So., 12.02.12

Missbrauchsvorwurf Schlecker gelobt Besserung

Artikel vom 11.01.2010

Die Drogeriekette will keine umstrittenen Zeitarbeitsverträge mehr abschließen. Das Unternehmen war zuvor in die Kritik geraten, die Gewerkschaft Verdi warf Schlecker vor, systematisch Lohndumping zu betreiben.

Die wegen des vermehrten Einsatzes von Leiharbeitskräften ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Drogeriekette Schlecker will neue Zeitarbeitsverträge mit der Firma Meniar nicht mehr abschließen. Das kündigte Schlecker überraschend an. Was mit den bislang 43.000 Arbeitnehmern passiert, die laut Gewerkschaft Verdi über Meniar bei Schlecker beschäftigt sein sollen, blieb jedoch offen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte sich zuvor alarmiert gezeigt und eine Überprüfung angekündigt. Die SPD forderte die Regierung auf, «den offenkundigen Missbrauch von Leiharbeit zu unterbinden».

«Mein Ministerium wird die Vorgänge bei Schlecker sehr genau prüfen», sagte von der Leyen. Es gehe darum, «ob Gesetze verletzt oder umgangen worden sind» und ob im bestehenden Gesetzesrahmen «Schlupflöcher und Lücken sind, die Zustände in der Leiharbeit zulassen, die nicht im Sinne des Gesetzgebers sind. Dann müssen wir das Gesetz ergänzen.» Ihr sei wichtig, «dass das gute Modell der Zeitarbeit nicht in Misskredit gerät».

Schlecker hält die Vorwürfe für nicht nachvollziehbar. Um aber die Diskussion um die Beschäftigung von Leiharbeitnehmern zu beenden, habe man beschlossen, «mit sofortiger Wirkung keine neuen Arbeitnehmerüberlassungsverträge mit der Firma Meniar mehr abzuschließen», teilte ein Firmensprecher mit. Zuvor hatte das Unternehmen betont, die Arbeitsbedingungen bei Meniar bewegten sich im Rahmen des allgemein Üblichen und es würden Stundenlöhne von bis zu 13 Euro und mehr bezahlt. «Von Niedriglöhnen oder gar Lohndumping kann vor diesem Hintergrund keine Rede sein», hieß es.

Die Gewerkschaft Verdi wirft Schlecker vor, festangestellte Mitarbeiter in neue Verträge mit deutlich schlechteren Arbeits- und Einkommensbedingungen zu zwingen. Dies erfolge über die Zeitarbeitsfirma Meniar («Menschen in Arbeit») mit Sitz in Zwickau, die einen Stundenlohn von nur 6,78 Euro zahle, sagte Verdi-Unternehmensbetreuer Achim Neumann. Im Bundesdurchschnitt liege der Tariflohn einer Verkäuferin hingegen bei 12,70 Euro.

«Wir sind davon überzeugt, dass die Zeitarbeitsfirma konzernintern gegründet wurde, um Tarifverträge zu unterlaufen.» Die Löhne seien sittenwidrig. Zudem wolle sich Schlecker einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Laut Verdi hat Meniar bislang rund 43.000 Leiharbeiter an Schlecker vermittelt.

Bundesagentur sieht Politik im Zugzwang

Schlecker konterte, die Gewerkschaft habe bereits in der Vergangenheit «gezielte Desinformations- und Diffamierungskampagnen» betrieben. Es sei befremdlich, dass nun auch Politiker, deren Parteien die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse gefordert und gesetzlich gefördert haben, sich dem anschlössen. Meniar sei ein konzernunabhängiger Personaldienstleister. Dass der Meniar-Geschäftsführer am Unternehmenssitz in Ehingen ein Verbindungsbüro unterhalte, sei eine «reine Selbstverständlichkeit».

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) sieht keine Möglichkeiten zum Eingreifen: «Schlecker hat offenbar Stammbelegschaft entlassen, um sie dann in einer eigens gegründeten Zeitarbeitsfirma zu niedrigeren Löhnen wieder einzustellen», sagte eine Sprecherin der Nürnberger Behörde. «Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verbietet so etwas nicht. Hier sind politische Entscheidungen nötig.» Eine Sprecherin des Arbeitsministeriums sagte, Schlecker sei um eine Stellungnahme gebeten worden. Diese liege aber noch nicht vor.

Auch Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl Josef Laumann (CDU) wirft Schlecker systematische Lohnflucht vor, die das «soziale Gefüge in Schieflage bringt». Zeitarbeit sei dazu da, betriebliche Auftragsspitzen abzufangen oder im Falle von Urlaub und Krankheit Vertretungen bereitzustellen. Sie dürfe nicht dazu missbraucht werden, «um mit ihrer Hilfe Stammbelegschaften zu ersetzen», schreibt der CDU-Politiker laut Süddeutscher Zeitung in einem Brief an Schlecker-Mitarbeiter. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel zeigte sich laut Bericht in einem Brief an den Firmenchef Anton Schlecker besorgt.

SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil warf der Union vor, sie habe bislang einen Mindestlohn für die Zeitarbeit verhindert. Damit habe sie dem jetzt beklagten Missbrauch Vorschub geleistet. Der Arbeitsmarktexperte der FDP, Heinrich Kolb, kündigte Schritte gegen Missbrauch der Zeitarbeit an: «So, wie das bei Schlecker läuft, darf das nicht sein», sagte er der SZ.

ruk/mac/news.de/dpa
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Datenspeicherung (Foto)
Datenschutz Müller war zu neugierig

Die Drogeriemarktkette Müller muss wegen des rechtswidrigen Umgangs mit Gesundheitsdaten von Mitarbeitern 137.500 Euro Strafe mehr ...

Schlecker-Filiale (Foto)
Lohndumping Regierung prüft Vorwürfe gegen Schlecker

Die Drogeriekette Schlecker soll Lohndumping betreiben. Die Arbeitsministerin will dem mehr ...

DM Drogeriemarkt (Foto)
Interview mit DM-Manager «Wir sind altmodisch»

Für die Drogeriekette DM scheint kein Ende des Höhenfluges in Sicht. Was ist dran an mehr ...

Schlecker (Foto)
Drogeriemärkte Erbitterter Zweikampf in der Boombranche

Die deutschen Drogerieketten kämpfen erbittert um Marktanteile. Die Umsätze steigen und angeblich brauchen wir Deutschen mehr ...

Rossmann vom Dumping-Vorwurf freigesprochen (Foto)
Rossmann Dumping bleibt erlaubt

Die Drogeriemarktkette Rossmann darf weiter mit Billigpreisen mehr ...

Missbrauchsvorwurf: Schlecker gelobt Besserung » Wirtschaft » Nachrichten

URL : http://www.news.de/wirtschaft/855039825/schlecker-gelobt-besserung/1/
Schlagworte:
Abschließen, Achim Feifel, Achim Freyer, Achim Friedrich, Achim Mentzel, Achim Neumann, Achim Petry, Achim Schaible, Achim Schneider, Andrea Neumann, Anton Faistauer, Anton Iwakin, Anton Samuelsson, Anton Schlecker, Anton Stadler, Anton Worobjew, Anton Yelchin, Arbeit, Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, Arbeits, Arbeitsbedingungen, Arbeitsmarktexperte, Arbeitsminister, Arbeitsministeriums, Arbeitsverhältnisse, BA, Beenden, Behörde, Beklagten, Benjamin Karl, Bericht, Beschäftigung, Beschlossen, Betont, Betreiben, Betriebliche, Bezahlt, Brief, Bringt, Bundesagentur, Bundesarbeitsministerin, Bundesdurchschnitt, CDU, CDU-Politiker, Claudia Neumann, Dennis Karl, Diskussion, Drogeriekette, Drogerien, Ehingen, Eigens, Eingreifen, Einsatzes, Entlassen, Entscheidungen, Euro Bezahlt, Euro Handel, Euro Hintergrund, Euro Zuvor, Fälle, FDP, Firma, Firmenchef, Firmensprecher, Franz Josef, Fritz Karl, Gabriel Acevedo, Gabriel Basso, Gabriel Brockwell, Gabriel Eichborn, Gabriel Faurés, Gabriel Milito, Gabriel Muresan, Gabriel SPD-Vorsitzende, Gebeten, Gefördert, Gefüge, Gehe, George Anton, Geschäftsführer, Gesetz, Gesetze, Gesetzgebers, Gewerkschaft, Gezielte, Giuseppe Verdi, Gunter Gabriel, Heil, Heinrich Brüssow, Heinrich Graf, Heinrich Kolb, Heinrich Lohse, Heinrich Worth, Hilfe, Hintergrund, Hubertus Grimm, Hubertus Heil, Jan Josef, Josef Bierbichler, Josef Cinar, Josef Ernst, Josef Goldberger, Josef Haslinger, Josef Mengele, Josef Rusnak, Josef Zindel, Karl Benjamin, Karl Friedrich, Karl Heinz, Karl Lauterbach, Karl Malden, Karl Max, Karl Mays, Karl Quade, Karl Rosner, Karl Schöneburg, Karl Urban, Kolb, Krankheit, Kreuzfeuer, Kritik, Kür Zuvor, Läuft, Laumann, Leiharbeit, Leiharbeiter, Leiharbeitnehmern, Lene Ursula, Leyen, Liege, Lohndumping, Löhne, Löhnen, Lücken, Markus Karl, Martina Neumann, Meniar, Menschen, Mindestlohn, Ministerium, Missbrauch, Misskredit, Mitarbeiter, Modell, Möglichkeiten, Neumann, Nordrhein-Westfalens, Nürnberger, Parteien, Patrick Rahmen, Personaldienstleister, Politik, Politiker, Politische, Prüfen, Rahmen, Rede, Regierung, Reine, Richter Hintergrund, Schieflage, Schlecker, Schlupflöcher, Schreibt, Schritte, Sebastian Neumann, Selbstverständlichkeit, Sigmar Gabriel, Sinne, Sitz, SPD, SPD-Chef, SPD-Fraktionsvize, Sprecherin, Stammbelegschaft, Stammbelegschaften, Stellungnahme, Steve Brief, Stundenlohn, Stundenlöhne, Süddeutscher, Systematisch, Systematische, SZ, Tariflohn, Tarifverträge, Team Zuvor, Tor Hintergrund, Überprüfung, Überraschend, Überzeugt, Union, Unternehmen, Unternehmenssitz, Urlaub, Ursula Bauer, Ursula StraussFilmseite, Ursula Warnke, Ursula Werner, Verbindungsbüro, Verdi, Vergangenheit, Verhindert, Verkäuferin, Verträge, Vertretungen, Vorgänge, Vorschub, Vorwürfe, Warf, Wettbewerbsvorteil, Wirkung, Zeitarbeit, Zeitarbeitsfirma, Zeitung, Zugzwang, Zustände, Zuvor, Zwickau,
Leserkommentare (0)
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'
Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken Videos
zurück
vor
Anzeige
drucken
Bookmarken
Bookmarken
RSS-Newsfeed
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren