Handelsexperten «Shopping wird noch internationaler»

Guerilla Store (Foto)
Ein so genannter Guerilla-Store des Modelabels Comme de Garcon in DĂŒsseldorf. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Konrad RĂŒdiger
Immer schneller und vernetzter - Das Shopping der Zukunft scheint eine unruhige Sache zu werden. Der Handelsexperte Mirko Warschun wirft im GesprÀch mit news.de einen Blick in die Zukunft des Einkaufens.

Wenn wir uns zwanzig Jahre in die Zukunft denken, wie und wo wird dann die modebewusste Frau einkaufen gehen?

Warschun: 20 Jahre sind, ob wohl es sich sehr lang anhört, keine Ewigkeit. Es wird auch dann noch Sachen geben, die es vor 20 Jahren auch schon gab. Aber es werden sich zusÀtzlich einige Trends verstÀrken, die es jetzt schon gibt und neue herausbilden.

Und diese Trends wÀren?

Warschun: Es wird sich immer mehr um das Shoppingerlebnis drehen. Es wird zunehmend schwieriger, einen Menschen mit Artikeln zu ĂŒberraschen, weil sie immer öfter weltweit relativ schnell verfĂŒgbar sind. Es gibt zwar Innovationen wie das iPhone, doch diese Sachen sind dann sehr schnell als Standard etabliert. Und dann dreht sich beim Shopping nicht mehr alles einzig um das Produkt, sondern um das Erlebnis an sich, das Ambiente und das Image. Das kann die Kaffeebar im Fashion-Store sein, das GemeinschaftsgefĂŒhl, wenn ich beim Einkaufen Freunde treffe oder auch Einkaufen als Freizeiterlebnis. Das alles wird mehr und mehr erwartet. Nicht nur beim Mode-Shopping, sondern auch in anderen Kategorien.

Welche Innovationen erwarten denn die Kunden schon frĂŒher?

Warschun: Vor allem bezĂŒglich der Shoppingzeiten werden die AnsprĂŒche der Kundschaft höher. Hier in MĂŒnchen ist der Ladenschluss mit 20 Uhr noch konservativ. In fast ganz Deutschland sind GeschĂ€fte auch bis 22 Uhr geöffnet. Erst in dieser Woche wurde bekannt, dass Rewe plant, viele Filialen erst um 24 Uhr zu schließen.

Wie steht es denn mit dem Internet? Wie schnell wird es sich denn in der Shoppingwelt durchsetzen?

Warschun: Auch hier muss ich erst einmal ein Blick zurĂŒck wagen. Zur New Economy zur Jahrtausendwende kam Online-Shopping groß heraus. Amazon war absolut neu. Man dachte, BĂŒcher und CDs, die sind klar beschreibbar, das geht gut, Mode wird eher schwierig zu verkaufen sein. Betrachtet man aber heute die UmsĂ€tze, machen Fashion und Bekleidung ĂŒber fĂŒnf Milliarden Euro Umsatz und sind die grĂ¶ĂŸte Warengruppe im deutschen Onlinehandel. Das hĂ€tte keiner so schnell erwartet, auch ich nicht. Und wir reden nicht nur von Massenware, auch Louis Vuitton oder Gucci sind online. Noch sind die UmsĂ€tze online sehr ĂŒberschaubar, zwischen drei und vier Prozent. Sie werden sich aber weiter entwickeln. Und unsere neueste „Multi-Channel Retailing“-Studie zeigt: auch die derzeitigen Zahlen tĂ€uschen darĂŒber hinweg, dass viele Kaufentscheidungen online getroffen werden und dann doch im Laden eingekauft wird.

Das heißt auch, dass viel mehr ĂŒber das Handy eingekauft werden wird?

Warschun: Eine bessere VerknĂŒpfung wird auf jeden Fall kommen. Beim Shopping mit dem Handy oder dem Blackberry wird es so sein, dass ich sehen kann, welcher Artikel wo zu welchem Preis vorrĂ€tig ist, die Preistransparenz wird also deutlich höher.

ZurĂŒck zu den Einkaufsorten. Der Frankfurter Flughafen hat ehrgeizige PlĂ€ne, seine ShoppingflĂ€chen zu erweitern. Ist das gerechtfertigt?

Warschun: Es gibt einmal die Tendenz, das Shopping nĂ€her an das BedĂŒrfnis zu rĂŒcken, klar. Das Beispiel Frankfurt zeigt zwei Dinge: Erstens, dass das Konzept auf jeden Fall Potential hat, weil eben die Wartezeiten clever genutzt werden. Zum anderen ziehen diese großen Malls wiederum Menschen an, die gar nicht fliegen. Aber das Shoppen in der Innenstadt wird es auch weiterhin geben, da bin ich mir sehr sicher.

In den InnenstÀdten eröffnen immer wieder Ein-Marken-LÀden, so genannte Flagshipstores. Wird das so weitergehen?

Warschun: Flagshipstores sind ein Trend, der sich verstĂ€rken wird, der aber auch seine Grenzen hat. So ein Laden ist gut zum Markenaufbau und -pflege, aber fĂŒr viele Kunden ist es eben wichtig, mehrere Marken in einem Laden kaufen zu können, so dass dieses Konzept nicht alle zufrieden stellt. Flagshipstores werden also nicht in den Himmel wachsen.

Könnte es in Zukunft vielleicht so eine Art Laden-Tour grĂ¶ĂŸerer Marken geben, eine Art Tournee?

Warschun: Sie spielen auf die so genannten Pop-Up-Stores an. Ich denke eher nicht, dass das große Relevanz haben wird. Das wird sich eher in einem kleineren Rahmen abspielen. Als ErgĂ€nzung in Shopping Malls sind diese temporĂ€ren LĂ€den aber durchaus denkbar, in MĂŒnchen gibt es beispielsweise auch schon eine entsprechend flexibel genutzte FlĂ€che am Flughafen.

Wir reden die ganze Zeit ĂŒber das Einkaufen der Zukunft, wie wird das eigentlich entwickelt? Gibt es da eine Art Marktforschung mit TestgeschĂ€ften?

Warschun: TestgeschĂ€fte sieht man kaum, da das in Innenstadtlagen passieren mĂŒsste, und dort sind die Kosten ĂŒber die Mieten und den Ladenbau sehr hoch: sechsstellige, teilweise Millionen-BetrĂ€ge fĂŒr ĂŒberschaubare FlĂ€chen. Die haben auch grĂ¶ĂŸere Unternehmen nicht locker. Es lĂ€uft eher ĂŒber eine Art Evolution. Vor drei Jahren haben alle ĂŒber den Apple Store in New York geredet, jetzt gibt es hierzulande auch welche. Der neueste hier in MĂŒnchen ist ein Laden, in dem man den aus Kalifornien stammenden Elektrosportwagen Tesla kaufen kann. Aber alles in allem wird auch in Zukunft kein Big Bang zu erwarten sein, sich alles nach und nach entwickeln.

Welche Shopping-Trends sind denn noch zu erwarten?

Warschun: Es könnte auf jeden Fall noch internationaler werden. Bislang haben wir die Spanier von Zara, die Schweden von H & M und viele US-amerikanische Filialisten. Es ist durchaus vorstellbar, dass dann einige chinesische oder japanische Firmen hierzulande stÀrker vertreten sind. Shanghai Tang ist so ein Kandidat, dem das zuzutrauen ist.

Und in Verbindung mit dem Internet, gibt es da Entwicklungen, die jetzt schon absehbar sind?

Warschun: Ein großes Thema fĂŒr den Handel sind die Energien, die von sozialen Netzwerken ausgehen, wo die Kunden und Konsumenten auch gerne einmal einen neuen Trend setzen und verstĂ€rken – wir nennen dies «Customer Energy». Das erfordert von den Unternehmen schon sehr große Anstrengungen, mit den Geschwindigkeiten annĂ€hernd Schritt zu halten. Dabei sind auch heute schon im Modebereich einige Firmen mit ambitionierten Wertversprechen und Logistikketten unterwegs. Zara beispielsweise nimmt sich vier bis sechs Wochen fĂŒr die Zeit vom Laufsteg in den Laden vor. Aber ich kann sie beruhigen: Auch wenn die Inhalte sich viel schneller Ă€ndern werden, die Filiale in der Innenstadt wird auch in Zukunft immer noch eine TĂŒr und ein Schaufenster haben.

Dr. Mirko Warschun (40) ist Handelsexperte bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney und leitet dort den Handelssektor des deutschsprachigen Raumes, Mittel- und Osteuropas sowie Russlands.

sgo/news.de

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