«Der Staat ist nicht der bessere Banker»
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Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Artikel vom 06.08.2009Unternehmen klagen über die restriktive Kreditvergabe der Banken. Finanzexperte Matthias Muck warnt trotzdem vor größerem Engagement des Staates im Kreditgeschäft. Er fordert, stattdessen das Eigenkapital der Banken aufzustocken.
Experten und die Bundesregierung warnen vor einer Kreditklemme. Welche Betriebe werden davon besonders betroffen sein?
Matthias Muck: Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts empfanden knapp 54 Prozent der großen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes die Kreditvergabe der Banken als restriktiv. Vor der Finanzmarktkrise wurde im Jahr 2007 noch ein Wert von unter 10 Prozent gemessen. Ähnliche sprunghafte Anstiege sind auch für das Baugewerbe, den Handel und die gewerbliche Wirtschaft zu beobachten.
Wie ist die Kreditklemme zu erklären?
Muck: Banken sind gegenwärtig sehr daran interessiert, ihre Kernkapitalquoten zu optimieren. Hinzu kommt, dass die Finanzkrise zu einer realwirtschaftlichen Krise geworden ist. Dadurch werden Kredite aus Sicht der Banken riskanter.
Wieviel macht die Vergabe von Unternehmenskrediten an den Bankgeschäften insgesamt überhaupt aus?
Muck: Der Umfang der Kreditvergabe an Nichtbanken betrug im November 2008 etwa 3136 Milliarden Euro. Interessant daran ist, dass sich das Volumen zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert hat.
Gibt es dazu noch eine Vergleichszahl? Wie hoch ist beispielsweise das Investmentgeschäft?
Muck: Das lässt sich schwer messen. Das Volumen der sogenannten toxischen Wertpapiere als Teil des Investmentgeschäfts wird zum Vergleich auf etwa auf 200 Milliarden Euro geschätzt.
Welche Maßnahme halten Sie für wirkungsvoll, um eine Kreditklemme zu verhindern?
Muck: Ein grundlegendes Problem der Banken besteht darin, dass sie im Zuge der Finanzkrise massive Eigenkapitalverluste erlitten haben. Deshalb ist es geboten, die Kapitalisierung der Banken zu stärken. Das kann zum Beispiel durch eine sogenannte Bad Bank, das heißt durch Ausgliederung besonders riskanter Positionen an eine öffentliche Institution geschehen. Im Gegenzug erhalten die Banken dann frisches Kapital. Problematisch daran sind natürlich die negativen Anreizwirkungen, die daraus entstehen können: Banken können Gewinne zwar behalten, Verluste aber an den Staat abgeben. Deshalb ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, wie der Staat im Gegenzug an einer möglichen zukünftigen positiven Geschäftsentwicklung von Banken beteiligt werden kann.
Was würde passieren, wenn der Staat jetzt noch stärker in die Vergabe von Unternehmenskrediten einsteigt?
Muck: Grundsätzlich sollten wirtschaftliche Entscheidungen nicht zu stark durch den Staat dominiert werden. Der Staat ist nicht der bessere Banker.
Warum nicht?
Muck: Auch in einer sozialen Marktwirtschaft sollte der Staat nur dann eingreifen, wenn er etwas besser machen kann. Die Finanzkrise hat aber gezeigt, dass das hier nicht der Fall ist: Öffentliche Institute wie zum Beispiel die Landesbanken haben genauso wie privatwirtschaftliche Banken ihre Fehler gemacht. Der staatliche Einfluss hat sich nicht positiv ausgewirkt.
Welche von den bisher getroffenen Maßnahmen zur Vorbeugung einer weiteren Finanzkrise halten Sie für besonders wichtig?
Muck: Eine direkte Folge der Finanzkrise ist sicherlich, dass Kapitalmarktakteure und die Produkte stärker unter die Lupe genommen werden. So müssen sich zum Beispiel Hedgefonds in Zukunft bei den Aufsichtsbehörden registrieren lassen und ihre Risiken offenlegen. Eine größere Transparenz wird sicherlich helfen, Risiken und Probleme früher zu erkennen.
In welchen Bereichen ist noch nicht ausreichend passiert?
Muck: Im Zuge der Finanzkrise ist mit Lehman ein zentraler Akteur und eine bedeutende Gegenpartei im großen außerbörslichen Interbanken-Derivate-Markt ausgefallen. Es ist eine spannende Frage ob und wie sich die Architektur dieses Marktes daraufhin verändern wird.
Was wäre eine denkbare Variante?
Muck: Diskutiert wird beispielsweise eine zentrale Gegenpartei, die die Erfüllung aller Geschäfte garantiert. Wie diese aussieht, das ist gegenwärtig noch unentschieden. Denkbar wäre eine Institution, die vergleichbar einer Terminbörse die Einhaltung finanzieller Verpflichtungen sicherstellt.
Auf dem G20-Gipfel wurde die Forderung nach einer internationalen Aufsichtsbehörde laut, die die Banken und den weltweiten Handel mit Wertpapieren kontrollieren soll. Welche Behörde könnte diese Aufgabe übernehmen?
Muck: Die Finanzmarktkrise hat uns deutlich vor Augen geführt, wie stark Finanzmärkte international vernetzt sind. Eine schlechte Kreditvergabepraxis in den USA hat Auswirkungen auf Institute in der ganzen Welt. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, dass alle Kapitalmarktteilnehmer nach den gleichen Regeln spielen. Eine einheitliche Kontrolle könnte durch eine starke internationale Aufsichtsbehörde sichergestellt werden. Ob es sich dabei um eine ganz neue Institution handelt oder die Kompetenzen einer bestehenden Organisation ausgeweitet werden ist dabei eine nachrangige Frage.
Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München fordert ein drittes Konjunkturpaket. Ist das derzeit sinnvoll?
Muck: Der Gedanke für ein drittes Konjunkturpaket ist verlockend. Die Bundesregierung rechnet mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsproduktes von sechs Prozent. Zudem wird die Zahl der Arbeitlosen vermutlich auf etwa vier Millionen oder mehr steigen. Allerdings gilt es auch zu beachten, dass wir in diesem Jahr bereits eine Rekordneuverschuldung von 47 Milliarden Euro hatten. Um ein neues Konjunkturpaket zu schnüren, müsste also ebenfalls ein Finanzierungskonzept auf den Tisch. Das ist in der gegenwärtigen Situation allerdings noch sehr unklar.
Matthias Muck ist Professor für Finanzcontrolling an der Universität Bamberg. Der Wissenschaftler ist außerdem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Finanzwirtschaft und Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Finanzmarktforschung.
Weiterführende Links:
Kaum Reformen: Bessere Kontrolle der Finanzmärkte stockt
ruk/news.de