Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger - 20.12.2009, 10.19 Uhr

Discounter Netto: «Die machen Marktleiter gezielt fertig»

Kostenlose Mehrarbeit, körperliche Überlastung und Dienstpläne mit eklatanten Lücken: Der Discounter Netto sieht sich heftigen Vorwürfen seiner Mitarbeiter ausgesetzt.

Mitarbeiter des Discounters Netto wehren sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Bild: news.de

Kurz nach der Übernahme des Lebensmitteldiscounters Plus durch die Edeka-Tochter Netto Anfang 2009 regte sich heftiger Widerstand gegen immer schlechtere Arbeitsbedingungen. Zwei Artikel in der Tageszeitung und bei Spiegel Online deckten fragwürdige Methoden auf. Nun, fast ein Jahr nach Beginn der Fusion, erneuern Angestellte der Netto-Kette ihre Kritik an den rigiden Vorgaben aus der Zentrale und an den miserablen Arbeitsbedingungen.

Heike Steffen* muss morgens um 7 Uhr an der Kasse sitzen. Doch bevor sie auf ihren Drehstuhl steigt, hat sie ihren unfreiwilligen Frühsport schon hinter sich. Das Obst musste in die Auslage bugsiert werden. Je nach Saison wiegen die Kisten bis zu 18 Kilo, jetzt, kurz vor Weihnachten sind die Orangenkisten 20 Kilo schwer.

FOTOS: Discounter Die Billigheimer

Und dann seien da noch die Paletten. «Da hebste 'ne frisch geschlagene Kiefer hoch», sagt die Verkäuferin mit hörbarem Ärger in der Stimme. «Du hast einfach keinen, der dir dabei hilft.» Zuletzt war sie mehrere Wochen außer Gefecht. Der Rücken machte die morgendliche Plackerei nicht mehr mit. Ihre Ärztin habe ihr schon ein Warnsignal gegeben. Zehn Jahre noch in diesem Job, dann ginge es nur noch mit starken Schmerzmitteln.

Die Ausdünnung der Personaldecke hat nach Ansicht von Steffen System: «Als wir von Plus zu Netto wechselten, haben sie uns sechs Stunden längere Öffnungszeiten pro Woche gegeben. Vor der Umstellung waren wir 13 Festangestellte in unserem Markt, jetzt sind wir zu siebt.» Die Arbeit wird ausgelagert an Billigkräfte, sogenannte externe Packteams. Stundenlohn für die Aushilfen: 4,50 Euro. Plus50 Cent als Urlaubsgeld und 50 Cent als Weihnachtsgeld.

Heike Steffen ist mit ihren Klagen nicht allein. Gegenüber news.de äußerten sich mehrere Netto-Angestellte mit teils schweren Vorwürfen. So sollen Stundenzettel im nachhinein manipuliert und unliebsame Mitarbeiter bis zu vier Mal täglich mit Testkäufern konfrontiert worden sein.

Steffens Vertrag lautet derweil auf 21 Stunden wöchentlich. Derzeit arbeitet sie konstant 30 bis 35 Stunden. «Das Argument, man könne sich ja neben seinem Teilzeitjob eine zweite Stelle suchen, ist damit schon mal hinfällig.» Momentan steht vielerorts die Verlängerung der Öffnungszeiten bis 22 Uhr im Raum. Ob die Personalplanung das überhaupt hergibt, ist ungewiss. Schon jetzt würden Dienstpläne mit Lücken von einer Stunde geschrieben und dann erwartet, dass der eine Mitarbeiter länger bleibt und der andere früher kommt. «Einer Kollegin wurde bei der Dienstbesprechung vom Filialleiter ins Gesicht gesagt, dass sie gefälligst zwei Stunden eher kommen soll», sagt Steffen.

Der Umsatz bestimmt die maximale Arbeitszeit

Die Arbeitszeiten würden je nach Umsatz der Vorwoche von der Zentrale kontingentiert, Mehrarbeit über das Soll hinaus sei ausdrücklich nicht erwünscht, so die Verkäuferin. Kosten werden so gedrückt, die Last tragen die Mitarbeiter.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi beträgt der Anteil an Personalkosten am Umsatz einer Netto-Filiale meist nur rund 4,5 Prozent. Bei Aldi liegt demnach das Ziel bei 5 Prozent, höherpreisige Supermärkte geben anderen Angaben zufolge bis zu 13 Prozent des Umsatzes fürs Personal aus.

Dabei sieht Steffen schon jetzt die Grenze der Belastbarkeit erreicht. An einem der Samstage im Advent habe sie zwei Pausen gemacht. «Jeweils fünf Minuten.» Vorn warteten die Kunden ungeduldig an der langen Schlange, bei jedem Pfandbon, der über 2,50 Euro beträgt, müsse zudem der Marktleiter zur Kasse eilen, die Kassenkräfte dürften höhere Beträge nicht einfach auszahlen.

Der Druck von oben sei enorm, doch nicht nur Kassenkräfte und geringfügig Beschäftigte seien die Leidtragenden. «Die machen Marktleiter gezielt fertig», so Steffen. Freie Tage gebe es für die Führungskräfte praktisch nicht. Überstunden, die die Marktleiter aus der Not heraus auftürmten, dürften nicht aufgeschrieben werden.Ab Januar sollen zudem für Festangestellte keine bezahlten Überstunden mehr zulässig sein und stattdessen verstärkt 325-Euro-Pauschalkräfte eingestellt werden.

Das Unternehmen selber lehnte auf Nachfrage von news.de eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

seh/news.de

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