Mo., 13.02.12

DIHK-Chefvolkswirt «Wir müssen diese Tradition fortsetzen»

Von news.de-Redakteur Christian Mathea, Berlin

Artikel vom 21.08.2009

Die deutsche Industrie: Bisher meist hoch gelobt wird in der Krise oft behauptet, sie sei zu aufgebläht. DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier weist diesen Punkt zurück. Die Industrie werde stattdessen den Weg aus der Krise bahnen.

Die Wirtschaftskrise erfasst zunehmend die Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe. Nach Angabe des Statistischen Bundesamts hat die Industrie damit begonnen, massiv Stellen abzubauen. Im Vergleich zum Vormonat fielen allein im Juni 155.000 Stellen dem Rotstift zum Opfer. Das ist der größte Stellenabbau, den die Branche seit sechseinhalb Jahren erlebt hat. Die ferneren Zukunftsaussichten hellen sich zwar leicht auf. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis es zu einer Stabilisierung auf dem Arbeitsmarkt und zu einem Ende der Kurzarbeit kommt.

Einige Experten schätzen indes, dass der Arbeitskräftebedarf in der Deutschen Industrie auch unabhängig von der Wirtschaftskrise weiter sinken wird. Während heute noch mehr als sieben Millionen Menschen in diesem Sektor tätig sind, geht beispielsweise das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) davon aus, dass die Zahl der Arbeitskräfte bis zum Jahr 2025 in diesem Sektor auf 6,2 Millionen zurückgeht.

Das hat zwei Gründe. Zum einen sei der Anteil des verarbeitenden Sektors an der gesamten Wertschöpfung in Deutschland ohnehin sehr stark ausgeprägt, wie Christian Rammer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erklärt. In anderen hoch entwickelten Ländern wie Frankreich und den USA sei dieser Anteil bedeutend niedriger. «In Zukunft ist es deshalb zu erwarten, dass sich Deutschland der Anteil an das Niveau anderer Länder angleicht.»

Eine weitere Ursache für die sinkende Arbeitskräftenachfrage in der Industrie liege an dem beträchtlichen Produktivitätsfortschritt, erklärt Rammer weiter. Die Beschäftigten im industriellen Sektor würden eher abgebaut, auch wenn die Produktion auf diesem Niveau gehalten würde.

Trotzdem ist und bleibt Deutschland nach Einschätzung von Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ein Industriestandort. «Wir sind gut beraten, diese Tradition fortzusetzen», betont er. Aufgrund seiner Stärke im Verarbeitenden Gewerbe könne Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien, die ihre Industrie beinahe komplett aufgelöst und ihre Wirtschaft in den Finanzsektor umgebaut haben, schneller aus der Krise herauskommen.

Treier sieht im Gegensatz zu Rammer auch keine Gefahr, dass in der Industrie viele Jobs verloren gehen könnten – trotz der immer stärker werdenden Konkurrenz beispielweise aus Schwellenländern wie China und Indien, die versuchen, alles selbst zu produzieren.

In der Massenfertigung habe Deutschland keine Chance, so Treier. Jedoch habe die Bundesrepublik Wettbewerbsvorteile im Maschinenbau, da dort für den Kunden angepasste Produkte hergestellt werden können. Seiner Einschätzung nach würden auch nicht im Kern der Produktion neue Stellen entstehen, sondern in den unternehmensnahen Dienstleistungen wie bei der Beratung und Projektentwicklung vor Ort.

Insgesamt werde sich aber der Fachkräftebedarf in der Industrie weiter verschärfen, betont der Wirtschaftswissenschaftler. Die Ersatzquote, die angibt, wie viel Ingenieure auf frei werdende Stellen nachrücken können, liege in Deutschland bei 83 Prozent. In Korea liege diese Quote im Vergleich bei 180 Prozent, also bedeutend höher.

Damit die deutsche Industrie in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt, fordert Treier eine stärkere Unterstützung von Seiten der Politik, um die Infrastruktur zu verbessern. Das wurde in den vergangenen Jahren vernachlässigt. Während die Sozialausgaben gestiegen seien, habe der Staat für Wirtschaft und Infrastruktur immer weniger ausgegeben.

Die wegen der Wirtschaftskrise aufgelegten Konjunkturprogramme seien deshalb generell richtig, aber würden nicht befriedigend umgesetzt, weil für umfangreiche Infrastruktur die Kapazitäten bei den Planungsstellen und im Bausektor fehlen würden. «Es reicht nicht, die Mittelstreifen nachzuzeichnen, es müssen die Nadelöhre auf den Autobahnen entlastet werden.»

ruk/news.de
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