut hörig»

Von news.de-Redakteur Sebastian Haak

Artikel vom 14.02.2010

Der Kalte Krieg ist vorbei, doch die Zeit der Geheimdienste noch längst nicht. Vor allem nicht, wenn es um Wirtschaftsspionage geht. Im Interview sagt der Geheimdienst-Experte Schmidt-Eenboom: Auch Deutschlands Freunde bespitzeln uns.

Herr Schmidt-Eenboom, dass russische und chinesische Dienste in Deutschland gezielt Wirtschaftsspionage betreiben, ist kein Geheimnis. Aber wird die deutsche Wirtschaft auch von eigentlich befreundeten Nachrichtendiensten ausgespäht?

Schmidt-Eenboom: Ja, das wird sie. Kleinere Dienste wie der dänische oder der polnische spielen dabei keine Rolle, weil sie sich nicht mit dem großen Nachbarn anlegen wollen, aber die Nachrichtendienste größerer Staaten wie der USA oder Japan tun es. Kommen die Operationen von kleineren Diensten ans Licht, werden da auch Gegenmaßnahmen ergriffen. Wenn aber zum Beispiel US-Aktionen auffliegen, versucht man diese zu vertuschen. Das liegt an der absoluten Hörigkeit der deutschen Dienste und der deutschen Regierung gegenüber den Amerikanern.

Wie spionieren befreundete Dienste in Deutschland?

Schmidt-Eenboom: Das ist unterschiedlich. Die Japaner betreiben zu 90 Prozent nur offene Aufklärung. Das heißt, sie schauen Prospekte durch, sind auf Messen unterwegs und machen dort Fotos von neuen Produkten, oder sie kaufen etwas ein und zerlegen es dann. Die US-Amerikaner dagegen gehen schon aggressiver und auch mit verdeckten Mitteln vor. Das reicht vom Einsammeln von Papiermüll von Unternehmen bis hin zur technischen Spionage, bei der in Computersysteme oder Netzwerke eingedrungen wird. Auch die Swift-Daten werden vom US-Geheimdienst nicht nur zur Terrorabwehr genutzt, sondern auch, um Geldströme der Wirtschaft in Europa nachvollziehen zu können.

Welche der zahlreichen US-Geheimdienste sind in Deutschland aktiv?

Schmidt-Eenboom: Für die technische Spionage hat die NSA das Monopol. Die CIA hingegen setzt auf Spionage mit menschlichen Quellen.

Sie haben gesagt, die Deutschen seien den USA in nachrichtendienstlicher Hinsicht gegenüber hörig. Warum?

Schmidt-Eenboom: Na ja, der BND ist zum einen aus der Organisation Gehlen und damit aus den US-Diensten gewachsen. Zum anderen ist der BND bei seiner Arbeit im Ausland von der CIA abhängig. Da muss man kooperieren. Denn ohne die CIA geht im Ausland gar nichts. Und nicht zuletzt hat in Berlin niemand Lust, sich mit Washington auf der politischen Ebene anzulegen.

Betreiben deutsche Nachrichtendienste im befreundeten oder verbündeten Ausland Wirtschaftsspionage?

Schmidt-Eenboom: Teilweise. In den USA sind keine deutschen Nachrichtendienste aktiv. Wenn sie es wären und das FBI käme dahinter, würde das zu ganz erheblichen diplomatischen Verwerfungen führen, die niemand will. In anderen Staaten aber ist der BND in wirtschaftlicher Hinsicht sehr wohl aktiv. Denken Sie nur an seine erste Analyse über Geldwäsche in Liechtenstein und die Daten-CD mit den Namen deutscher Steuersünder, die dem Dienst von dort angeboten wurde. Da sehen Sie, welche Rolle der BND in Sachen Wirtschaftsspionage spielen kann.

Gibt es Aktivitäten der Deutschen in Sachen Wirtschaftsaufklärung in China oder Russland?

Schmidt-Eenboom: Dort betreibt der BND lediglich offene Aufklärung. Mehr ist auch gar nicht nötig. Sie können von Berlin aus über das Internet so viele Informationen sammeln, dass das Risiko einer operativen verdeckten Arbeit vor Ort in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen steht.

Aber warum betreiben Russen und Chinesen dann einen solchen Aufwand mit der operativen Arbeit?

Schmidt-Eenboom: Russland und China haben natürlich einen sehr hohen technologischen Aufholbedarf, der in Deutschland so nicht besteht. Und da verspricht man sich durch den Einsatz auch verdeckter Aufklärung offensichtlich wichtige Erkenntnisse. Ein beliebte Methode der Wirtschaftsspionage der Chinesen findet übrigens nicht mal auf deutschem Boden statt: Es kommt immer wieder vor, dass der chinesische Zoll ausländische Produkte besonders lange durchleuchtet. Selbstverständlich werden die sofort ausgewertet; nicht nur unter zollrechtlichen Gesichtspunkten.

Welche Form der Spionage ist für deutsche Firmen gefährlicher, unabhängig davon, ob die Hintermänner in Russland, China oder den USA sitzen: Die technische Aufklärung etwa durch Computerspionage oder das operative Ausspähen zum Beispiel durch den Praktikanten mit dem USB-Stick?

Schmidt-Eenboom: Beides stellt eine reale Gefahr da. Aber während die großen deutschen Unternehmen durch eigene Sicherheitsbeauftragte versuchten, der Bedrohung zu begegnen, fehlt vor allem im Mittelstand das Problembewusstsein. Dabei kommen ja gerade von dort viele Innovationen.


Erich Schmidt-Eeenboom, geboren 1953 in Leer (Ostfriesland), ist Publizist und gilt als einer der besten Geheimdienstexperten in Deutschland. Spezialisiert ist er dabei auf Europa, Nordamerika und den Nahen Osten. 1993 veröffentlichte er ein Buch über den BND. In der Folge ließ ihn der deutsche Nachrichtendienst jahrelang überwachen.

jek/news.de
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URL : http://www.news.de/wirtschaft/855044005/deutsche-dienste-sind-absolut-hoerig/1/
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 14.02.2010 19:33
von
Hermann Huber

Ja, aber... ist es nicht verboten solche Äußerungen zu verbreiten? Nun, am Mossad hat er sich vernünftigerweise ja nicht vergriffen, denn dann wäre es vorbei mit seiner Medienpräsenz, oder wenn Medienpräsenz dann eine denkbar abwertende, da seien die Hüter der Wahrheit davor!

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