Gefühlschaos im Aufzug
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Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger, Leipzig
Artikel vom 26.01.2010
Es gibt sie noch, die jungen Menschen, die sich selbstständig machen. Bei der zehnten Auflage der Elevator Pitch Night in Leipzig traten 15 Macher an und lernten, dass Machen nicht immer einfach ist - und Machen auf Englisch schon gar nicht.
In einem Aufzug soll es passieren, so der Gründungsmythos des Neudeutsch Elevator Pitch Night genannten Visitenkartenaustauschs. 30 Sekunden darf es demnach dauern, den Entscheider entscheidend zu bequatschen. Egal ob es der eigene Chef, der große Boss oder der potenzielle Geldgeber ist: Die Idee muss kurz, knackig und sexy sein, damit beim letzten «Bing» und dem Öffnen der Fahrstuhltür die Einladung zum Meeting steht. Das ist die Idee der Elevator Pitch Night, eine Veranstaltung, für die das Deutsche ein Wortungetüm wie Fahrstuhlkurzpräsentationsabend gebären würde.
15 «Pitcher» sind angetreten, an diesem bitterkalten Montagabend im Warmen, um drei Preise wettzupräsentieren, ihre Idee zu verkaufen und natürlich einen guten Eindruck zu hinterlassen. Um es vorweg zu nehmen: Es wird viel gezittert und es wird viel geschmunzelt. Hauptgrund für das Gefühlschaos: Der ganze Abend wird allein auf Englisch bestritten. Nicht ganz zufällig ist der English Business Club einer Sprachschule der Ausrichter. Deren Chef James Parsons brachte die Idee der Kurzpräsentationen vor zehn Jahren nach Leipzig.
Sachsen sind keine Angelsachsen
Parsons hat an diesem Abend als Moderator und Organisator gut zu tun. Und ihm bleibt auch nach diesem Abend viel zu tun. Denn Englisch ist und bleibt eine Hürde für viele. Sachsen ist eben nicht gleich Angelsachsen, auch wenn das die weiche Aussprache vieler harter Konsonanten nahe legt. Einige Muttersprachler sorgen zwischenzeitlich dafür, dass das Ti-Eitsch sitzt und sich die Zehennägel zeitweise wieder ins angestammte Nagelbett begeben können.
Doch auch perfektes Englisch mildert die Aufregung nur wenig. 250 zumeist adrett gekleidete Menschen mit vermutlich vielen Kontakten und vielleicht auch mehr sitzen den Pitchern gegenüber. Das Scheinwerferlicht brennt unerbittlich. Die 30 Sekunden wurden für diesen Abend auf drei Minuten gestreckt. Wer seinen Auftritt versäbelt, steht diese drei Minuten nur unter fühlbarer Pein durch. Einen der Kontestanten erwischt der Blackout ganz böse, weil sehr früh. Er möchte für eine persönliche Art der Innenarchitektur werben. Die Idee ist reizvoll, die zehnköpfige Jury ist gnadenlos und sortiert ihn trotz seiner perfekten Aussprache am unteren Ende der Skala ein.
Zwischen Mitte 20 und Mitte 40 sind die Gründer, die ihre Ideen preisgeben. Sie stehen ganz am Anfang oder sind schon etabliert, haben vier Kinder oder sind gerade der Universität entwachsen. Sie wollen an diesem Abend nicht nur die Aufregung besiegen. Sie wollen netzwerken, Kunden akquirieren oder einfach nur relativ entspannt die Reaktion auf eine neue Idee testen.
Der Trend zum Digitalen
Viele ihrer Geschäftspläne zielen mittlerweile auf die digitale Welt ab. Plattformen oder Beratung rund um den Computer sind unter den 15 Kurzvorträgen überrepräsentiert. Die junge Generation drängt sichtbar und mit Nachdruck in den Dienstleistungssektor.
Die Ideen sind da, der Weg sie umzusetzen, bleibt ein steiniger, egal ob gerade Wirtschaftskrise ist oder nicht. An diesem Abend müssen die Pitcher fast fünfeinhalb Stunden von der ersten Probe bis zum erhofften Bad in der Welt der Kontakte durchstehen und durchsitzen. Und dann kommen auch noch Peinlichkeiten dazu wie ein falsch geparktes Auto, das natürlich einem der Pitcher gehört. Natürlich wird er direkt nach der Bitte, es wegzufahren, aufgerufen, die Bühne und den nachgebauten Fahrstuhl zu betreten.
Aber Probleme mit dem Zeitmanagement und ein hoher Stresslevel sind keine Novitäten, allein die Umgebung einer auf hübsch getrimmten Veranstaltungshalle und zwei Hundertschaften Anzugträger im Publikum ist furchteinflössender als die täglichen Herausforderungen im Job.
Schließlich gewinnt ein Ingenieur mit einer grünen Idee den Preis für die beste Geschäftsidee. Seine dynamische Straßenbeleuchtung mitsamt Bewegungsmelder verspricht Einsparungen für die klammen Kassen der Kommunen. Das überzeugt auch die nicht gerade auf Milde getrimmte Jury. Der Publikumspreis ist weniger strategisch ausgerichtet und geht an einen redegewandten Manager der «jüngsten Dire-Straits-Coverband der Welt», dessen Originalität sich auf zwei bis drei freche Sprüche und ein Schweißband als Accessoire erstreckt. Er konnte seinen Auftritt locker nehmen und deshalb unterhalten, den übrigen 14 Pitchern merkte man durchweg die gefühlte Wichtigkeit der drei Minuten an.
Um kurz nach zehn ist es für sie dann soweit. Sie stecken sich ihre Namensschilder ans Revers und versuchen ihr Glück beim Visitenkartensammeln. Ohne Mikrofon und ganz ausdrücklich nicht im Fahrstuhl. Möglich, dass sie nun sogar mehr als drei Minuten bekommen und der Zwang zum Englisch mit jeder Minute nachlässt.
seh/reu/news.de
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