Mo., 13.02.12

Handelsexperten «Shopping wird noch internationaler»

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger

Artikel vom 27.09.2009

Immer schneller und vernetzter - Das Shopping der Zukunft scheint eine unruhige Sache zu werden. Der Handelsexperte Mirko Warschun wirft im Gespräch mit news.de einen Blick in die Zukunft des Einkaufens.

Wenn wir uns zwanzig Jahre in die Zukunft denken, wie und wo wird dann die modebewusste Frau einkaufen gehen?

Warschun: 20 Jahre sind, ob wohl es sich sehr lang anhört, keine Ewigkeit. Es wird auch dann noch Sachen geben, die es vor 20 Jahren auch schon gab. Aber es werden sich zusätzlich einige Trends verstärken, die es jetzt schon gibt und neue herausbilden.

Und diese Trends wären?

Warschun: Es wird sich immer mehr um das Shoppingerlebnis drehen. Es wird zunehmend schwieriger, einen Menschen mit Artikeln zu überraschen, weil sie immer öfter weltweit relativ schnell verfügbar sind. Es gibt zwar Innovationen wie das iPhone, doch diese Sachen sind dann sehr schnell als Standard etabliert. Und dann dreht sich beim Shopping nicht mehr alles einzig um das Produkt, sondern um das Erlebnis an sich, das Ambiente und das Image. Das kann die Kaffeebar im Fashion-Store sein, das Gemeinschaftsgefühl, wenn ich beim Einkaufen Freunde treffe oder auch Einkaufen als Freizeiterlebnis. Das alles wird mehr und mehr erwartet. Nicht nur beim Mode-Shopping, sondern auch in anderen Kategorien.

Welche Innovationen erwarten denn die Kunden schon früher?

Warschun: Vor allem bezüglich der Shoppingzeiten werden die Ansprüche der Kundschaft höher. Hier in München ist der Ladenschluss mit 20 Uhr noch konservativ. In fast ganz Deutschland sind Geschäfte auch bis 22 Uhr geöffnet. Erst in dieser Woche wurde bekannt, dass Rewe plant, viele Filialen erst um 24 Uhr zu schließen.

Wie steht es denn mit dem Internet? Wie schnell wird es sich denn in der Shoppingwelt durchsetzen?

Warschun: Auch hier muss ich erst einmal ein Blick zurück wagen. Zur New Economy zur Jahrtausendwende kam Online-Shopping groß heraus. Amazon war absolut neu. Man dachte, Bücher und CDs, die sind klar beschreibbar, das geht gut, Mode wird eher schwierig zu verkaufen sein. Betrachtet man aber heute die Umsätze, machen Fashion und Bekleidung über fünf Milliarden Euro Umsatz und sind die größte Warengruppe im deutschen Onlinehandel. Das hätte keiner so schnell erwartet, auch ich nicht. Und wir reden nicht nur von Massenware, auch Louis Vuitton oder Gucci sind online. Noch sind die Umsätze online sehr überschaubar, zwischen drei und vier Prozent. Sie werden sich aber weiter entwickeln. Und unsere neueste „Multi-Channel Retailing“-Studie zeigt: auch die derzeitigen Zahlen täuschen darüber hinweg, dass viele Kaufentscheidungen online getroffen werden und dann doch im Laden eingekauft wird.

Das heißt auch, dass viel mehr über das Handy eingekauft werden wird?

Warschun: Eine bessere Verknüpfung wird auf jeden Fall kommen. Beim Shopping mit dem Handy oder dem Blackberry wird es so sein, dass ich sehen kann, welcher Artikel wo zu welchem Preis vorrätig ist, die Preistransparenz wird also deutlich höher.

Zurück zu den Einkaufsorten. Der Frankfurter Flughafen hat ehrgeizige Pläne, seine Shoppingflächen zu erweitern. Ist das gerechtfertigt?

Warschun: Es gibt einmal die Tendenz, das Shopping näher an das Bedürfnis zu rücken, klar. Das Beispiel Frankfurt zeigt zwei Dinge: Erstens, dass das Konzept auf jeden Fall Potential hat, weil eben die Wartezeiten clever genutzt werden. Zum anderen ziehen diese großen Malls wiederum Menschen an, die gar nicht fliegen. Aber das Shoppen in der Innenstadt wird es auch weiterhin geben, da bin ich mir sehr sicher.

In den Innenstädten eröffnen immer wieder Ein-Marken-Läden, so genannte Flagshipstores. Wird das so weitergehen?

Warschun: Flagshipstores sind ein Trend, der sich verstärken wird, der aber auch seine Grenzen hat. So ein Laden ist gut zum Markenaufbau und -pflege, aber für viele Kunden ist es eben wichtig, mehrere Marken in einem Laden kaufen zu können, so dass dieses Konzept nicht alle zufrieden stellt. Flagshipstores werden also nicht in den Himmel wachsen.

Könnte es in Zukunft vielleicht so eine Art Laden-Tour größerer Marken geben, eine Art Tournee?

Warschun: Sie spielen auf die so genannten Pop-Up-Stores an. Ich denke eher nicht, dass das große Relevanz haben wird. Das wird sich eher in einem kleineren Rahmen abspielen. Als Ergänzung in Shopping Malls sind diese temporären Läden aber durchaus denkbar, in München gibt es beispielsweise auch schon eine entsprechend flexibel genutzte Fläche am Flughafen.

Wir reden die ganze Zeit über das Einkaufen der Zukunft, wie wird das eigentlich entwickelt? Gibt es da eine Art Marktforschung mit Testgeschäften?

Warschun: Testgeschäfte sieht man kaum, da das in Innenstadtlagen passieren müsste, und dort sind die Kosten über die Mieten und den Ladenbau sehr hoch: sechsstellige, teilweise Millionen-Beträge für überschaubare Flächen. Die haben auch größere Unternehmen nicht locker. Es läuft eher über eine Art Evolution. Vor drei Jahren haben alle über den Apple Store in New York geredet, jetzt gibt es hierzulande auch welche. Der neueste hier in München ist ein Laden, in dem man den aus Kalifornien stammenden Elektrosportwagen Tesla kaufen kann. Aber alles in allem wird auch in Zukunft kein Big Bang zu erwarten sein, sich alles nach und nach entwickeln.

Welche Shopping-Trends sind denn noch zu erwarten?

Warschun: Es könnte auf jeden Fall noch internationaler werden. Bislang haben wir die Spanier von Zara, die Schweden von H & M und viele US-amerikanische Filialisten. Es ist durchaus vorstellbar, dass dann einige chinesische oder japanische Firmen hierzulande stärker vertreten sind. Shanghai Tang ist so ein Kandidat, dem das zuzutrauen ist.

Und in Verbindung mit dem Internet, gibt es da Entwicklungen, die jetzt schon absehbar sind?

Warschun: Ein großes Thema für den Handel sind die Energien, die von sozialen Netzwerken ausgehen, wo die Kunden und Konsumenten auch gerne einmal einen neuen Trend setzen und verstärken – wir nennen dies «Customer Energy». Das erfordert von den Unternehmen schon sehr große Anstrengungen, mit den Geschwindigkeiten annähernd Schritt zu halten. Dabei sind auch heute schon im Modebereich einige Firmen mit ambitionierten Wertversprechen und Logistikketten unterwegs. Zara beispielsweise nimmt sich vier bis sechs Wochen für die Zeit vom Laufsteg in den Laden vor. Aber ich kann sie beruhigen: Auch wenn die Inhalte sich viel schneller ändern werden, die Filiale in der Innenstadt wird auch in Zukunft immer noch eine Tür und ein Schaufenster haben.

Dr. Mirko Warschun (40) ist Handelsexperte bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney und leitet dort den Handelssektor des deutschsprachigen Raumes, Mittel- und Osteuropas sowie Russlands.

sgo/news.de
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