Monarchie Queen Elizabeth II. jagt Victorias Rekord

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Queen Elizabeth II. jagt Victorias Rekord Bild: dpa

London - Die Geschichte der britischen Monarchie ist 1000 Jahre alt. Manche Herrscher waren blutrünstig, manche trunksüchtig, einige auch sanft und edelmütig.

Es sind ausgerechnet zwei Frauen, die auf dem britischen Thron am längsten durchgehalten haben.

Elizabeth II., die am 6. Februar ihr diamantenes Thronjubiläum beging und es an diesem Wochenende groß mit Pomp und Circumstances feiern wird, hinkt noch um drei Jahre hinter ihrer Ururgroßmutter Queen Victoria her. Die Regentschaften der beiden Frauen weisen verblüffende Parallelen auf - jedoch auch erhebliche Gegensätze.

Schon bei der Thronbesteigung beginnen die Ähnlichkeiten. Victoria war nur Nummer fünf in der Thronfolge, rückte aber wie durch Zufall an die Spitze. Auch Elizabeth war für die Krone eigentlich nicht bestimmt. Erst der Verzicht ihres Onkels Edward VIII. wegen dessen Liebe zu der geschiedenen US-Schauspielerin Wallis Simpson brachte ihren Vater als George VI. auf den Thron und machte sie selbst zur Anwärterin. Nach dem Tod des Vaters wurde sie am 6. Februar 1952 zur Königin proklamiert. Am 2. Juni 1953 wurde sie in der Westminister Abbey - erstmals vor einem Millionen-TV-Publikum in aller Welt - gekrönt.

Queen Elizabeth II. ist im Alter von 86 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. 80 Prozent der Briten sind den neuesten Umfragen zufolge für die Monarchie. Ihr Jubiläum zieht Touristen aus aller Welt nach London. Es wird als nationales Ereignis der Extraklasse gefeiert. Ganz London ist schon Tage vor den Feiern in ein Meer aus Union-Jack-Fahnen getaucht.

Der Altersbonus und vor allem ihre populären Enkel Harry und William mitsamt der Strahlkraft von dessen Ehefrau Kate haben sicher geholfen. Es ist aber vor allem die Würde der Königin, ihr Pflichtbewusstsein und die Kontinuität, die sie außergewöhnlich macht. «Ich glaube, die Menschen respektieren die Tatsache, dass sie Großbritannien in all der Zeit stets so bewundernswert repräsentiert hat», sagt etwa der Historiker und Monarchie-Experte Hugo Vickers.

Anders als Victoria hat Elizabeth ihre deutschen Wurzeln stets unter den Teppich gekehrt. Victoria hatte ihren deutschen Mann Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha innig geliebt - viele Verfilmungen ihres Lebens dokumentieren dies. Gemeinsam mit ihm führte sie zahlreiche Neuerungen in Großbritannien ein, die aus Deutschland kamen - wie etwa den Christbaum. Aber auch die Architektur und Einrichtung des schottischen Landsitzes Balmoral erinnert an Alberts fränkische Heimat.

Schloss Rosenau, bei Coburg gelegen, bezeichnete Victoria in ihrem Tagebuch einst als ihren Lieblingsplatz. Elizabeth dagegen, 1926 geboren und vom Zweiten Weltkrieg geprägt, hat mit Deutschland nur wenig am Hut. Bereits 1917 hatte ihr Großvater Georg V. (1865-1936) den Familiennamen von Sachsen-Coburg in Windsor ändern lassen. Obwohl es auf ihrem Stammbaum vor Namen wie Coburg, Teck, Hessen und Kassel nur so wimmelt und auch ihr Mann Philip deutsche Wurzeln hat: Nur sechsmal in 60 Jahren besuchte die Queen Deutschland - von einigen Truppenbesuchen bei der Rheinarmee abgesehen.

Victoria regierte ein Weltreich. Als sie ihr diamentenes Thronjubiläum feierte, war jeder vierte Erdenbürger Einwohner eines Landes, das zum britischen Empire gehörte. Großbritannien war auf dem Höhepunkt seiner Machtfülle angekommen - erzwungen oft mit Kriegen und viel Blutvergießen. Im «zweiten elisabethanischen Zeitalter», wie erste Historiker die vergangenen 60 Jahre in Anspielung auf die Regentschaft von Elizabeth I. (1558-1603) jetzt schon vorsichtig nennen, ist davon nicht mehr viel übrig.

Die Queen kümmert sich rührend um das Commonwealth of Nations, den losen Zusammenschluss ehemaliger britischer Kolonien. Praktisch ist er aber fast ohne politische Bedeutung. Die Kommentatoren sind sich einig: «Ohne sie würde es das Commonwealth heute nicht mehr geben.» Viel weniger als ihre Ururgroßeltern Victoria und Albert greift die Queen in die politischen Vorgänge ein. Bis heute weiß niemand genau, wo die amtierende Monarchin politisch steht. Was sie bei ihren wöchentlichen Treffen mit inzwischen zwölf Premierministern (seit Winston Churchill) besprochen hat, bleibt absolut geheim.

Gelernt hat die Queen von ihrer Vorgängerin vor allem eines: die Monarchie so durch die Untiefen der parlamentarischen Westminster-Demokratie und des Zeitgeistes zu schippern, dass sie zukunftsfähig bleibt. Einst als steif und verbissen verschrien, ist die Queen heute zum Vorbild geworden, zum Modell des modernen Staatsoberhauptes mit christlichem Wertekanon. «Sie hat es geschafft, die Monarchie zu bewegen», sagt ihr Enkel Harry. Wie sein Vater Charles sieht er neben dem Staatsoberhaupt Elizabeth vor allem auch die Familienfrau. Charles ließ die BBC rührende Bilder übertragen, die zeigen, wie die Queen ihm als Kleinkind das Laufen lernte.

Schon ihre Ururgroßmutter war in ihren letzten Thronjahren die «Großmutter Europas». Zu ihren Jubiläen hatte sie erstmals Monarchie zum öffentlichen Massenereignis für das Volk gemacht. Hunderttausende säumten die Straßen Londons, als Victoria 1897 zu ihrem diamantenen Jubiläum - damals im Alter von 78 Jahren schon schwer an Arthritis erkrankt - mit der Kutsche durch London fuhr. Elizabeths «Sechzigstes» soll an diesem Wochenende alles toppen, was die Royals bisher in ihrer Geschichte auf die Beine gestellt haben. Allein 1000 Schiffe sollen am Sonntag die Themse hinunterschippern.

Elizabeth II. wirkt für ihre 86 Jahre kerngesund. Im Moment zweifelt kaum jemand daran, dass sie Victorias Thronrekord überbieten wird. Ein vorzeitiges Abdanken gilt ohnehin als ausgeschlossen. Sie ist fest davon überzeugt: Die Krone hat sie «von Gottes Gnaden» erhalten. Das verpflichtet.

Informationen zur britischen Monarchie

Webseite zum diamantenen Thronjubiläum

news.de/dpa

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