Von news.de-Redakteur Christian Mathea - 08.06.2009, 11.50 Uhr

Demographischer Wandel: Senioren verändern unsere Gesellschaft

Sie haben viel Geld, doch sparen sie alles für ihre Kinder und Enkel. Das ist das Bild, was viele Menschen von Senioren und Rentnern haben. Doch diese Vorstellung ist veraltet. Die Wahrheit ist: Rentner wollen ihren Lebensabend aktiv gestalten.

Der Anteil der Senioren an der Gesamtgesellschaft steigt. Bild: dpa

Der Anteil der Senioren an der Gesamtgesellschaft nimmt ständig zu. Im Jahr 2010 werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als 40 Prozent der Deutschen Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. Ähnlich ist das Bild bei den Rentnern. Älter als 65 Jahre sind im Jahr 2010 den Angaben zufolge mehr als 20 Prozent der Bevölkerung - Tendenz steigend.

Diese Entwicklung wirkt sich seit einiger Zeit auch auf dem Arbeitsmarkt aus. Laut Statistik hat sich die Zahl der Altenpfleger in den vergangenen 15 Jahren von 194.000 auf heute 445.000 mehr als verdoppelt.

Rentner sind überall in Deutschland zu finden. Doch es gibt Städte, in denen besonders viele von ihnen wohnen. Und die liegen vor allem in Ostdeutschland. Denn während die jungen ostdeutschen Familien in den Westen umziehen, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit finden, ist der Trend bei Rentnern genau andersherum. Der Grund: Städte wie Görlitz gehen in den alten Bundesländern gezielt auf Marketingtour, um die Älteren vom billigen Wohnen im Osten zu überzeugen und damit die leeren Wohnungen in den ostdeutschen Wohngesellschaften zu füllen.

Während die städtischen Wohnungsgesellschaften bereits auf Rentner zugehen, spielt diese Zielgruppe bei den deutschen Unternehmen aber bisher keine tragende Rolle. Bei der Produktpalette und der Werbung haben die großen Anbieter weiterhin vor allem die Gruppe der 14- bis 49-jährigen im Visier. Dabei hat die Generation der über 60-Jährigen nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (IW) schon heute eine Kaufkraft von mehr als 316 Milliarden Euro. Jeder dritte Euro käme demnach zur Zeit aus dem Portemonnaie eines Senioren. Und dieser Anteil werde bis zum Jahr 2050 auf über 40 Prozent ansteigen, so die Berechnungen des IW.

Die Steigerung der Kaufkraft dürfte aber vor allem auf die demographische Entwicklung zurückzuführen sein. Denn eine große Steigerung der Renten ist nur schwer denkbar. Im Gegenteil. Vor allem im Osten werden die Renten eher sinken. Der Grund: In den kommenden Jahren gehen Generationen in Rente, die in ihrer Erwerbsbiographie viele Jahre Arbeitslosigkeit aufzuweisen haben.

Heute kommt ein Normal-Rentner auf 818 Euro im Monat. Ein ehemaliger Beamter erhält indes laut eines Berichts der Wirtschaftswoche im Durchschnitt 2185 Euro Pension. Auch bei den angesparten Vermögen gibt es dem Bericht zufolge Unterschiede. Während ein Pensionärs-Haushalt ein Nettovermögen von durchschnittlich 69.800 Euro besitzt, kommt ein Rentner-Haushalt nur auf 43.300 Euro.

Von der Kaufkraft der Senioren werden künftig wohl vor allem die Gesundheits-, die Wellnessbranche und die Weiterbildungsbranche profitieren, sagt Uta Schwarz, Wissenschaftlerin an der TU Dresden dem Radiosender BBC-RFI. Außerdem fragen Senioren ihrer Einschätzung nach künftig auch technische Produkte wie DVD-Player und Fernseher nach.

Eine anderer Bereich ist die Reisebranche. Keine Altersgruppe unternimmt so viele Reisen wie die 50- bis 70-Jährigen, berichtet das Online-Magazin reifemaerkte.de. Die neue Reiselust zeuge von dem Bedürfnis, das Alter intensiv zu nutzen.

Bei der Entwicklung von Produkten empfielt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) den Herstellern: Sie sollten sich zwar an den Senioren orientieren, aber keine speziellen Seniorenprodukte anbieten. «Ältere wollen nicht gerne durch Senioren-Produkte auffallen. Ihre Bedürfnisse sollten daher besser in bestehende Produkte integriert werden», sagte VZBV-Vorstand Gerd Billen Welt Online. Ein «Seniorenhandy» werde laut Billen eher weniger Käufer finden. Ein Handy, das leichter zu bedienen sei, hingegen schon.

Ähnlich argumentiert auch die Wissenschaftlerin Uta Schwarz. Wichtig sei, dass Produktumfeld seniorengerecht zu gestalten. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einfachen Gebrauchsanweisungen, Ruheräumen sowie Einpackhilfen und deutlich geschriebenen Preisausschilderungen in Supermärkten.

Die Alterswissenschaftlerin und ehemalige Familienministerin Ursula Lehr geht noch einen Schritt weiter. Ihrer Meinung nach würden auch viele andere Menschen davon profitieren, wenn Produkte altersgerecht werden. Beispielsweise seien die Niederflurstraßenbahnen auf Wunsch von Älteren entwickelt worden. Heute freuen sich aber auch Familien mit Kinderwagen und Fahrradfahrer über den leichteren Zugang, sagte sie Welt Online.

Aus dem Netz:

Die «Wirtschaftswoche» berichtet, wieviel Rente die deutschen Senioren bekommen
«Die Welt» erklärt, welche Produkte Senioren beim Einkauf bevorzugen und was deutsche Hersteller falsch machen

seh/news.de

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