Von news.de-Redakteur Christian Mathea - 22.04.2009, 07.04 Uhr

Das schwierige DDR-Erbe: Warum Ostdeutschland heute so weit zurückliegt

Riesige Kombinate, die Enteignung des Mittelstands und der Fachkräftemangel – das sehen Wissenschaftler als die ökonomischen Ursachen für das Scheitern der DDR. Der politische Zusammenbruch folgte auf dem Fuß.

Professor Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Bild: news.de

Für Professor Ulrich Blum ist Erich Honecker der wahre Vater der Einheit. «Niemand sonst hat so viel zur Krise der DDR-Wirtschaft beigetragen», sagt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Honecker habe die Probleme erkennen müssen und die Ursachen begrenzen können. «Neben dem unstrittig ineffizienten System der Zentralverwaltungswirtschaft als Ursache eines schwächeren wirtschaftlichen Wachstums in Ostdeutschland muss vor allem die Enteignung des gewerblichen Mittelstandes als Ursache für den letztendliche Zusammenbruch der DDR identifiziert werden», so Blum.

Ein weiterer Punkt: Anfang der 1970er Jahre kam es in der DDR zur Bildung von riesigen unflexiblen Kombinaten, quasi ein von der Regierung diktierter Zusammenschluss vieler kleinerer Betriebe. In diesen Kombinaten sieht Professor André Steiner, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, eine wesentliche Ursache für das Scheitern der DDR-Wirtschaft.

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Die Gründung der Kombinate sei oft «ohne ausreichende ökonomische Begründung vorgenommen worden», so Steiner. Sie seien von außen abgeschottet und autark gewesen, eine Plankommission der Regierung habe über die Planziele sowie die Rohstoffzuteilung entschieden. Nach der Wende hätten die meisten Kombinate keine Chance zum Überleben gehabt.

Das bestätigt auch Werner Genter, der bei der bundeseigenen Förderbank KfW für den Wiederaufbau Ostdeutschlands zuständig ist: «Viele Kombinate arbeiteten mit völlig veralteten Produktionsanlagen und hatten plötzlich mit eins zu eins auf D-Mark umgestellten Löhnen - trotz des im Vergleich zum Westen niedrigeren Lohnniveaus - im Wettbewerb keine Chance.»

Genter kritisiert in diesem Zusammenhang die schnelle Einführung der D-Mark in den neuen Bundesländern, fügt aber hinzu, dass es politisch keine Alternative gab: «Durch die Währungsumstellung fehlte einfach die Zeit für die Entwicklung seriöser und durchdachter, zukunftsfähiger Unternehmenskonzepte. Hinzu kam, dass die etablierten Absatzmärkte nach dem Zerfall der Sowjetunion äußerst schnell zusammenbrachen.»

Dass sich die Wirtschaft in Ostdeutschland bis heute nicht von den Folgen der DDR-Zeit erholt hat, liegt laut Professor Blum auch am Mangel von Fachkräften und am Mangel von Eigenkapital in den oftmals kleinen Unternehmen. Dazu kommt, dass kaum größere Konzerne ihren Unternehmenssitz nach Ostdeutschland verlegt haben. Das wiederum habe Auswirkung auf die Angebote und Arbeitsplätze in den Stadtzentren: «Das Fehlen eines gutverdienenden Führungspersonals hat auch konkrete Folgen für die urbane Struktur, weil qualitativ hochwertige Dienstleistungsangebote fehlen, besonders im Einzelhandel.»

Chancen für Ostdeutschland sieht der Präsident des IWH in den neuen Zukunftsfeldern wie der Entwicklung von Solarpanels bis hin zu grüner Gentechnik: «Das Wiedererstarken Ostdeutschlands erfolgt nur im Rahmen eines neuen Technologiezyklus, der aller Voraussicht nach bei den Umwelttechnologien anzusiedeln ist.»

mik

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