Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Eisenach - 03.03.2009, 17.21 Uhr

Standort Eisenach: «Ich war sehr stolz, bei Opel zu arbeiten»

Während Politik und Management um das Überleben der Opelstandorte in Deutschland streiten, werden im Eisenacher Werk Sonderschichten gefahren. In den Fabrikhallen herrscht eine eigenartige Stimmung. Ein Zustandsbericht.

Bei Opel in Eisenach werden derzeit Sonderschichten gefahren. Bild: news.de

Jetzt werden in Eisenach die Erinnerungen wieder wach. Und zwar die guten. Zum Beispiel an den Mai 1998. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, besuchte das kleine Städtchen in Thüringen. General Motors hatte eine der modernsten Autofabriken vor die Tore der Stadt gesetzt und ließ Opels produzieren. Der Marktplatz war voller Menschen, Festlaune. Es war eine Zeit, in der Opelkäufer in ganz Deutschland in den Autohäuser betonten, dass sie einen Wagen aus Eisenach haben möchten.

Wer heute die Stimmung in der Stadt begreifen möchte, sollte sich mit einem Opel-Mitarbeiter wie Marko treffen. 36 Jahre alt, seit 14 Jahren bei Opel Eisenach, Automarke: Opel Vectra. «Ich war sehr stolz, bei Opel zu arbeiten», sagt er. Ob er es heute noch ist? «In den Medien wird ziemlich negativ berichtet», lautet seine Antwort. Die Stimmung unter den 1700 Beschäftigten sei am Boden, genauso die Moral. Jeden Tag gebe es neue Schlagzeilen, die für Diskussionsstoff sorgen. «Besonders die älteren Kollegen leiden unter dieser Situation.»

Das Band in der Montagehalle läuft monoton im gleichen Takt. Alle 90 Sekunden kommt ein neuer Opel Corsa vorbei. 251 Stück in einer Schicht, 753 in 24 Stunden. Eine große Tafel zeigt an, ob die Arbeiter im Soll liegen. Jetzt gerade: minus zwei. Es herrscht eine Ruhe wie im Theater kurz vor der Vorstellung. Doch die Spannung steigt nicht. Die Opelaner verrichten ihre bereits tausendfach erprobten Handgriffe. Manchmal ertönt eine bekannte Melodie. Fuchs du hast die Gans gestohlen zum Beispiel. Dann wissen alle, dass irgendwo in der 50.000 Quadratmeter großen Halle ein Fehler aufgetreten ist. Das Band stoppt.

Die Opels, die vom Band rollen, sind alle bereits bestellt. Die Nachfrage zurzeit ist enorm, das Marketinginstrument namens Abwrackprämie macht es möglich. Im Februar wurden noch zehn Tage Kurzarbeit verordnet, jetzt stehen Sonderschichten auf dem Plan. «Wir erleben eine Phase der Extreme», sagt Standortsprecher Matthias Mederacke. Der Mann trägt, wie alle anderen Werker auch, eine graue Hose und ein weißes Hemd. Seinen Ehering hat er mit einem Überzieher mit Opelemblem überdeckt - Sicherheitsstandard. Seit Wochen besteht seine tägliche Arbeit darin, Journalistenanfragen zu bearbeiten und kurzfristige Pressekonferenzen abzuhalten. Den Takt gibt die Politik vor. «Doch viel Neues habe ich selten zu berichten», sagt er.

Marko ist zur Mittelschicht im Werk eingetroffen. Seit wenigen Wochen arbeitet er in einer anderen Abteilung und kümmert sich um die Endabnahme der fertigen Autos. Er könne sich ein Leben ohne Opel vorstellen. «Aber Eisenach ohne Autowerk, das geht nicht», sagt er. So gehe es fast allen Mitarbeitern, darum hätten sich auch so viele an der Demonstration vor einer Woche beteiligt. Marko begutachtet das nächste Auto. Zwischendurch hat er kurz Zeit, sich mit dem Kollegen auszutauschen. Neuigkeiten erfahren die Opelaner zuerst aus der Presse. Der Werksverkauf an Daimler sei eine Option. «Hauptsache, es geht hier weiter.»

Jetzt kommt kein Opel, sondern ein Vauxhall vorbei. Quasi der Opel für Großbritannien. «Der britische Markt ist aufgrund der Wirtschaftskrise im Grunde eingebrochen», sagt Sprecher Mederacke. Auch Russland sei tot. Doch Arbeit gibt es mehr als genug. Abwrackprämien werden in zahlreichen europäischen Ländern gezahlt, und ein Kleinwagen wie der Corsa liegt im Trend. «Dass gleichzeitig der Pleitegeier über Opel schwebt, ist sehr belastend», sagt Mederacke. Besonders für die Eisenacher. Schließlich arbeiten sie im fast profitabelsten Autowerk der Welt. «Perlen lassen sich natürlich auch gut verkaufen.» Doch zu weiteren Spekulationen ist niemand bereit. Man benötige vor allen Dingen eigene Kreditlinien, sonst sehe es ganz düster aus.

In der Vormontagehalle riecht es nach Verkohltem. Gelbe Roboter mit langen Armen greifen sich selbständig Teile und schweißen sie millimetergenau zusammen. Es ist dunkel, nur wenige Mitarbeiter beobachten die Maschinen. Per Knopfdruck kann die ganze Produktion von einer Sekunde auf die andere angehalten werden. «Dass es so nicht weiter gehen kann, wissen hier alle», sagt Marko. Es werde Einschnitte geben. Vielleicht keine Sonderzahlungen mehr, vielleicht keine Betriebsrente. «Doch irgendwann ist Schluss mit Einsparungen.» Da erinnert man sich gern an andere Zeiten, besonders an die guten.

bla

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