So., 12.02.12

Erotik als Geschäft Der Sex-Einkäufer

Von news.de-Redakteur Sebastian Haak

Artikel vom 04.12.2009

Fast ein Vierteljahrhundert lang hat Rick Zwaan Fisch verkauft. Dann Dildos, Vibratoren, Fesseln, Liebesringe. Inzwischen arbeitet er als Einkäufer für Beate Uhse - und weiß, was die Menschen wirklich brauchen.

In konservativen Gesellschaften lasse sich mit Sexspielzeug ziemlich einfach Geld verdienen, sagt Rick Zwaan. Er meint damit konservative Gesellschaften wie die deutsche. «Der Markt in Deutschland ist dem in Großbritannien sehr ähnlich», sagt er. Nach außen seien die Menschen oft zurückhaltend in Sachen Erotik, vielleicht sogar ein bisschen verschlossen in Sachen Sex. Bieder. Spießig. «Aber hinter geschlossenen Türen...»

Der 49-Jährige aus Amsterdam weiß, wovon er spricht. Seit sieben Jahren arbeitet er für Scala, die Großhandelssparte von Beate Uhse. Dort kauft Rick Zwaan für den Marktführer in Sachen Sex ein - und zwar Spielzeug.

So kommt Rick Zwaan viel herum. Im traditionell geprägten China, erzählt er, müsse er in den meisten Fällen sehr vorsichtig über seinen Job sprechen. «Aber nach einem ersten Schock sind viele sehr interessiert.» In seiner liberalen Heimat Amsterdam dagegen sei Sexspielzeug und damit sein Job so alltäglich, dass man dort niemandem mit Geschichten aus seinem Berufsalltag überraschen könne; auch seine Freunde seien von seinem Einstieg ins Sex-Geschäft überhaupt nicht überrascht gewesen. Für den Niederländer ist das vielleicht ein bisschen schade. «Denn ich mag es, die Leute ein bisschen zu schockieren», sagt er.

Der Einstieg von Rick Zwaan in die Sexbranche begann ganz bunt. 24 Jahre lang verkaufte er Fisch. Und dann hatte er genug, und begann anstatt tote Schuppen Fesseln und Fetisch-Spielzeug, das lebendigen Kitzel versprach, zu verkaufen und selbst zu designen. Doch statt auf Hardcore zu setzen, ging Rick Zwaan wirklich spielerisch an die Sache heran. «Ich habe kein Schwarz benutzt, sondern bunte, leuchtende Farben», erinnert er sich. «Außerdem habe ich freundliche Zeichnungen auf die Packungen gebracht. Für die dunkle Seite von Bondage oder S&M habe ich überhaupt kein Gefühl gehabt.»

Mit dieser Einstellung bewies Rick Zwaan ein feines Gespür für das, was die Leute offenbar wirklich wollen. Seine Kollektion wurde ein großer Erfolg und deshalb letztlich zusammen mit seiner Firma von Scala gekauft. 2002 war das. Marktanalyse: «Die Leute haben Angst vor der dunklen Seite von S&M und Bondage. Aber sie mögen es, andere geil zu machen und noch ein bisschen mehr zu versprechen.» Dieser Geisteshaltung ist der Mann bis heute treu geblieben.

Die Dildos werden kleiner

Rick Zwaan hat einen Trend in der Erotikbranche mitbegründet: den Trend zum Mainstream. Aus Sexshops werden Erotik-Boutiquen. Aus miesen und dunklen Randlagen im Kiez drängen die Verkaufsräume zunehmend in die Innenstädte. Sichtbares Zeichen für die fortschreitende Erotisierung der Gesellschaft: Werbung für Parfüm oder andere Kosmetikprodukte ist heute nicht mehr nur erotisch, sondern oft ganz explizit sexuell.

Das Ergebnis all dieser Neuausrichtung, dieser breiten Akzeptanz von Sexualität als Wesensmerkmal des menschlichen Seins, hat auch auf die Sexbranche zurückgeschlagen. In den Worten von Rick Zwaan: «In den vergangenen fünf Jahren gab es in der Branche mehr Veränderungen als in den fünfzig Jahren davor.»

Das lässt sich auch ganz bildhaft an den Sexspielzeugen ablesen, mit denen Zwaan sich jeden Tag befasst. «Die Materialien werden immer körperfreundlicher», nennt der Einkäufer ein Beispiel. Und dabei seien auch die vielleicht bekanntesten Sexspielzeuge – Dildos – übrigens in den vergangenen Jahren eher kleiner als größer geworden. «Entgegen der Vorstellung vieler Männer kaufen sich Frauen lieber kleinere Modelle», sagt der Sex-Einkäufer.

All diese Umwälzungen haben auch die Sicht der Menschen auf Sexspielzeug und Menschen wie Rick Zwaan verändert – auch in konservativen Gesellschaften. «Die ganze Perspektive ist eine neue. Man hat heute zusammen Spaß an Sexspielzeugen», sagt Rick Zwaan. Romantik sei inzwischen ein wesentlicher Bestandteil in seiner Branche, die aber selbst in Amsterdam noch nicht völlig aus der Schmuddelecke rausgekommen ist. Als sie noch jünger waren, erzählt Rick Zwaan, durften seine beiden heute 18 und 21 Jahre alten Kinder nicht in den Shop des Vaters, den dieser betrieb, als er noch selbstständiger Sexspieldesigner war. Ein bisschen braucht die Erotikbranche eben den Ruf des Verruchten.

iwe/news.de
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