Karstadt, Kaufhof & Co. Die Krise der Kaufhäuser

Sie waren einst Magneten in den Stadtzentren: Die großen Kaufhäuser. Doch nachdem Hertie und Woolworth Insolvenz anmelden mussten und der Mischkonzern Arcandor durchsickern ließ, dass er einige Karstadt-Filialen loswerden will, ist klar: Die Konsumtempel stecken tief in der Krise.

DEU Arcandor Sparprogramm (Foto)
Auch von der Karstadt-Filiale in Bottrop will sich Arcandor trennen. Bild: ap

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick verkündete Anfang der Woche, er wolle sich in den kommenden Jahren auf das Kerngeschäft des Konzerns konzentrieren. Dazu zählt er vor allem die lukrative Touristiksparte Thomas Cook sowie 81 Karstadt-Filialen. Die verbliebenen acht Warenhäuser, unter anderem die Häuser in Ludwigsburg, Kiel und Leipzig, sollen in eine neue Gesellschaft ausgegliedert und später verkauft oder geschlossen werden. Der Grund: Sie schreiben rote Zahlen und gelten als sanierungsbedürftig.

Ob es bei der Trennung von diesen acht Filialen bleibt, ist unwahrscheinlich. Denn seit Jahren schon befindet sich die Einzelhandels-Sparte der Kaufhäuser in einer Konsolidierungsphase, die jetzt zusätzlich durch die Wirtschaftskrise beschleunigt wird, wie die Insolvenzen von Hertie und Woolworth zeigen.

Shopping-Tour: Die Tempel des Konsums

In Zeiten der Wirtschaftskrise seien die Warenhäuser nicht die ersten Ziele, die Kunden für ihren Einkauf ansteuern würden, sagt Mirko Warschun, Analyst bei A.T. Kearney. Krisengewinner seien dagegen vor allem Discounter wie Aldi, Lidl und Kik. «Diese schlugen sich bisher deutlich besser als die Konkurrenz und beschleunigten teilweise sogar ihr Wachstum. Auch Drogeriemärkte wie DM und Roßmann liefen nicht schlecht.»

Wieviele von den etwa etwa 650 Warenhäusern in Deutschland nach der Wirtschaftskrise noch übrigbleiben, ist unklar. Der Saarbrücker Handelsexperte Joachim Zentes geht beispielsweise davon aus, dass etwa ein Drittel der Warenhäuser in den nächsten Jahren noch schließen wird.

Die Talfahrt der Warenhäuser begann jedoch bereits viel früher, etwa Mitte der 1990er Jahre. Seitdem stagnieren die Umsätze oder entwickeln sich laut Hauptverband des Einzels (HDE) sogar rückläufig. Auch der Anteil am bisher ständig wachsenden Gesamtumsatz des EinzelhandelsDer Gesamtumsatz des Einzelhandels liegt nach Angaben des HDE bei 399,6 Milliarden Euro für 2008. nimmt stark ab. In den 1970er Jahren sollen die Warenhäuser einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge noch 14 Prozent des Gesamtumsatzes des Einzelhandel verbucht haben. Heute sind es laut HDE nur noch 3,3 Prozent.

Die Manager und Insolvenzverwalter, die gegenwärtig ihre Häuser aus der Krise steuern wollen oder im Falle von Woolworth und Hertie versuchen, die Ketten an einen neuen Eigentümer zu bringen, schieben die Misere der vergangenen Jahre oft auf zu hohe Mieten der Immobilienbesitzer.

Analysten sehen die Gründe jedoch vor allem im veralteten Konzept und den veränderten Kaufgewohnheiten der Konsumenten. So argumentiert der Ökonom Joachim Zentes, dass sich die Kaufhausketten schon vor 20 Jahren hätten umorientieren müssen. Sie hätten sich auf einige wenige Bereiche konzentrieren und ansonsten ihre Flächen an andere Anbieter vermieten sollen. Aus Warenhauskonzernen wären dann neben Handelsunternehmen gleichzeitig Immobilienmanager mit Shopping-Centern geworden.

Lesen Sie auf Seite 2, welche die größten Konkurrenten der Kaufhäuser sind

Und eben diese Shopping-Center sind es heute auch, die den Kaufhäusern einen Großteil der Kundschaft in unmittelbarer Nachbarschaft abschöpfen. Sie bieten eine breite Produktpalette in kleinen unabhängigen Filialen großer Marken. Zudem locken Shopping-Center mit einer Vielzahl von Dienstleistern wie Friseuren und Visagisten sowie Imbiss-Angeboten.

Eine zusätzliche Konkurrenz sind spezialisierte Einkaufsketten wie beispielsweise Saturn und Media-Markt für Elektronik-Artikel oder H&M, Zara und Esprit für Mode. Diese großräumigen Fachgeschäfte haben aufgrund eines breiteren Angebots in ihrem Segment und eines oft besser geschulten Personals den Technik- und Modeabteilungen der Kaufhäuser den Rang ablaufen.

Vor allem bei der jüngeren Zielgruppe kommt außerdem das Internet als Konkurrenz dazu. Bereits jetzt liegen die Einnahmen von Onlineshops mit einem Umsatz von 12 Milliarden Euro gleichauf mit den Einnahmen der Kaufhäuser. Doch während sich laut einer Analyse von A.T. Kearney der Gesamtumsatz im Internet bis 2012 verdoppeln wird, scheint ein Umsatzwachstum bei Warenhäusern unter den gegebenen Umständen derzeit unwahrscheinlich.

Wie die Lage in anderen europäischen Ländern aussieht, darüber gibt es keine eindeutige Meinung. In Frankreich sei die Marktkonsolidierung noch weiter fortgeschritten als in Deutschland, sagt beispielsweise Kearney-Experte Mirko Warschun. Dort liege der Umsatz der Kaufhäuser seiner Einschätzung zufolge bei insgesamt nur bei 1,4 Prozent. Riesige Supermärkte wie Hypermarche oder Carrefour seien dort die Hauptwettbewerber für Kaufhausketten. Nur die großen Luxushäuser von Galeries Lafayette und Printemps in Metropolen wie Paris gehe es vergleichsweise gut, was zu einem großen Teil auf deren Beliebtheit bei Touristen zurückzuführen sei.

Der Einzelhandelsverband schätzt dagegen, dass die Situation im europäischen Ausland wie Spanien und Frankreich für die Warenhäuser besser ist als in Deutschland. «Im Ausland haben es die Warenhäuser geschafft, sich im hochpreisigen Segment zu profilieren. Außerdem ist dort die Konkurrenz der Discounter nicht so stark», erklärt Robert Weitz, Chefvolkswirt des HDE.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Chancen die Kaufhäuser überhaupt noch haben

Beim HDE sieht man die Zukunft der Warenhäuser positiv, falls die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die Unternehmen müssten weiterhin versuchen, sich auch in hochpreisigen Segmenten zu etablieren und sich mit ihren Produkten gezielter an bestimmten Zielgruppen auszurichten statt an einer Durchschnittsfamilie. Den jetzt von Arcandor-Chef Eick eingeschlagenen Weg halte er deshalb für falsch, sagt Robert Weitz.

Auch Mirko Warschun sieht für die Kaufhäuser auch in Zukunft noch eine Chance: «Das One-Stop-Shopping hat durchaus seine Existenzberechtigung», so Warschun. Der Schlüssel zum Erfolg dieser Häuser liege in einem fokussierten Sortiment, akzeptierten Eigenmarken und einer attraktiven Vermarktung.

In den nächsten Jahren gehen einige Branchenanalysten davon aus, dass die von der Insolvenz bisher verschonten Warenhausketten Karstadt und Kaufhof in Zukunft aus einer Hand geführt werden. «Es wird auf Dauer keinen Platz für beide geben», sagt unter anderem Joachim Zentes.

In eine neue, gemeinsame Gesellschaft könnten allerdings nicht alle der gegenwärtig etwa 260 Warenhäuser übernommen werden, wenn diese profitabel arbeiten soll. Nach einer Commerzbank-Studie eignen sich lediglich 100 Standorte dauerhaft für ein klassisches Warenhaus. Für die anderen müsste eine neue Verwendung gefunden werden.

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