AOL Vergiss nicht, woher du kommst

Bloß raus: AOL zieht sich aus Deutschland zurück. (Foto)
Bloß raus: AOL zieht sich aus Deutschland zurück. Bild: ap

Von den news.de-Redakteuren Sebastian Haak und Florian Blaschke
AOL ist am neuen Internet gescheitert. Dabei war der Konzern für Millionen das Tor zum Netz. Wichtige Trends aber verschlief der Konzern. Der Rückzug aus Deutschland ist nur ein kleiner Teil einer leidvollen Geschichte.

Fast genau elf Jahre ist es her, da schaffte es der Werbespruch von America Online in die Kinos dieser Welt. E-Mail für Dich feierte in Deutschland Premiere. Jener Film, der im Englischen You've Got Mail heißt und damit wortgleich den AOL-Slogan abbildet, der für Millionen von Internetnutzern in den 1990er Jahren Zugang zum Netz der unbegrenzten Möglichkeiten von zu Hause aus versprach. Im Februar 1999 war das. An einen Rückzug von AOL vom deutschen Markt war damals noch nicht einmal  zu denken.

Inzwischen ist das anders. Die Ankündigung von AOL, in Deutschland 140 und weltweit mehr als 2000 Jobs abzubauen, zeigt, dass auch die ganz Großen in der Branche scheitern können. Während es für Tom Hanks und Meg Ryan in E-Mail für Dich (in dieser Besetzung auch schon in Schlaflos in Seattle) ein Happy End gab, entscheidet sich AOL mit dem Aus in Deutschland für ein Ende mit Schrecken statt eines Schreckens ohne Ende.

Die Geschichte von AOL begann in den 1980er Jahren, als ein Mann mit Namen Steve Case Spiele für den Atari 2600 entwickelte - und per Modem und Telefonleitung verkaufte. Der Grundstein für das Geschäft mit der Datenübertragung war gelegt.

Bunt, spannend und ganz einfach zu bedienen

Ein paar Jahre später begann Case, die Online-Übertragung von Daten graphisch anzuhübschen, um das Wirrwarr aus Nullen und Einsen für jedermann bedienbar zu machen und damit die Tür in eine neue, schöne digitale Welt aufzustoßen. Der Plan ging auf. AOL war Mitte der 1990er Jahre der weltweit größte Internetprovider und wagte 1995 zusammen mit Bertelsmann den Schritt nach Europa. Gemeinsam gründeten die beiden Unternehmen AOL Europe.

Von da an schien es nur noch steil bergauf zu gehen. In den Worten des damaligen PR-Chefs von AOL Deutschland: «Mit E-Mail, Internet, Chat, SMS-Versand, Musik, Videos, Instant Messaging und Newsfeeds haben wir die Telekoms der Welt vor uns her getrieben. Während bei T-Online noch Sternchen, Rauten und Zahlen eingetippt werden mussten, hatten wir bunte, spannende und ganz einfach per Mausklick zu bedienende Inhalte.»

Das waren die Zeiten, als selbst Boris Becker mit der im Nachhinein fast schon ironisch wirkenden Frage «Bin ich schon drin?» im deutschen Fernsehen für AOL warb (500.000 Kunden soll das Unternehmen allein durch diese Kampagne gewonnen haben) und «Willkommen. Sie haben Post» immer und immer wieder durch deutsche Wohn- und immer mehr Arbeitszimmer schallte. Zu seinen besten Zeiten hatte AOL weltweit etwa 30 Millionen Kunden; alleine in Deutschland waren es einmal drei Millionen.

Der Trick: Während sich viele Nutzer noch mühsam und von technischen Tücken geplagt ins Telekom-Internet einwählen mussten, gab es bei AOL einfach eine CD samt funktionierender Software, die diesen Schritt vereinfachte und die AOL überall verteilte, wo es Sinn machte oder auch nicht.

Der größte Coup von AOL-Chef Case sollte die Fusion mit dem Time-Warner-Konzern sein. Zur Jahrtausendwende gingen die Unternehmen zusammen und träumten davon, künftig die digitale Unterhaltungswelt zu beherrschen, den einen großen Medienkonzern zu schaffen, der die Kino-, Fernseh- und Computerschirme gleichermaßen dominiert. Doch, so munkeln Insider bis heute, so ganz eins wurden die Unternehmen nie.

Der letzte Dinosaurier ist ausgestorben

Es kam, was vielleicht kommen musste. Der Niedergang von AOL, und es war ein langsamer. Zwar stieg Bertelsmann schon 2002 aus dem Gemeinschaftsprojekt AOL Europe aus, doch erst im Spätherbst 2009 ließen sich Time Warner und AOL endgültig wieder scheiden. Da war aus der AOL-Arena, dem Heimstadtion des Hamburger SV, schon seit zwei Jahren die HSH-Nordbank-Arena geworden. Das Unternehmen fuhr schon seit Jahren nur noch Verluste für den Mutterkonzern ein, Millionen für solch teure Werbung waren im Budget einfach nicht mehr drin.

Das letzte große Experiment der globalen Dotcom-Blase war endgültig am Ende, der letzte Dinosaurier des alten Internets ausgestorben, nachdem 2008 bereits CompuServe seine Dienste in Deutschland eingestellt hatte. Beim Zusammenschluss von AOL und Time Warner lag der Börsenwert noch bei mehr als 150 Milliarden US-Dollar. Zur Trennung brachte es AOL rein rechnerisch noch auf nicht einmal mehr fünf Milliarden. Im Jahr 2003 waren die drei Buchstaben bereits aus dem Firmennamen AOL Time Warner gestrichen worden.

Woran AOL gescheitert ist? Unter Marktbeobachtern und Analysten heißt es, der Konzern habe wichtige Trends einfach verschlafen, dazu waren die Angebote zu teuer, der Service hinkte hinterher. Das, was AOL einst ausmachte, was die Chefetage lange für ein Alleinstellungsmerkmal hielt, gab es bald überall im Netz und das auch noch kostenlos: Nachrichten und E-Mail-Adressen. DSL und Angebote jenseits solcher Inhalte spielten für das Unternehmen nie eine besonders große Rolle. Die Zukunftstrends besetzten andere. Google, Ebay, Amazon, MSN - sie alle kamen aus dem Nichts, als AOL ganz oben war und das Gespür für die Welt verloren hatte, aus der es emporgestiegen war.

Auf der Internetseite von AOL Deutschland ist vordergründig noch nichts vom Ende des einstigen Giganten zu sehen. Wer dort jedoch den Presse-Bereich anklicken will, bekommt eine Nachricht, die wie ein Omen wirkt: «Page not found».

reu/news.de

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