Kernenergie Frankreichs Atomkrieg

Die Atomkraftgegner dürfte die Selbstzerfleischung in Frankreich freuen. (Foto)
Die Atomkraftgegner dürfte die Selbstzerfleischung in Frankreich freuen. Bild: dpa

Von Hans-Hermann Nikolei
Frankreich setzt auf Atomstrom. Doch ausgerechnet zwischen zwei Schlüsselfiguren der Branche kracht es gewaltig. Ein Fall für den Eingriff des Staates.

«Sie sind dabei, Selbstmord zu begehen», klagt der konservative Senator Ladislas Poniatowski. Sie, das sind die beiden Prunkstücke der französischen Atomindustrie: der Reaktorbauer Areva und der Meilerbetreiber EDF. Deren Chefs Anne Lauvergeon und Henri Proglio haben sich derart ineinander verbissen, das die Pariser Finanzpresse von einem «offenen Krieg» spricht. Am Ende zitierte Premierminister François Fillon die beiden zu sich, um den Streit mit einem Machtwort zu beenden.

Proglio hatte den Kampf im November eröffnet. Noch vor seiner Ernennung zum EDF-Chef forderte er unverhohlen die Zerschlagung von Areva und die Führung der Atomwirtschaft durch EDF. Der Mann des Präsidenten Nicolas Sarkozy war sich seiner Sache sicher, zumal Sarkozy über Lauvergeons Weigerung verärgert war, in die Regierung einzutreten und so den Weg für einen Areva-Umbau frei zu machen.

Doch Lauvergeon kämpft wie eine Löwin um Areva. Der Konzern, der vom Uranbergbau über den Reaktorbau und die Herstellung und Aufbereitung von Kernbrennstoffen den ganzen Atomkreislauf beherrscht, ist ihr Baby. Sie hatte ihn mit der Fusion mehrerer Konzerne geschaffen. Und Lauvergeon weiß, wie man mit den Mächtigen umgeht. Das hatte sie als Beraterin des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand in den 80er Jahren gelernt.

Gefährliche Blondine

Erst schwieg die Blondine, dann zeigte sie ihre Krallen. Areva stellte zeitweise die Lieferung von Kernbrennstoff für die 58 EDF- Reaktoren ein. Außerdem stoppte sie die Abnahme des ausgebrannten Urans. Der bleibt nun in den Wasserbecken der Atomkraftwerke. Areva begründet die Kampfmaßnahmen damit, dass EDF Verträge über 850 Millionen bis eine Milliarde Euro zur Aufbereitung des Brennstoffes nicht unterschrieben hat. EDF will die ursprünglich vereinbarte Menge von 1050 Tonnen auf 850 Tonnen senken und zudem den Preis drücken. Kampfeslustig verlangte Lauvergeon öffentlich die Schlichtung durch den Staat. Am Ende machte Fillon den «Atomkrieg» zur Chefsache.

Proglio wappnete sich. Er wirft Areva vor, verantwortlich für den Verlust eines Jahrhundert-Auftrags im Wert von 20 Milliarden Euro für die französische Atomwirtschaft zu sein. Dabei geht es um Reaktoren für Abu Dhabi. Die Scheichs hatten zur allgemeinen Überraschung in Korea bestellt - und damit ein Drittel gespart. Areva habe mit seiner Inkompetenz den Auftrag vermasselt, mäkelt Proglios Seite. EDF habe sich zur Zusammenarbeit tragen lassen, schnarrt Lauvergeon zurück. Eisiger kann eine Atmosphäre zwischen Unternehmen, die füreinander jeweils die wichtigsten Industriepartner sind, nicht ein.

Schmutzkampagne

Zweites Schlachtfeld ist der Europäische Druckwasserreaktor EPR selbst. Areva baut den ersten EPR in Finnland. Das Projekt liegt drei Jahre hinter und fast drei Milliarden Euro über dem Plan - eine Katastrophe, für die Lauvergeon verantwortlich gemacht wird. EDF baut den zweiten EPR in Frankreich - und will bisher glaubwürdige Berichte nicht bestätigen, dass das Projekt auch schon zwei Jahre hinter dem Plan liegt und ebenfalls entsprechend den Kostenplan sprengt.

Jetzt eröffnen die Medien eine weitere Front gegen Proglio. Der Anlass: Proglio soll als «Doppelverdiener» mehr als zwei Millionen Euro pro Jahr kassieren. Die Regierung hat ihm 1,6 Millionen Euro als EDF-Chef zugestanden, obwohl sein Vorgänger «nur» eine Million kassierte. Außerdem darf Proglio Präsident des Verwaltungsrates des Verkehrs- und Versorgerkonzerns Veolia bleiben und dafür 450 000 Euro kassieren. Proglio war bis Ende 2009 Veolia-Chef und will dort das Sagen behalten. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde hatte im Senat einst erklärt, ein Doppelgehalt komme nicht infrage. Proglio hatte offenbar den besseren Draht zum Präsidentenpalast. Doch seinen Ruf förderte das nicht.

seh/news.de/dpa

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